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Lambert, Johann Heinrich: Neues Organon. Bd. 1. Leipzig, 1764.

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I. Hauptstück,
§. 22.

Es finden sich aber solche Verwandlungen nicht
nur bey den Menschen, sondern überhaupt bey allen
Dingen in der Natur. Eine Stadt leidet solche
durch tausend Veränderungen beständig, und der
Hauptbegriff davon bleibt dennoch, so lange noch der
Ort bekannt bleibt, wo sie gestanden hat. Man
stellt sich Troja immer als Troja vor, und schiebt alle
Veränderungen, die diese Stadt erlitten, auf den
Hauptbegriff, den man sich davon macht. Es ist
demnach bey einzelnen Dingen etwas, das man sich als
fortdauernd vorstellt, und von seinen Abänderungen
abstrahirt. Dieses etwas ist der Begriff der Art
oder Gattung, worunter die Sache gehört, und ihr
Begriff bleibt, so lange die Sache noch die Merk-
maale der Gattung behält. Man stellt sich Troja als
eine Stadt vor, und das, wodurch man sie zu einem
einzelnen Dinge macht, sind die Umstände der Zeit und
des Ortes, und die Verhältnisse, in welchen sie mit
andern einzelnen Dingen war. Virgil nennt diesen
Hauptbegriff res summa, und die Verhältnisse res
Priami, Priami regna &c.

§. 23.

Die veränderlichen Bestimmungen einer ein-
zelnen Sache werden Zufälligkeiten, Modificatio-
nen
genennt, weil sie an dem Hauptbegriffe der Sa-
che nichts ändern. Die beständigen Merkmaale aber
lassen sich in verschiedene Klassen bringen, in so fern
eines das andre nothwendig an sich zieht. Dieje-
nigen, welche für sich zureichen, den Begriff der Sa-
che zu bestimmen, werden die wesentlichen Merkmaa-
le, oder das Wesen der Sache genennt. Die übri-
gen, die aus diesen folgen, oder durch diese zugleich
mit bestimmt werden, heißen Eigenschaften. Z. E.

zu
I. Hauptſtuͤck,
§. 22.

Es finden ſich aber ſolche Verwandlungen nicht
nur bey den Menſchen, ſondern uͤberhaupt bey allen
Dingen in der Natur. Eine Stadt leidet ſolche
durch tauſend Veraͤnderungen beſtaͤndig, und der
Hauptbegriff davon bleibt dennoch, ſo lange noch der
Ort bekannt bleibt, wo ſie geſtanden hat. Man
ſtellt ſich Troja immer als Troja vor, und ſchiebt alle
Veraͤnderungen, die dieſe Stadt erlitten, auf den
Hauptbegriff, den man ſich davon macht. Es iſt
demnach bey einzelnen Dingen etwas, das man ſich als
fortdauernd vorſtellt, und von ſeinen Abaͤnderungen
abſtrahirt. Dieſes etwas iſt der Begriff der Art
oder Gattung, worunter die Sache gehoͤrt, und ihr
Begriff bleibt, ſo lange die Sache noch die Merk-
maale der Gattung behaͤlt. Man ſtellt ſich Troja als
eine Stadt vor, und das, wodurch man ſie zu einem
einzelnen Dinge macht, ſind die Umſtaͤnde der Zeit und
des Ortes, und die Verhaͤltniſſe, in welchen ſie mit
andern einzelnen Dingen war. Virgil nennt dieſen
Hauptbegriff res ſumma, und die Verhaͤltniſſe res
Priami, Priami regna &c.

§. 23.

Die veraͤnderlichen Beſtimmungen einer ein-
zelnen Sache werden Zufaͤlligkeiten, Modificatio-
nen
genennt, weil ſie an dem Hauptbegriffe der Sa-
che nichts aͤndern. Die beſtaͤndigen Merkmaale aber
laſſen ſich in verſchiedene Klaſſen bringen, in ſo fern
eines das andre nothwendig an ſich zieht. Dieje-
nigen, welche fuͤr ſich zureichen, den Begriff der Sa-
che zu beſtimmen, werden die weſentlichen Merkmaa-
le, oder das Weſen der Sache genennt. Die uͤbri-
gen, die aus dieſen folgen, oder durch dieſe zugleich
mit beſtimmt werden, heißen Eigenſchaften. Z. E.

zu
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[14/0036] I. Hauptſtuͤck, §. 22. Es finden ſich aber ſolche Verwandlungen nicht nur bey den Menſchen, ſondern uͤberhaupt bey allen Dingen in der Natur. Eine Stadt leidet ſolche durch tauſend Veraͤnderungen beſtaͤndig, und der Hauptbegriff davon bleibt dennoch, ſo lange noch der Ort bekannt bleibt, wo ſie geſtanden hat. Man ſtellt ſich Troja immer als Troja vor, und ſchiebt alle Veraͤnderungen, die dieſe Stadt erlitten, auf den Hauptbegriff, den man ſich davon macht. Es iſt demnach bey einzelnen Dingen etwas, das man ſich als fortdauernd vorſtellt, und von ſeinen Abaͤnderungen abſtrahirt. Dieſes etwas iſt der Begriff der Art oder Gattung, worunter die Sache gehoͤrt, und ihr Begriff bleibt, ſo lange die Sache noch die Merk- maale der Gattung behaͤlt. Man ſtellt ſich Troja als eine Stadt vor, und das, wodurch man ſie zu einem einzelnen Dinge macht, ſind die Umſtaͤnde der Zeit und des Ortes, und die Verhaͤltniſſe, in welchen ſie mit andern einzelnen Dingen war. Virgil nennt dieſen Hauptbegriff res ſumma, und die Verhaͤltniſſe res Priami, Priami regna &c. §. 23. Die veraͤnderlichen Beſtimmungen einer ein- zelnen Sache werden Zufaͤlligkeiten, Modificatio- nen genennt, weil ſie an dem Hauptbegriffe der Sa- che nichts aͤndern. Die beſtaͤndigen Merkmaale aber laſſen ſich in verſchiedene Klaſſen bringen, in ſo fern eines das andre nothwendig an ſich zieht. Dieje- nigen, welche fuͤr ſich zureichen, den Begriff der Sa- che zu beſtimmen, werden die weſentlichen Merkmaa- le, oder das Weſen der Sache genennt. Die uͤbri- gen, die aus dieſen folgen, oder durch dieſe zugleich mit beſtimmt werden, heißen Eigenſchaften. Z. E. zu

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Zitationshilfe: Lambert, Johann Heinrich: Neues Organon. Bd. 1. Leipzig, 1764, S. 14. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764/36>, abgerufen am 19.10.2019.