Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Kraepelin, Emil: Ueber die Beeinflussung einfacher psychischer Vorgänge durch einige Arzneimittel. Jena, 1892.

Bild:
<< vorherige Seite

gewonnen worden. Auf diese Weise entstanden Curven, welche den
Gang der Leistungsfähigkeit im Laufe zweier Stunden von Viertel-
stunde zu Viertelstunde anzeigten. Der Vergleich derselben mit den
früher gewonnenen "Normalcurven" liess dann ein Urtheil über
Richtung und Grösse des medicamentösen Einflusses mit einiger
Sicherheit zu. Allerdings darf dabei nicht ausser Acht gelassen
werden, dass sowol die "Normalcurven" wie die Alkoholcurven nur
Individuen waren und keine Garantie für die Darstellung typischer
Verhältnisse boten. Dem Spiel der Zufälligkeiten war somit immerhin
ein breiter Raum geboten, und die Ausdehnung der Versuche auf
mehrere Personen vermag nur bis zu einem gewissen Grade den
Mangel häufiger Wiederholung des gleichen Experimentes an dem-
selben Individuum auszugleichen. Nach den meisten Richtungen hin
ist übrigens der Ausfall der Versuche doch ein so regelmässiger ge-
wesen, dass man ihre Ergebnisse als den Ausdruck gesetzmässiger
Beziehungen ansehen darf; nur in einigen Punkten muss weiterer
Forschung die endgültige Entscheidung vorbehalten bleiben.

Für die eingehendere Betrachtung der Versuchsdaten wird es
sich empfehlen, zunächst die Erfahrungen bei der Addition in's Auge
zu fassen. Die folgende Tabelle XXIV enthält eine Zusammenstellung
der Normal- und Alkoholversuche mit Addiren für alle Versuchspersonen.
Jeder Werth bedeutet dabei die Anzahl der Zahlen, welche durch-
schnittlich in je 5 Minuten der betreffenden Versuchsviertelstunde
addirt wurden. Die Versuchspersonen sind nach der Grösse ihrer
Arbeitsleistung in den Normalversuchen geordnet. Die Normalversuche
wurden im Winter 1888 vor Weihnachten, die Versuche mit 30 gr
am 7. März, diejenigen mit 20 gr am 10. December 1889 aus-
geführt.

Die Unterschiede in der Leistungsfähigkeit der einzelnen Per-
sonen sind schon in den Normalversuchen sehr bedeutende. M. addirt
fast doppelt so viel Zahlen wie Da. und, wenn wir den noch nicht
durch Alkohol beeinflussten Anfang der Versuche von He. berück-
sichtigen, nahezu dreimal so viel wie dieser Letztere. Wahrscheinlich
sind diese Unterschiede zum grossen Theil auf Rechnung der Uebung zu
setzen, da wir beobachten können, dass die Leistungsfähigkeit regelmässig
bei den zeitlich späteren Alkoholversuchen von Anfang an eine grössere
war, als früher. Die einzige Ausnahme bildet der Versuch von De.
mit 20 gr Alkohol, der insofern vielleicht unter etwas abnormen Ver-
hältnissen ausgeführt wurde, als De. damals gerade im Begriffe stand,
seine seitherige Stellung aufzugeben und deswegen mit Arbeiten aller

gewonnen worden. Auf diese Weise entstanden Curven, welche den
Gang der Leistungsfähigkeit im Laufe zweier Stunden von Viertel-
stunde zu Viertelstunde anzeigten. Der Vergleich derselben mit den
früher gewonnenen „Normalcurven“ liess dann ein Urtheil über
Richtung und Grösse des medicamentösen Einflusses mit einiger
Sicherheit zu. Allerdings darf dabei nicht ausser Acht gelassen
werden, dass sowol die „Normalcurven“ wie die Alkoholcurven nur
Individuen waren und keine Garantie für die Darstellung typischer
Verhältnisse boten. Dem Spiel der Zufälligkeiten war somit immerhin
ein breiter Raum geboten, und die Ausdehnung der Versuche auf
mehrere Personen vermag nur bis zu einem gewissen Grade den
Mangel häufiger Wiederholung des gleichen Experimentes an dem-
selben Individuum auszugleichen. Nach den meisten Richtungen hin
ist übrigens der Ausfall der Versuche doch ein so regelmässiger ge-
wesen, dass man ihre Ergebnisse als den Ausdruck gesetzmässiger
Beziehungen ansehen darf; nur in einigen Punkten muss weiterer
Forschung die endgültige Entscheidung vorbehalten bleiben.

