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Lambert, Johann Heinrich: Neues Organon. Bd. 1. Leipzig, 1764.

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IX. Hauptstück,
finden lassen, ohne daß man erst nöthig habe, diese
unmittelbar aus der Erfahrung zu nehmen; sofern
sagen wir, daß wir solche Sätze, Eigenschaften etc.
a priori, oder von fornen her, finden. Müssen
wir aber die unmittelbare Erfahrung gebrauchen, um
einen Satz, Eigenschaft etc. zu wissen, so finden wir
es a posteriori, oder von hinten her. Was dieser
Unterschied, dessen bey unsrer Erkenntniß sehr oft
erwähnt wird, sagen will, müssen wir etwas genauer
entwickeln, und hiezu theils die Wörter, theils die
Sache selbst zu Hülfe nehmen.

§. 635.

Einmal zeigen die Wörter: a priori; a poste-
riori,
überhaupt eine gewisse Ordnung an, nach wel-
cher in einer Reihe ein Ding vor oder nach dem an-
dern ist: Und hier besonders beziehen sie sich auf den
Unterschied, bey welchem wir anfangen, und ob wir
von den letzten gegen die ersten, oder umgekehrt, von
diesen zu jenen fortschreiten. Solche Ordnungen
sind nun in den Dingen der Welt, in sofern sie auf einan-
der folgen, und wenn wir wissen, daß etwas geschehen
wird, so sagen wir allerdings, daß wir es voraus wis-
sen, zumal wenn wir es aus dem vorhergehenden schlies-
sen können. Hingegen erfahren wir erst nachher, was
geschehen ist, so fällt das Vorauswissen weg, und
man sagt etwann höchstens nur, daß man es hätte
voraus wissen können.
Dieses erst nachher oder
post factum erfahren, ist daher dem Vorauswissen
oder Vorhersehen entgegen gesetzt, und zwar so,
daß die Zeit, wenn die Sache geschieht, das eine
von dem andern trennt. Wenn man erst nachgehends
sieht, daß man die Sache hätte voraus wissen kön-
nen,
so zeigt dieses nur an, daß man nicht darauf
gedacht, oder sich nicht alles dessen gleich erinnert ha-

be,

IX. Hauptſtuͤck,
finden laſſen, ohne daß man erſt noͤthig habe, dieſe
unmittelbar aus der Erfahrung zu nehmen; ſofern
ſagen wir, daß wir ſolche Saͤtze, Eigenſchaften ꝛc.
a priori, oder von fornen her, finden. Muͤſſen
wir aber die unmittelbare Erfahrung gebrauchen, um
einen Satz, Eigenſchaft ꝛc. zu wiſſen, ſo finden wir
es a poſteriori, oder von hinten her. Was dieſer
Unterſchied, deſſen bey unſrer Erkenntniß ſehr oft
erwaͤhnt wird, ſagen will, muͤſſen wir etwas genauer
entwickeln, und hiezu theils die Woͤrter, theils die
Sache ſelbſt zu Huͤlfe nehmen.

§. 635.

Einmal zeigen die Woͤrter: a priori; a poſte-
riori,
uͤberhaupt eine gewiſſe Ordnung an, nach wel-
cher in einer Reihe ein Ding vor oder nach dem an-
dern iſt: Und hier beſonders beziehen ſie ſich auf den
Unterſchied, bey welchem wir anfangen, und ob wir
von den letzten gegen die erſten, oder umgekehrt, von
dieſen zu jenen fortſchreiten. Solche Ordnungen
ſind nun in den Dingen der Welt, in ſofern ſie auf einan-
der folgen, und wenn wir wiſſen, daß etwas geſchehen
wird, ſo ſagen wir allerdings, daß wir es voraus wiſ-
ſen, zumal wenn wir es aus dem vorhergehenden ſchlieſ-
ſen koͤnnen. Hingegen erfahren wir erſt nachher, was
geſchehen iſt, ſo faͤllt das Vorauswiſſen weg, und
man ſagt etwann hoͤchſtens nur, daß man es haͤtte
voraus wiſſen koͤnnen.
Dieſes erſt nachher oder
poſt factum erfahren, iſt daher dem Vorauswiſſen
oder Vorherſehen entgegen geſetzt, und zwar ſo,
daß die Zeit, wenn die Sache geſchieht, das eine
von dem andern trennt. Wenn man erſt nachgehends
ſieht, daß man die Sache haͤtte voraus wiſſen koͤn-
nen,
ſo zeigt dieſes nur an, daß man nicht darauf
gedacht, oder ſich nicht alles deſſen gleich erinnert ha-

be,
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[412/0434] IX. Hauptſtuͤck, finden laſſen, ohne daß man erſt noͤthig habe, dieſe unmittelbar aus der Erfahrung zu nehmen; ſofern ſagen wir, daß wir ſolche Saͤtze, Eigenſchaften ꝛc. a priori, oder von fornen her, finden. Muͤſſen wir aber die unmittelbare Erfahrung gebrauchen, um einen Satz, Eigenſchaft ꝛc. zu wiſſen, ſo finden wir es a poſteriori, oder von hinten her. Was dieſer Unterſchied, deſſen bey unſrer Erkenntniß ſehr oft erwaͤhnt wird, ſagen will, muͤſſen wir etwas genauer entwickeln, und hiezu theils die Woͤrter, theils die Sache ſelbſt zu Huͤlfe nehmen. §. 635. Einmal zeigen die Woͤrter: a priori; a poſte- riori, uͤberhaupt eine gewiſſe Ordnung an, nach wel- cher in einer Reihe ein Ding vor oder nach dem an- dern iſt: Und hier beſonders beziehen ſie ſich auf den Unterſchied, bey welchem wir anfangen, und ob wir von den letzten gegen die erſten, oder umgekehrt, von dieſen zu jenen fortſchreiten. Solche Ordnungen ſind nun in den Dingen der Welt, in ſofern ſie auf einan- der folgen, und wenn wir wiſſen, daß etwas geſchehen wird, ſo ſagen wir allerdings, daß wir es voraus wiſ- ſen, zumal wenn wir es aus dem vorhergehenden ſchlieſ- ſen koͤnnen. Hingegen erfahren wir erſt nachher, was geſchehen iſt, ſo faͤllt das Vorauswiſſen weg, und man ſagt etwann hoͤchſtens nur, daß man es haͤtte voraus wiſſen koͤnnen. Dieſes erſt nachher oder poſt factum erfahren, iſt daher dem Vorauswiſſen oder Vorherſehen entgegen geſetzt, und zwar ſo, daß die Zeit, wenn die Sache geſchieht, das eine von dem andern trennt. Wenn man erſt nachgehends ſieht, daß man die Sache haͤtte voraus wiſſen koͤn- nen, ſo zeigt dieſes nur an, daß man nicht darauf gedacht, oder ſich nicht alles deſſen gleich erinnert ha- be,

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Zitationshilfe: Lambert, Johann Heinrich: Neues Organon. Bd. 1. Leipzig, 1764, S. 412. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764/434>, abgerufen am 18.10.2019.