Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Lambert, Johann Heinrich: Neues Organon. Bd. 1. Leipzig, 1764.

Bild:
<< vorherige Seite

VI. Hauptstück,
so wird ihre Wahrheit für sich zugegeben, und die
Schlußrede ist zum Beweise hinreichend. Widrigen-
falls aber müssen die Vordersätze durch neue Schluß-
reden bewiesen werden. Auch in diesen muß demnach
die Form richtig, und die Vordersätze wahr seyn.
Die Wahrheit der Vordersätze erfordert zuweilen neue
Schlußreden, und dieses geht so weit, bis man auf
Vordersätze kömmt, deren Wahrheit für sich ein-
leuchtend ist.

§. 315.

Dieses Verfahren heißt die analytische Artzu
beweisen,
weil man bey dem Schlußsatz anfängt,
und ihn durch eine Schlußrede in zween Vordersätze,
jeden von diesen wiederum in zween andre auflöst,
und damit so weit fortfährt, bis die Vordersätze kei-
ner fernern Auflösung mehr bedürfen. Man hat
lange Zeit geglaubt, diese Art zu beweisen sey die
einige, und hat sie daher auch fast allein in den Ver-
nunftlehren betrachtet. Die scholastische Art zu
disputiren beruht darauf, und diese Gewohnheit machte
ihre Kenntniß einigermaaßen nothwendig. Da man
aber bey dem Schlußsatze anfängt, so ist klar, daß
man voraus wissen müsse, ob er wahr sey oder nicht?
Denn wäre er falsch, so würde er sich gar nicht be-
weisen lassen, weil aus wahren Vordersätzen und
richtiger Form nothwendig auch ein wahrer Schluß-
satz folgt. Versichert man sich aber vorher, daß der
Satz, den man beweisen will, wahr sey, so geschieht
dieses entweder aus Gründen, oder durch die Erfah-
rung. Jm ersten Fall stellt man sich seinen Zusam-
menhang mit den Gründen bereits vor, und in so ferne
wird nicht nur der analytische Vortrag überflüßig,
sondern es zeigt sich zugleich, daß es noch andre
Arten zu beweisen geben müsse. Gründet sich hinge-

gen

VI. Hauptſtuͤck,
ſo wird ihre Wahrheit fuͤr ſich zugegeben, und die
Schlußrede iſt zum Beweiſe hinreichend. Widrigen-
falls aber muͤſſen die Vorderſaͤtze durch neue Schluß-
reden bewieſen werden. Auch in dieſen muß demnach
die Form richtig, und die Vorderſaͤtze wahr ſeyn.
Die Wahrheit der Vorderſaͤtze erfordert zuweilen neue
Schlußreden, und dieſes geht ſo weit, bis man auf
Vorderſaͤtze koͤmmt, deren Wahrheit fuͤr ſich ein-
leuchtend iſt.

§. 315.

Dieſes Verfahren heißt die analytiſche Artzu
beweiſen,
weil man bey dem Schlußſatz anfaͤngt,
und ihn durch eine Schlußrede in zween Vorderſaͤtze,
jeden von dieſen wiederum in zween andre aufloͤſt,
und damit ſo weit fortfaͤhrt, bis die Vorderſaͤtze kei-
ner fernern Aufloͤſung mehr beduͤrfen. Man hat
lange Zeit geglaubt, dieſe Art zu beweiſen ſey die
einige, und hat ſie daher auch faſt allein in den Ver-
nunftlehren betrachtet. Die ſcholaſtiſche Art zu
diſputiren beruht darauf, und dieſe Gewohnheit machte
ihre Kenntniß einigermaaßen nothwendig. Da man
aber bey dem Schlußſatze anfaͤngt, ſo iſt klar, daß
man voraus wiſſen muͤſſe, ob er wahr ſey oder nicht?
Denn waͤre er falſch, ſo wuͤrde er ſich gar nicht be-
weiſen laſſen, weil aus wahren Vorderſaͤtzen und
richtiger Form nothwendig auch ein wahrer Schluß-
ſatz folgt. Verſichert man ſich aber vorher, daß der
Satz, den man beweiſen will, wahr ſey, ſo geſchieht
dieſes entweder aus Gruͤnden, oder durch die Erfah-
rung. Jm erſten Fall ſtellt man ſich ſeinen Zuſam-
menhang mit den Gruͤnden bereits vor, und in ſo ferne
wird nicht nur der analytiſche Vortrag uͤberfluͤßig,
ſondern es zeigt ſich zugleich, daß es noch andre
Arten zu beweiſen geben muͤſſe. Gruͤndet ſich hinge-

