Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Lambert, Johann Heinrich: Neues Organon. Bd. 1. Leipzig, 1764.

Bild:
<< vorherige Seite

IV. Hauptstück,
bemerkt worden zu seyn. Und dieses wiederfährt be-
sonders denen, die zum schließen eben kein Geschicke
haben. Sie werfen Vordersätze und Schlußsätze
nebst noch vielen andern, die etwann auch gar nicht
dahin dienen, so durch einander, daß man Mühe hat,
es auseinander zu lesen, und das Schlüßige besonders
zu nehmen. Sodann wird ein Schluß versteckter,
wenn man seine Vordersätze ganz umgekehrt, mit an-
dern Sätzen verwickelt vorträgt, und nicht einmal
durch behörige Bindewörter, weil, daher, folglich
etc. anzeigt, daß man im Sinn hatte, einen Schluß
zu machen. Dieses ist dem Verfahren der Mathe-
matiker ganz entgegen gesetzt, die die äußerste Sorg-
falt haben, über den Zusammenhang ihres Vor-
trags Licht auszubreiten, und noch überdies den Leser
davon zu erinnern, damit er darauf Acht habe, was
man ihm klar und in der nettesten Ordnung vor Au-
gen legt. (§. 149. seqq.)

§. 253.

Wie aber auch immer ein Schluß versteckt seyn
kann, so haben wir dabey weiter nichts zu thun, als
zu sehen, ob die Folge uns einleuchtet, oder was dar-
an noch fehlt, um sie uns vorstellig zu machen. Kön-
nen wir uns darinn zurecht finden, so wird es auch
so schwer nicht seyn, den Schluß aus dem Cahos
heraus zu ziehen, und ihn in seine behörige Form zu
bringen, damit er könne geprüft werden. Widrigen-
falls wird man das Cahos müssen dahin gestellt seyn
lassen, bis man etwann Anlässe sindet, die das-
selbe aufklären helfen. Bis dahin bleibt es unaus-
gemacht, ob es wahr oder falsch ist, und die Vermu-
thung fällt eher wenigstens zum Theil auf das letztere,
weil die Deutlichkeit des Vortrags mit seiner Richtig-
keit fast immer zu Paaren geht. Und wer seine Ge-

danken

IV. Hauptſtuͤck,
bemerkt worden zu ſeyn. Und dieſes wiederfaͤhrt be-
ſonders denen, die zum ſchließen eben kein Geſchicke
haben. Sie werfen Vorderſaͤtze und Schlußſaͤtze
nebſt noch vielen andern, die etwann auch gar nicht
dahin dienen, ſo durch einander, daß man Muͤhe hat,
es auseinander zu leſen, und das Schluͤßige beſonders
zu nehmen. Sodann wird ein Schluß verſteckter,
wenn man ſeine Vorderſaͤtze ganz umgekehrt, mit an-
dern Saͤtzen verwickelt vortraͤgt, und nicht einmal
durch behoͤrige Bindewoͤrter, weil, daher, folglich
ꝛc. anzeigt, daß man im Sinn hatte, einen Schluß
zu machen. Dieſes iſt dem Verfahren der Mathe-
matiker ganz entgegen geſetzt, die die aͤußerſte Sorg-
falt haben, uͤber den Zuſammenhang ihres Vor-
trags Licht auszubreiten, und noch uͤberdies den Leſer
davon zu erinnern, damit er darauf Acht habe, was
man ihm klar und in der netteſten Ordnung vor Au-
gen legt. (§. 149. ſeqq.)

§. 253.

Wie aber auch immer ein Schluß verſteckt ſeyn
kann, ſo haben wir dabey weiter nichts zu thun, als
zu ſehen, ob die Folge uns einleuchtet, oder was dar-
an noch fehlt, um ſie uns vorſtellig zu machen. Koͤn-
nen wir uns darinn zurecht finden, ſo wird es auch
ſo ſchwer nicht ſeyn, den Schluß aus dem Cahos
heraus zu ziehen, und ihn in ſeine behoͤrige Form zu
bringen, damit er koͤnne gepruͤft werden. Widrigen-
falls wird man das Cahos muͤſſen dahin geſtellt ſeyn
laſſen, bis man etwann Anlaͤſſe ſindet, die daſ-
ſelbe aufklaͤren helfen. Bis dahin bleibt es unaus-
gemacht, ob es wahr oder falſch iſt, und die Vermu-
thung faͤllt eher wenigſtens zum Theil auf das letztere,
weil die Deutlichkeit des Vortrags mit ſeiner Richtig-
keit faſt immer zu Paaren geht. Und wer ſeine Ge-