Für die eingehendere Betrachtung der Versuchsdaten wird es
sich empfehlen, zunächst die Erfahrungen bei der Addition in’s Auge
zu fassen. Die folgende Tabelle XXIV enthält eine Zusammenstellung
der Normal- und Alkoholversuche mit Addiren für alle Versuchspersonen.
Jeder Werth bedeutet dabei die Anzahl der Zahlen, welche durch-
schnittlich in je 5 Minuten der betreffenden Versuchsviertelstunde
addirt wurden. Die Versuchspersonen sind nach der Grösse ihrer
Arbeitsleistung in den Normalversuchen geordnet. Die Normalversuche
wurden im Winter 1888 vor Weihnachten, die Versuche mit 30 gr
am 7. März, diejenigen mit 20 gr am 10. December 1889 aus-
geführt.

Die Unterschiede in der Leistungsfähigkeit der einzelnen Per-
sonen sind schon in den Normalversuchen sehr bedeutende. M. addirt
fast doppelt so viel Zahlen wie Da. und, wenn wir den noch nicht
durch Alkohol beeinflussten Anfang der Versuche von He. berück-
sichtigen, nahezu dreimal so viel wie dieser Letztere. Wahrscheinlich
sind diese Unterschiede zum grossen Theil auf Rechnung der Uebung zu
setzen, da wir beobachten können, dass die Leistungsfähigkeit regelmässig
bei den zeitlich späteren Alkoholversuchen von Anfang an eine grössere
war, als früher. Die einzige Ausnahme bildet der Versuch von De.
mit 20 gr Alkohol, der insofern vielleicht unter etwas abnormen Ver-
hältnissen ausgeführt wurde, als De. damals gerade im Begriffe stand,
seine seitherige Stellung aufzugeben und deswegen mit Arbeiten aller

