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Krieger, Ernst: [Lebenserinnerungen des Ernst Krieger]. Um 1907.

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IV. Vikariatszeit.

Die Aufnahmeprüfung der Pfarramtskandidaten leitete im Jahre 1851 der Konsistorialrath Börsch; als Examinatoren fungierten der Konsistorialrath Wand senior und die Dekane Fischer, Hollenstein und Moschel. Letzterem hatte mich mein Vater gelegentlich vorgestellt und ihn ermahnt: Fahret mir fein säuberlich mit dem Knaben Absalom! Mir war nicht gerade bange, nur der theilweise Gebrauch der lateinischen Sprache war mir unheimlich. Den Examinatoren ging es damit wohl ähnlich. In der mündlichen Prüfung hiess es sehr bald: utamur lingua nostra vernacula! und bei den schriftlichen Arbeiten wurde es nicht gerügt, dass wir dem Latein möglichst aus dem Wege gingen. Die Examinatoren waren durchweg wohlwollend, ein Durchfall war nicht zu beklagen. Mit der Note III zu II kehrte ich heim.

Die Einberufung zum kirchlichen Dienste liess auf sich warten. In der Wartezeit wagte ich mich 2 mal auf die Zweibrücker Kanzel und predigte das 1. mal Nachmittags über die Epistel Eph.6,10ff, das dazu gesungene Lied fing an: Ernst ist der Kampf. Ein Freund machte dazu den Witz, ich habe über meinen Vornamen singen lassen und dann über meinen Nachnamen gepredigt. Die 2., Vormittags gehaltene Predigt über Matth.18,20ff trug mir die Zensur von Professor Butters ein: gut verständlich und orthodox. Sonstiges Lob erinnere ich mich nicht, auch keinen Tadel.

Durch Freundesmund kam die Anfrage an mich, ob ich nicht an die Deutsche Evangelische Gemeinde in Odessa gehen wolle. Die Stellung war verlockend, der Gehalt glänzend, zur Vorbereitung auf französische Predigten sollte ich 2 Jahre Zeit haben. Trotzdem bewarb ich mich nicht, weil die Gemeinde reformierten Charakter hatte, ich aber milder Lutheraner war, der wohl in der unierten Kirche, nicht aber in einer reformierten Gemeinde ein Amt suchen konnte.

IV. Vikariatszeit.

Die Aufnahmeprüfung der Pfarramtskandidaten leitete im Jahre 1851 der Konsistorialrath Börsch; als Examinatoren fungierten der Konsistorialrath Wand senior und die Dekane Fischer, Hollenstein und Moschel. Letzterem hatte mich mein Vater gelegentlich vorgestellt und ihn ermahnt: Fahret mir fein säuberlich mit dem Knaben Absalom! Mir war nicht gerade bange, nur der theilweise Gebrauch der lateinischen Sprache war mir unheimlich. Den Examinatoren ging es damit wohl ähnlich. In der mündlichen Prüfung hiess es sehr bald: utamur lingua nostra vernacula! und bei den schriftlichen Arbeiten wurde es nicht gerügt, dass wir dem Latein möglichst aus dem Wege gingen. Die Examinatoren waren durchweg wohlwollend, ein Durchfall war nicht zu beklagen. Mit der Note III zu II kehrte ich heim.

Die Einberufung zum kirchlichen Dienste liess auf sich warten. In der Wartezeit wagte ich mich 2 mal auf die Zweibrücker Kanzel und predigte das 1. mal Nachmittags über die Epistel Eph.6,10ff, das dazu gesungene Lied fing an: Ernst ist der Kampf. Ein Freund machte dazu den Witz, ich habe über meinen Vornamen singen lassen und dann über meinen Nachnamen gepredigt. Die 2., Vormittags gehaltene Predigt über Matth.18,20ff trug mir die Zensur von Professor Butters ein: gut verständlich und orthodox. Sonstiges Lob erinnere ich mich nicht, auch keinen Tadel.

Durch Freundesmund kam die Anfrage an mich, ob ich nicht an die Deutsche Evangelische Gemeinde in Odessa gehen wolle. Die Stellung war verlockend, der Gehalt glänzend, zur Vorbereitung auf französische Predigten sollte ich 2 Jahre Zeit haben. Trotzdem bewarb ich mich nicht, weil die Gemeinde reformierten Charakter hatte, ich aber milder Lutheraner war, der wohl in der unierten Kirche, nicht aber in einer reformierten Gemeinde ein Amt suchen konnte.

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[39/0039] IV. Vikariatszeit. Die Aufnahmeprüfung der Pfarramtskandidaten leitete im Jahre 1851 der Konsistorialrath Börsch; als Examinatoren fungierten der Konsistorialrath Wand senior und die Dekane Fischer, Hollenstein und Moschel. Letzterem hatte mich mein Vater gelegentlich vorgestellt und ihn ermahnt: Fahret mir fein säuberlich mit dem Knaben Absalom! Mir war nicht gerade bange, nur der theilweise Gebrauch der lateinischen Sprache war mir unheimlich. Den Examinatoren ging es damit wohl ähnlich. In der mündlichen Prüfung hiess es sehr bald: utamur lingua nostra vernacula! und bei den schriftlichen Arbeiten wurde es nicht gerügt, dass wir dem Latein möglichst aus dem Wege gingen. Die Examinatoren waren durchweg wohlwollend, ein Durchfall war nicht zu beklagen. Mit der Note III zu II kehrte ich heim. Die Einberufung zum kirchlichen Dienste liess auf sich warten. In der Wartezeit wagte ich mich 2 mal auf die Zweibrücker Kanzel und predigte das 1. mal Nachmittags über die Epistel Eph.6,10ff, das dazu gesungene Lied fing an: Ernst ist der Kampf. Ein Freund machte dazu den Witz, ich habe über meinen Vornamen singen lassen und dann über meinen Nachnamen gepredigt. Die 2., Vormittags gehaltene Predigt über Matth.18,20ff trug mir die Zensur von Professor Butters ein: gut verständlich und orthodox. Sonstiges Lob erinnere ich mich nicht, auch keinen Tadel. Durch Freundesmund kam die Anfrage an mich, ob ich nicht an die Deutsche Evangelische Gemeinde in Odessa gehen wolle. Die Stellung war verlockend, der Gehalt glänzend, zur Vorbereitung auf französische Predigten sollte ich 2 Jahre Zeit haben. Trotzdem bewarb ich mich nicht, weil die Gemeinde reformierten Charakter hatte, ich aber milder Lutheraner war, der wohl in der unierten Kirche, nicht aber in einer reformierten Gemeinde ein Amt suchen konnte.

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Zitationshilfe: Krieger, Ernst: [Lebenserinnerungen des Ernst Krieger]. Um 1907, S. 39. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/krieger_lebenserinnerungen_1907/39>, abgerufen am 19.03.2019.