gen
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0230" n="208"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">VI.</hi> Haupt&#x017F;tu&#x0364;ck,</hi></fw><lb/>
&#x017F;o wird ihre Wahrheit fu&#x0364;r &#x017F;ich zugegeben, und die<lb/>
Schlußrede i&#x017F;t zum Bewei&#x017F;e hinreichend. Widrigen-<lb/>
falls aber mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en die Vorder&#x017F;a&#x0364;tze durch neue Schluß-<lb/>
reden bewie&#x017F;en werden. Auch in die&#x017F;en muß demnach<lb/>
die Form richtig, und die Vorder&#x017F;a&#x0364;tze wahr &#x017F;eyn.<lb/>
Die Wahrheit der Vorder&#x017F;a&#x0364;tze erfordert zuweilen neue<lb/>
Schlußreden, und die&#x017F;es geht &#x017F;o weit, bis man auf<lb/>
Vorder&#x017F;a&#x0364;tze ko&#x0364;mmt, deren Wahrheit fu&#x0364;r &#x017F;ich ein-<lb/>
leuchtend i&#x017F;t.</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head>§. 315.</head><lb/>
            <p>Die&#x017F;es Verfahren heißt die <hi rendition="#fr">analyti&#x017F;che Artzu<lb/>
bewei&#x017F;en,</hi> weil man bey dem Schluß&#x017F;atz anfa&#x0364;ngt,<lb/>
und ihn durch eine Schlußrede in zween Vorder&#x017F;a&#x0364;tze,<lb/>
jeden von die&#x017F;en wiederum in zween andre <hi rendition="#fr">auflo&#x0364;&#x017F;t,</hi><lb/>
und damit &#x017F;o weit fortfa&#x0364;hrt, bis die Vorder&#x017F;a&#x0364;tze kei-<lb/>
ner fernern Auflo&#x0364;&#x017F;ung mehr <hi rendition="#fr">bedu&#x0364;rfen.</hi> Man hat<lb/>
lange Zeit geglaubt, die&#x017F;e Art zu bewei&#x017F;en &#x017F;ey die<lb/>
einige, und hat &#x017F;ie daher auch fa&#x017F;t allein in den Ver-<lb/>
nunftlehren betrachtet. Die &#x017F;chola&#x017F;ti&#x017F;che Art zu<lb/>
di&#x017F;putiren beruht darauf, und die&#x017F;e Gewohnheit machte<lb/>
ihre Kenntniß einigermaaßen nothwendig. Da man<lb/>
aber bey dem Schluß&#x017F;atze anfa&#x0364;ngt, &#x017F;o i&#x017F;t klar, daß<lb/>
man voraus wi&#x017F;&#x017F;en mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;e, ob er wahr &#x017F;ey oder nicht?<lb/>
Denn wa&#x0364;re er fal&#x017F;ch, &#x017F;o wu&#x0364;rde er &#x017F;ich gar nicht be-<lb/>
wei&#x017F;en la&#x017F;&#x017F;en, weil aus wahren Vorder&#x017F;a&#x0364;tzen und<lb/>
richtiger Form nothwendig auch ein wahrer Schluß-<lb/>
&#x017F;atz folgt. Ver&#x017F;ichert man &#x017F;ich aber vorher, daß der<lb/>
Satz, den man bewei&#x017F;en will, wahr &#x017F;ey, &#x017F;o ge&#x017F;chieht<lb/>
die&#x017F;es entweder aus Gru&#x0364;nden, oder durch die Erfah-<lb/>
rung. Jm er&#x017F;ten Fall &#x017F;tellt man &#x017F;ich &#x017F;einen Zu&#x017F;am-<lb/>
menhang mit den Gru&#x0364;nden bereits vor, und in &#x017F;o ferne<lb/>
wird nicht nur der analyti&#x017F;che Vortrag u&#x0364;berflu&#x0364;ßig,<lb/>
&#x017F;ondern es zeigt &#x017F;ich zugleich, daß es noch andre<lb/>
Arten zu bewei&#x017F;en geben mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;e. Gru&#x0364;ndet &#x017F;ich hinge-<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">gen</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[208/0230] VI. Hauptſtuͤck, ſo wird ihre Wahrheit fuͤr ſich zugegeben, und die Schlußrede iſt zum Beweiſe hinreichend. Widrigen- falls aber muͤſſen die Vorderſaͤtze durch neue Schluß- reden bewieſen werden. Auch in dieſen muß demnach die Form richtig, und die Vorderſaͤtze wahr ſeyn. Die Wahrheit der Vorderſaͤtze erfordert zuweilen neue Schlußreden, und dieſes geht ſo weit, bis man auf Vorderſaͤtze koͤmmt, deren Wahrheit fuͤr ſich ein- leuchtend iſt. §. 315. Dieſes Verfahren heißt die analytiſche Artzu beweiſen, weil man bey dem Schlußſatz anfaͤngt, und ihn durch eine Schlußrede in zween Vorderſaͤtze, jeden von dieſen wiederum in zween andre aufloͤſt, und damit ſo weit fortfaͤhrt, bis die Vorderſaͤtze kei- ner fernern Aufloͤſung mehr beduͤrfen. Man hat lange Zeit geglaubt, dieſe Art zu beweiſen ſey die einige, und hat ſie daher auch faſt allein in den Ver- nunftlehren betrachtet. Die ſcholaſtiſche Art zu diſputiren beruht darauf, und dieſe Gewohnheit machte ihre Kenntniß einigermaaßen nothwendig. Da man aber bey dem Schlußſatze anfaͤngt, ſo iſt klar, daß man voraus wiſſen muͤſſe, ob er wahr ſey oder nicht? Denn waͤre er falſch, ſo wuͤrde er ſich gar nicht be- weiſen laſſen, weil aus wahren Vorderſaͤtzen und richtiger Form nothwendig auch ein wahrer Schluß- ſatz folgt. Verſichert man ſich aber vorher, daß der Satz, den man beweiſen will, wahr ſey, ſo geſchieht dieſes entweder aus Gruͤnden, oder durch die Erfah- rung. Jm erſten Fall ſtellt man ſich ſeinen Zuſam- menhang mit den Gruͤnden bereits vor, und in ſo ferne wird nicht nur der analytiſche Vortrag uͤberfluͤßig, ſondern es zeigt ſich zugleich, daß es noch andre Arten zu beweiſen geben muͤſſe. Gruͤndet ſich hinge- gen

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764/230
Zitationshilfe: Lambert, Johann Heinrich: Neues Organon. Bd. 1. Leipzig, 1764, S. 208. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764/230>, abgerufen am 14.10.2019.