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0085" n="69"/>
gewonnen worden. Auf diese Weise entstanden Curven, welche den<lb/>
Gang der Leistungsfähigkeit im Laufe zweier Stunden von Viertel-<lb/>
stunde zu Viertelstunde anzeigten. Der Vergleich derselben mit den<lb/>
früher gewonnenen &#x201E;Normalcurven&#x201C; liess dann ein Urtheil über<lb/>
Richtung und Grösse des medicamentösen Einflusses mit einiger<lb/>
Sicherheit zu. Allerdings darf dabei nicht ausser Acht gelassen<lb/>
werden, dass sowol die &#x201E;Normalcurven&#x201C; wie die Alkoholcurven nur<lb/>
Individuen waren und keine Garantie für die Darstellung typischer<lb/>
Verhältnisse boten. Dem Spiel der Zufälligkeiten war somit immerhin<lb/>
ein breiter Raum geboten, und die Ausdehnung der Versuche auf<lb/>
mehrere Personen vermag nur bis zu einem gewissen Grade den<lb/>
Mangel häufiger Wiederholung des gleichen Experimentes an dem-<lb/>
selben Individuum auszugleichen. Nach den meisten Richtungen hin<lb/>
ist übrigens der Ausfall der Versuche doch ein so regelmässiger ge-<lb/>
wesen, dass man ihre Ergebnisse als den Ausdruck gesetzmässiger<lb/>
Beziehungen ansehen darf; nur in einigen Punkten muss weiterer<lb/>
Forschung die endgültige Entscheidung vorbehalten bleiben.</p><lb/>
          <p>Für die eingehendere Betrachtung der Versuchsdaten wird es<lb/>
sich empfehlen, zunächst die Erfahrungen bei der <hi rendition="#g">Addition</hi> in&#x2019;s Auge<lb/>
zu fassen. Die folgende Tabelle XXIV enthält eine Zusammenstellung<lb/>
der Normal- und Alkoholversuche mit Addiren für alle Versuchspersonen.<lb/>
Jeder Werth bedeutet dabei die Anzahl der Zahlen, welche durch-<lb/>
schnittlich in je 5 Minuten der betreffenden Versuchsviertelstunde<lb/>
addirt wurden. Die Versuchspersonen sind nach der Grösse ihrer<lb/>
Arbeitsleistung in den Normalversuchen geordnet. Die Normalversuche<lb/>
wurden im Winter 1888 vor Weihnachten, die Versuche mit 30 gr<lb/>
am 7. März, diejenigen mit 20 gr am 10. December 1889 aus-<lb/>
geführt.</p><lb/>
          <p>Die Unterschiede in der Leistungsfähigkeit der einzelnen Per-<lb/>
sonen sind schon in den Normalversuchen sehr bedeutende. M. addirt<lb/>
fast doppelt so viel Zahlen wie Da. und, wenn wir den noch nicht<lb/>
durch Alkohol beeinflussten Anfang der Versuche von He. berück-<lb/>
sichtigen, nahezu dreimal so viel wie dieser Letztere. Wahrscheinlich<lb/>
sind diese Unterschiede zum grossen Theil auf Rechnung der Uebung zu<lb/>
setzen, da wir beobachten können, dass die Leistungsfähigkeit regelmässig<lb/>
bei den zeitlich späteren Alkoholversuchen von Anfang an eine grössere<lb/>
war, als früher. Die einzige Ausnahme bildet der Versuch von De.<lb/>
mit 20 gr Alkohol, der insofern vielleicht unter etwas abnormen Ver-<lb/>
hältnissen ausgeführt wurde, als De. damals gerade im Begriffe stand,<lb/>
seine seitherige Stellung aufzugeben und deswegen mit Arbeiten aller<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[69/0085] gewonnen worden. Auf diese Weise entstanden Curven, welche den Gang der Leistungsfähigkeit im Laufe zweier Stunden von Viertel- stunde zu Viertelstunde anzeigten. Der Vergleich derselben mit den früher gewonnenen „Normalcurven“ liess dann ein Urtheil über Richtung und Grösse des medicamentösen Einflusses mit einiger Sicherheit zu. Allerdings darf dabei nicht ausser Acht gelassen werden, dass sowol die „Normalcurven“ wie die Alkoholcurven nur Individuen waren und keine Garantie für die Darstellung typischer Verhältnisse boten. Dem Spiel der Zufälligkeiten war somit immerhin ein breiter Raum geboten, und die Ausdehnung der Versuche auf mehrere Personen vermag nur bis zu einem gewissen Grade den Mangel häufiger Wiederholung des gleichen Experimentes an dem- selben Individuum auszugleichen. Nach den meisten Richtungen hin ist übrigens der Ausfall der Versuche doch ein so regelmässiger ge- wesen, dass man ihre Ergebnisse als den Ausdruck gesetzmässiger Beziehungen ansehen darf; nur in einigen Punkten muss weiterer Forschung die endgültige Entscheidung vorbehalten bleiben. Für die eingehendere Betrachtung der Versuchsdaten wird es sich empfehlen, zunächst die Erfahrungen bei der Addition in’s Auge zu fassen. Die folgende Tabelle XXIV enthält eine Zusammenstellung der Normal- und Alkoholversuche mit Addiren für alle Versuchspersonen. Jeder Werth bedeutet dabei die Anzahl der Zahlen, welche durch- schnittlich in je 5 Minuten der betreffenden Versuchsviertelstunde addirt wurden. Die Versuchspersonen sind nach der Grösse ihrer Arbeitsleistung in den Normalversuchen geordnet. Die Normalversuche wurden im Winter 1888 vor Weihnachten, die Versuche mit 30 gr am 7. März, diejenigen mit 20 gr am 10. December 1889 aus- geführt. Die Unterschiede in der Leistungsfähigkeit der einzelnen Per- sonen sind schon in den Normalversuchen sehr bedeutende. M. addirt fast doppelt so viel Zahlen wie Da. und, wenn wir den noch nicht durch Alkohol beeinflussten Anfang der Versuche von He. berück- sichtigen, nahezu dreimal so viel wie dieser Letztere. Wahrscheinlich sind diese Unterschiede zum grossen Theil auf Rechnung der Uebung zu setzen, da wir beobachten können, dass die Leistungsfähigkeit regelmässig bei den zeitlich späteren Alkoholversuchen von Anfang an eine grössere war, als früher. Die einzige Ausnahme bildet der Versuch von De. mit 20 gr Alkohol, der insofern vielleicht unter etwas abnormen Ver- hältnissen ausgeführt wurde, als De. damals gerade im Begriffe stand, seine seitherige Stellung aufzugeben und deswegen mit Arbeiten aller

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/kraepelin_arzneimittel_1892
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/kraepelin_arzneimittel_1892/85
Zitationshilfe: Kraepelin, Emil: Ueber die Beeinflussung einfacher psychischer Vorgänge durch einige Arzneimittel. Jena, 1892, S. 69. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/kraepelin_arzneimittel_1892/85>, abgerufen am 20.05.2019.