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Krane, Friedrich von: Die Dressur des Reitpferdes (Campagne- und Gebrauchs-Pferdes). Münster, 1856.

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Vom Körpergewicht des Reiters.
jetzt noch wohl auf der Entenjagd trägt, der mit ausgepressten
Knien bis oben auf die Lende reicht, wie ihn der 30-jährige Krieg
bewährt fand, ist der wahre Reiterstiefel. Unsere Reithosen
halten nicht, doch Gott behüte uns vor der steifen Kanone, die
mit ihrer Stulpe den Regen fängt und welche die weisse Leder-
hose prallen und springseligen Andenkens in ihrem Gefolge hat,
und gebe uns den Reiterstiefel, der hält, der sich leicht reinigt,
der vor dem Wetter schützt und einmal beschafft, billiger
ist, wie unsere hässliche, ewig an den Knien zerrissene Reithose,
die zuletzt ein wunderbares Conglomerat von Tuch und Leder
wird. Mit ihm würde eine dunkle, enge Lederhose das ewige
Durchreiten unserer Rekruten und Wehrreiter um ein Bedeu-
tendes verringern, der Sporn wieder an die rechte Stelle
gebracht werden
und derselbe ein Costüm vollenden, das
jetzt oben eben so schön, wie unten hässlich genannt werden muss.
So würden auch endlich der weisse Rock und der braune Sattel
der Wichse los, mit der sie schon so lange eng verbunden, sich
nie befreunden werden. Der Einwurf, dass alle Armeen dieses
Reitbeinkleid tragen und es mithin so unpraktisch nicht sein könne,
zerfällt von selbst, wenn wir uns das Costüm des 7-jährigen Kriegs
ins Gedächtniss zurückrufen und bedenken, wie lange sich dasselbe
trotz seiner unläugbaren Unzweckmässigkeit erhalten hat.


Sechstes Kapitel.

Vom Körpergewicht des Reiters.

So manche Erscheinungen im Leben lassen wir theils ihrer
Alltäglichkeit
, theils unserer Geistesträgheit wegen
vorübergehen, ohne uns über die Ursache, welche sie hervorrief
und modifizirte, Rechenschaft zu geben. Wir verlieren aber da-
durch nicht nur die Fähigkeit, die Gründe für ähnliche Erschei-
nungen sofort zu erfassen, sondern auch die Prinzipien für unsere
Handlungsweise, um sie in dieser oder jener Gestaltung hervorzu-
rufen. Solche alltägliche Erscheinungen wollen wir jetzt vornehmen

Vom Körpergewicht des Reiters.
jetzt noch wohl auf der Entenjagd trägt, der mit ausgepressten
Knien bis oben auf die Lende reicht, wie ihn der 30-jährige Krieg
bewährt fand, ist der wahre Reiterstiefel. Unsere Reithosen
halten nicht, doch Gott behüte uns vor der steifen Kanone, die
mit ihrer Stulpe den Regen fängt und welche die weisse Leder-
hose prallen und springseligen Andenkens in ihrem Gefolge hat,
und gebe uns den Reiterstiefel, der hält, der sich leicht reinigt,
der vor dem Wetter schützt und einmal beschafft, billiger
ist, wie unsere hässliche, ewig an den Knien zerrissene Reithose,
die zuletzt ein wunderbares Conglomerat von Tuch und Leder
wird. Mit ihm würde eine dunkle, enge Lederhose das ewige
Durchreiten unserer Rekruten und Wehrreiter um ein Bedeu-
tendes verringern, der Sporn wieder an die rechte Stelle
gebracht werden
und derselbe ein Costüm vollenden, das
jetzt oben eben so schön, wie unten hässlich genannt werden muss.
So würden auch endlich der weisse Rock und der braune Sattel
der Wichse los, mit der sie schon so lange eng verbunden, sich
nie befreunden werden. Der Einwurf, dass alle Armeen dieses
Reitbeinkleid tragen und es mithin so unpraktisch nicht sein könne,
zerfällt von selbst, wenn wir uns das Costüm des 7-jährigen Kriegs
ins Gedächtniss zurückrufen und bedenken, wie lange sich dasselbe
trotz seiner unläugbaren Unzweckmässigkeit erhalten hat.


Sechstes Kapitel.

Vom Körpergewicht des Reiters.

So manche Erscheinungen im Leben lassen wir theils ihrer
Alltäglichkeit
, theils unserer Geistesträgheit wegen
vorübergehen, ohne uns über die Ursache, welche sie hervorrief
und modifizirte, Rechenschaft zu geben. Wir verlieren aber da-
durch nicht nur die Fähigkeit, die Gründe für ähnliche Erschei-
nungen sofort zu erfassen, sondern auch die Prinzipien für unsere
Handlungsweise, um sie in dieser oder jener Gestaltung hervorzu-
rufen. Solche alltägliche Erscheinungen wollen wir jetzt vornehmen

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[63/0085] Vom Körpergewicht des Reiters. jetzt noch wohl auf der Entenjagd trägt, der mit ausgepressten Knien bis oben auf die Lende reicht, wie ihn der 30-jährige Krieg bewährt fand, ist der wahre Reiterstiefel. Unsere Reithosen halten nicht, doch Gott behüte uns vor der steifen Kanone, die mit ihrer Stulpe den Regen fängt und welche die weisse Leder- hose prallen und springseligen Andenkens in ihrem Gefolge hat, und gebe uns den Reiterstiefel, der hält, der sich leicht reinigt, der vor dem Wetter schützt und einmal beschafft, billiger ist, wie unsere hässliche, ewig an den Knien zerrissene Reithose, die zuletzt ein wunderbares Conglomerat von Tuch und Leder wird. Mit ihm würde eine dunkle, enge Lederhose das ewige Durchreiten unserer Rekruten und Wehrreiter um ein Bedeu- tendes verringern, der Sporn wieder an die rechte Stelle gebracht werden und derselbe ein Costüm vollenden, das jetzt oben eben so schön, wie unten hässlich genannt werden muss. So würden auch endlich der weisse Rock und der braune Sattel der Wichse los, mit der sie schon so lange eng verbunden, sich nie befreunden werden. Der Einwurf, dass alle Armeen dieses Reitbeinkleid tragen und es mithin so unpraktisch nicht sein könne, zerfällt von selbst, wenn wir uns das Costüm des 7-jährigen Kriegs ins Gedächtniss zurückrufen und bedenken, wie lange sich dasselbe trotz seiner unläugbaren Unzweckmässigkeit erhalten hat. Sechstes Kapitel. Vom Körpergewicht des Reiters. So manche Erscheinungen im Leben lassen wir theils ihrer Alltäglichkeit, theils unserer Geistesträgheit wegen vorübergehen, ohne uns über die Ursache, welche sie hervorrief und modifizirte, Rechenschaft zu geben. Wir verlieren aber da- durch nicht nur die Fähigkeit, die Gründe für ähnliche Erschei- nungen sofort zu erfassen, sondern auch die Prinzipien für unsere Handlungsweise, um sie in dieser oder jener Gestaltung hervorzu- rufen. Solche alltägliche Erscheinungen wollen wir jetzt vornehmen

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Zitationshilfe: Krane, Friedrich von: Die Dressur des Reitpferdes (Campagne- und Gebrauchs-Pferdes). Münster, 1856, S. 63. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/krane_reitpferd_1856/85>, abgerufen am 24.04.2019.