danken
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0180" n="158"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">IV.</hi> Haupt&#x017F;tu&#x0364;ck,</hi></fw><lb/>
bemerkt worden zu &#x017F;eyn. Und die&#x017F;es wiederfa&#x0364;hrt be-<lb/>
&#x017F;onders denen, die zum &#x017F;chließen eben kein Ge&#x017F;chicke<lb/>
haben. Sie werfen Vorder&#x017F;a&#x0364;tze und Schluß&#x017F;a&#x0364;tze<lb/>
neb&#x017F;t noch vielen andern, die etwann auch gar nicht<lb/>
dahin dienen, &#x017F;o durch einander, daß man Mu&#x0364;he hat,<lb/>
es auseinander zu le&#x017F;en, und das <hi rendition="#fr">Schlu&#x0364;ßige</hi> be&#x017F;onders<lb/>
zu nehmen. Sodann wird ein Schluß ver&#x017F;teckter,<lb/>
wenn man &#x017F;eine Vorder&#x017F;a&#x0364;tze ganz umgekehrt, mit an-<lb/>
dern Sa&#x0364;tzen verwickelt vortra&#x0364;gt, und nicht einmal<lb/>
durch beho&#x0364;rige Bindewo&#x0364;rter, <hi rendition="#fr">weil, daher, folglich</hi><lb/>
&#xA75B;c. anzeigt, daß man im Sinn hatte, einen Schluß<lb/>
zu machen. Die&#x017F;es i&#x017F;t dem Verfahren der Mathe-<lb/>
matiker ganz entgegen ge&#x017F;etzt, die die a&#x0364;ußer&#x017F;te Sorg-<lb/>
falt haben, u&#x0364;ber den <hi rendition="#fr">Zu&#x017F;ammenhang</hi> ihres Vor-<lb/>
trags Licht auszubreiten, und noch u&#x0364;berdies den Le&#x017F;er<lb/>
davon zu erinnern, damit er darauf Acht habe, was<lb/>
man ihm klar und in der nette&#x017F;ten Ordnung vor Au-<lb/>
gen legt. (§. 149. <hi rendition="#aq">&#x017F;eqq.</hi>)</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head>§. 253.</head><lb/>
            <p>Wie aber auch immer ein Schluß ver&#x017F;teckt &#x017F;eyn<lb/>
kann, &#x017F;o haben wir dabey weiter nichts zu thun, als<lb/>
zu &#x017F;ehen, ob die Folge uns einleuchtet, oder was dar-<lb/>
an noch fehlt, um &#x017F;ie uns vor&#x017F;tellig zu machen. Ko&#x0364;n-<lb/>
nen wir uns darinn zurecht finden, &#x017F;o wird es auch<lb/>
&#x017F;o &#x017F;chwer nicht &#x017F;eyn, den Schluß aus dem <hi rendition="#aq">Cahos</hi><lb/>
heraus zu ziehen, und ihn in &#x017F;eine beho&#x0364;rige Form zu<lb/>
bringen, damit er ko&#x0364;nne gepru&#x0364;ft werden. Widrigen-<lb/>
falls wird man das <hi rendition="#aq">Cahos</hi> mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en dahin ge&#x017F;tellt &#x017F;eyn<lb/>
la&#x017F;&#x017F;en, bis man etwann Anla&#x0364;&#x017F;&#x017F;e &#x017F;indet, die da&#x017F;-<lb/>
&#x017F;elbe aufkla&#x0364;ren helfen. Bis dahin bleibt es unaus-<lb/>
gemacht, ob es wahr oder fal&#x017F;ch i&#x017F;t, und die Vermu-<lb/>
thung fa&#x0364;llt eher wenig&#x017F;tens zum Theil auf das letztere,<lb/>
weil die Deutlichkeit des Vortrags mit &#x017F;einer Richtig-<lb/>
keit fa&#x017F;t immer zu Paaren geht. Und wer &#x017F;eine Ge-<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">danken</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[158/0180] IV. Hauptſtuͤck, bemerkt worden zu ſeyn. Und dieſes wiederfaͤhrt be- ſonders denen, die zum ſchließen eben kein Geſchicke haben. Sie werfen Vorderſaͤtze und Schlußſaͤtze nebſt noch vielen andern, die etwann auch gar nicht dahin dienen, ſo durch einander, daß man Muͤhe hat, es auseinander zu leſen, und das Schluͤßige beſonders zu nehmen. Sodann wird ein Schluß verſteckter, wenn man ſeine Vorderſaͤtze ganz umgekehrt, mit an- dern Saͤtzen verwickelt vortraͤgt, und nicht einmal durch behoͤrige Bindewoͤrter, weil, daher, folglich ꝛc. anzeigt, daß man im Sinn hatte, einen Schluß zu machen. Dieſes iſt dem Verfahren der Mathe- matiker ganz entgegen geſetzt, die die aͤußerſte Sorg- falt haben, uͤber den Zuſammenhang ihres Vor- trags Licht auszubreiten, und noch uͤberdies den Leſer davon zu erinnern, damit er darauf Acht habe, was man ihm klar und in der netteſten Ordnung vor Au- gen legt. (§. 149. ſeqq.) §. 253. Wie aber auch immer ein Schluß verſteckt ſeyn kann, ſo haben wir dabey weiter nichts zu thun, als zu ſehen, ob die Folge uns einleuchtet, oder was dar- an noch fehlt, um ſie uns vorſtellig zu machen. Koͤn- nen wir uns darinn zurecht finden, ſo wird es auch ſo ſchwer nicht ſeyn, den Schluß aus dem Cahos heraus zu ziehen, und ihn in ſeine behoͤrige Form zu bringen, damit er koͤnne gepruͤft werden. Widrigen- falls wird man das Cahos muͤſſen dahin geſtellt ſeyn laſſen, bis man etwann Anlaͤſſe ſindet, die daſ- ſelbe aufklaͤren helfen. Bis dahin bleibt es unaus- gemacht, ob es wahr oder falſch iſt, und die Vermu- thung faͤllt eher wenigſtens zum Theil auf das letztere, weil die Deutlichkeit des Vortrags mit ſeiner Richtig- keit faſt immer zu Paaren geht. Und wer ſeine Ge- danken

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764/180
Zitationshilfe: Lambert, Johann Heinrich: Neues Organon. Bd. 1. Leipzig, 1764, S. 158. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764/180>, abgerufen am 22.01.2020.