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Krieger, Ernst: [Lebenserinnerungen des Ernst Krieger]. Um 1907.

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III Universitätszeit.

Es stand seit langem fest, dass ich Theologie studieren würde. Ein Schwanken in der Berufswahl gab es nicht, obgleich meine Neigungen und besonderen Anlagen mehr auf Naturwissenschaft und Technik hinwiesen. Es war nicht der ausgesprochene Wille der Eltern, es waren auch nicht hervorragende Pfarrergestalten, die mich zum geistlichen Berufe zogen, auch nicht bewusstes und regeres religiöses Leben - so wird es das väterliche Vorbild und Wirken gewesen sein, was mich zum Pfarramt und zur Theologie zog.

Für bayerische und pfälzische Theologen stand nur eine bayerische Universität mit einer evangelisch-theologischen Fakultät offen, nämlich Erlangen, obgleich der pfälzische unierte Rationalismus gegen die orthodox-lutherische Erlanger Fakultät starken Widerwillen äusserte. Allenfalls konnte noch das holländische Utrecht in Betracht kommen, wohin das Stipendium Bernhardinum viele Pfälzer lockte und wo mein Vater selbst studiert hatte. Aber die Utrechter Professoren hatten keinen besonderen Klang in Deutschland und der Vater wollte nichts vom Stipendiumgenuss wissen; obgleich er kein Vermögen und kein glänzendes Einkommen besass, trat er jeder Bewerbung um Stipendien entgegen. Einen Grund hierfür hat er nie angegeben.

So zeigte mein Universitätsweg weiter zunächst nach Erlangen. Zu Fusse zog ich dahin aus. In der letzten Nacht hatte ich zu Zweibrücken noch einen Kasinoball durchtanzt, marschierte den denkwürdigen Weg nach Kaiserslautern wo Onkel Karl damals Bezirksrichter war, und ging dazu abends auf Onkels Anregung dort zu einem Balle, um bis Mitternacht das Tanzbein zu schwingen. Dies zeigt, dass ich wenig geistliche Gedanken im Kopfe, aber viel Tanzlust im Herzen und tüchtige Kraft in den Beinen hatte. Der weitere Weg führte über Frankenthal. Dort wollte ich meiner jetzt daselbst wohnenden Flamme "auf Wiedersehen" sagen, es wurde aber ein langes Nichtmehrwiedersehen daraus, denn wir brouillierten uns wegen der Theologie.

III Universitätszeit.

Es stand seit langem fest, dass ich Theologie studieren würde. Ein Schwanken in der Berufswahl gab es nicht, obgleich meine Neigungen und besonderen Anlagen mehr auf Naturwissenschaft und Technik hinwiesen. Es war nicht der ausgesprochene Wille der Eltern, es waren auch nicht hervorragende Pfarrergestalten, die mich zum geistlichen Berufe zogen, auch nicht bewusstes und regeres religiöses Leben – so wird es das väterliche Vorbild und Wirken gewesen sein, was mich zum Pfarramt und zur Theologie zog.

Für bayerische und pfälzische Theologen stand nur eine bayerische Universität mit einer evangelisch-theologischen Fakultät offen, nämlich Erlangen, obgleich der pfälzische unierte Rationalismus gegen die orthodox-lutherische Erlanger Fakultät starken Widerwillen äusserte. Allenfalls konnte noch das holländische Utrecht in Betracht kommen, wohin das Stipendium Bernhardinum viele Pfälzer lockte und wo mein Vater selbst studiert hatte. Aber die Utrechter Professoren hatten keinen besonderen Klang in Deutschland und der Vater wollte nichts vom Stipendiumgenuss wissen; obgleich er kein Vermögen und kein glänzendes Einkommen besass, trat er jeder Bewerbung um Stipendien entgegen. Einen Grund hierfür hat er nie angegeben.

So zeigte mein Universitätsweg weiter zunächst nach Erlangen. Zu Fusse zog ich dahin aus. In der letzten Nacht hatte ich zu Zweibrücken noch einen Kasinoball durchtanzt, marschierte den denkwürdigen Weg nach Kaiserslautern wo Onkel Karl damals Bezirksrichter war, und ging dazu abends auf Onkels Anregung dort zu einem Balle, um bis Mitternacht das Tanzbein zu schwingen. Dies zeigt, dass ich wenig geistliche Gedanken im Kopfe, aber viel Tanzlust im Herzen und tüchtige Kraft in den Beinen hatte. Der weitere Weg führte über Frankenthal. Dort wollte ich meiner jetzt daselbst wohnenden Flamme ”auf Wiedersehen“ sagen, es wurde aber ein langes Nichtmehrwiedersehen daraus, denn wir brouillierten uns wegen der Theologie.

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        <p>So zeigte mein Universitätsweg weiter zunächst nach Erlangen. Zu Fusse zog ich dahin aus. In der letzten Nacht hatte ich zu Zweibrücken noch einen Kasinoball durchtanzt, marschierte den denkwürdigen Weg nach Kaiserslautern wo Onkel Karl damals Bezirksrichter war, und ging dazu abends auf Onkels Anregung dort zu einem Balle, um bis Mitternacht das Tanzbein zu schwingen. Dies zeigt, dass ich wenig geistliche Gedanken im Kopfe, aber viel Tanzlust im Herzen und tüchtige Kraft in den Beinen hatte. Der weitere Weg führte über Frankenthal. Dort wollte ich meiner jetzt daselbst wohnenden Flamme &#x201D;auf Wiedersehen&#x201C; sagen, es wurde aber ein langes Nichtmehrwiedersehen daraus, denn wir brouillierten uns wegen der Theologie.
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[27/0027] III Universitätszeit. Es stand seit langem fest, dass ich Theologie studieren würde. Ein Schwanken in der Berufswahl gab es nicht, obgleich meine Neigungen und besonderen Anlagen mehr auf Naturwissenschaft und Technik hinwiesen. Es war nicht der ausgesprochene Wille der Eltern, es waren auch nicht hervorragende Pfarrergestalten, die mich zum geistlichen Berufe zogen, auch nicht bewusstes und regeres religiöses Leben – so wird es das väterliche Vorbild und Wirken gewesen sein, was mich zum Pfarramt und zur Theologie zog. Für bayerische und pfälzische Theologen stand nur eine bayerische Universität mit einer evangelisch-theologischen Fakultät offen, nämlich Erlangen, obgleich der pfälzische unierte Rationalismus gegen die orthodox-lutherische Erlanger Fakultät starken Widerwillen äusserte. Allenfalls konnte noch das holländische Utrecht in Betracht kommen, wohin das Stipendium Bernhardinum viele Pfälzer lockte und wo mein Vater selbst studiert hatte. Aber die Utrechter Professoren hatten keinen besonderen Klang in Deutschland und der Vater wollte nichts vom Stipendiumgenuss wissen; obgleich er kein Vermögen und kein glänzendes Einkommen besass, trat er jeder Bewerbung um Stipendien entgegen. Einen Grund hierfür hat er nie angegeben. So zeigte mein Universitätsweg weiter zunächst nach Erlangen. Zu Fusse zog ich dahin aus. In der letzten Nacht hatte ich zu Zweibrücken noch einen Kasinoball durchtanzt, marschierte den denkwürdigen Weg nach Kaiserslautern wo Onkel Karl damals Bezirksrichter war, und ging dazu abends auf Onkels Anregung dort zu einem Balle, um bis Mitternacht das Tanzbein zu schwingen. Dies zeigt, dass ich wenig geistliche Gedanken im Kopfe, aber viel Tanzlust im Herzen und tüchtige Kraft in den Beinen hatte. Der weitere Weg führte über Frankenthal. Dort wollte ich meiner jetzt daselbst wohnenden Flamme ”auf Wiedersehen“ sagen, es wurde aber ein langes Nichtmehrwiedersehen daraus, denn wir brouillierten uns wegen der Theologie.

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Zitationshilfe: Krieger, Ernst: [Lebenserinnerungen des Ernst Krieger]. Um 1907, S. 27. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/krieger_lebenserinnerungen_1907/27>, abgerufen am 23.03.2019.