Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Lambert, Johann Heinrich: Neues Organon. Bd. 1. Leipzig, 1764.

Bild:
<< vorherige Seite
oder für sich gedenkbaren Begriffen.
§. 30.

Wir werden damit anfangen, daß wir sehen,
was wir mit den verschiedenen Arten einfacher Be-
griffe eigentlich gefunden haben, und da bieten sich
gleich mehrere Sätze an. Einmal, wenn ein einfa-
cher Begriff durch ein Wort in der Sprache
ausgedrücket ist, so behält dieses Wort ein für
allemal seine Bedeutung, so lange die Sprache
sich nicht ändert, und diese Worte sind gleich-
sam der Maaßstab von der Aenderung der
Sprache.
Denn die einfachen Begriffe sind sich
selbst ihr eigenes Merkmaal, und haben nichts gemein-
sames, welches veranlassen könnte, daß einer mit dem
andern verwechselt werde. (§. 13.) Demnach un-
terscheidet sich jeder von dem andern durch die unmit-
telbare Empfindung und an sich durchaus einförmige
Vorstellung. (§. 11. 14.) Da wir nun das Wort
oder den Namen mit dieser Empfindung zugleich ler-
nen, so geht Empfindung und Wort zu Paaren, und
das Wort behält seine Bedeutung. Dafern man
aber Synonyma gebraucht, so ist es auch möglich,
daß eines derselben in Abgang komme; und so auch,
dafern der einfache Begriff von der Sache her benennt
wird, in welcher er vorkömmt, so ist es auch möglich,
daß man nach und nach andre Aehnlichkeiten findet,
und daher andre Worte einführt, und dadurch ändert
sich die Sprache, weil man weis, daß die einfache
Empfindung immer eben die bleibt, folglich die Aen-
derung nicht die Begriffe betrifft. So z. E. wenn in
dem deutschen die Wörter roth, gelb, weiß, hart,
weich, eins, zwey etc. in Abgang kommen, so ist es,
weil man andre dafür einführt, und dadurch die
Sprache abändert.

§. 31.
G g 5
oder fuͤr ſich gedenkbaren Begriffen.
§. 30.

Wir werden damit anfangen, daß wir ſehen,
was wir mit den verſchiedenen Arten einfacher Be-
griffe eigentlich gefunden haben, und da bieten ſich
gleich mehrere Saͤtze an. Einmal, wenn ein einfa-
cher Begriff durch ein Wort in der Sprache
ausgedruͤcket iſt, ſo behaͤlt dieſes Wort ein fuͤr
allemal ſeine Bedeutung, ſo lange die Sprache
ſich nicht aͤndert, und dieſe Worte ſind gleich-
ſam der Maaßſtab von der Aenderung der
Sprache.
Denn die einfachen Begriffe ſind ſich
ſelbſt ihr eigenes Merkmaal, und haben nichts gemein-
ſames, welches veranlaſſen koͤnnte, daß einer mit dem
andern verwechſelt werde. (§. 13.) Demnach un-
terſcheidet ſich jeder von dem andern durch die unmit-
telbare Empfindung und an ſich durchaus einfoͤrmige
Vorſtellung. (§. 11. 14.) Da wir nun das Wort
oder den Namen mit dieſer Empfindung zugleich ler-
nen, ſo geht Empfindung und Wort zu Paaren, und
das Wort behaͤlt ſeine Bedeutung. Dafern man
aber Synonyma gebraucht, ſo iſt es auch moͤglich,
daß eines derſelben in Abgang komme; und ſo auch,
dafern der einfache Begriff von der Sache her benennt
wird, in welcher er vorkoͤmmt, ſo iſt es auch moͤglich,
daß man nach und nach andre Aehnlichkeiten findet,
und daher andre Worte einfuͤhrt, und dadurch aͤndert
ſich die Sprache, weil man weis, daß die einfache
Empfindung immer eben die bleibt, folglich die Aen-
derung nicht die Begriffe betrifft. So z. E. wenn in
dem deutſchen die Woͤrter roth, gelb, weiß, hart,
weich, eins, zwey ꝛc. in Abgang kommen, ſo iſt es,
weil man andre dafuͤr einfuͤhrt, und dadurch die
Sprache abaͤndert.

§. 31.
G g 5
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0495" n="473"/>
          <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#b">oder fu&#x0364;r &#x017F;ich gedenkbaren Begriffen.</hi> </fw><lb/>
          <div n="3">
            <head>§. 30.</head><lb/>
            <p>Wir werden damit anfangen, daß wir &#x017F;ehen,<lb/>
was wir mit den ver&#x017F;chiedenen Arten einfacher Be-<lb/>
griffe eigentlich gefunden haben, und da bieten &#x017F;ich<lb/>
gleich mehrere Sa&#x0364;tze an. Einmal, <hi rendition="#fr">wenn ein einfa-<lb/>
cher Begriff durch ein Wort in der Sprache<lb/>
ausgedru&#x0364;cket i&#x017F;t, &#x017F;o beha&#x0364;lt die&#x017F;es Wort ein fu&#x0364;r<lb/>
allemal &#x017F;eine Bedeutung, &#x017F;o lange die Sprache<lb/>
&#x017F;ich nicht a&#x0364;ndert, und die&#x017F;e Worte &#x017F;ind gleich-<lb/>
&#x017F;am der Maaß&#x017F;tab von der Aenderung der<lb/>
Sprache.</hi> Denn die einfachen Begriffe &#x017F;ind &#x017F;ich<lb/>
&#x017F;elb&#x017F;t ihr eigenes Merkmaal, und haben nichts gemein-<lb/>
&#x017F;ames, welches veranla&#x017F;&#x017F;en ko&#x0364;nnte, daß einer mit dem<lb/>
andern verwech&#x017F;elt werde. (§. 13.) Demnach un-<lb/>
ter&#x017F;cheidet &#x017F;ich jeder von dem andern durch die unmit-<lb/>
telbare Empfindung und an &#x017F;ich durchaus einfo&#x0364;rmige<lb/>
Vor&#x017F;tellung. (§. 11. 14.) Da wir nun das Wort<lb/>
oder den Namen mit die&#x017F;er Empfindung zugleich ler-<lb/>
nen, &#x017F;o geht Empfindung und Wort zu Paaren, und<lb/>
das Wort beha&#x0364;lt &#x017F;eine Bedeutung. Dafern man<lb/>
aber <hi rendition="#aq">Synonyma</hi> gebraucht, &#x017F;o i&#x017F;t es auch mo&#x0364;glich,<lb/>
daß eines der&#x017F;elben in Abgang komme; und &#x017F;o auch,<lb/>
dafern der einfache Begriff von der Sache her benennt<lb/>
wird, in welcher er vorko&#x0364;mmt, &#x017F;o i&#x017F;t es auch mo&#x0364;glich,<lb/>
daß man nach und nach andre Aehnlichkeiten findet,<lb/>
und daher andre Worte einfu&#x0364;hrt, und dadurch a&#x0364;ndert<lb/>
&#x017F;ich die Sprache, weil man weis, daß die einfache<lb/>
Empfindung immer eben die bleibt, folglich die Aen-<lb/>
derung nicht die Begriffe betrifft. So z. E. wenn in<lb/>
dem deut&#x017F;chen die Wo&#x0364;rter roth, gelb, weiß, hart,<lb/>
weich, eins, zwey &#xA75B;c. in Abgang kommen, &#x017F;o i&#x017F;t es,<lb/>
weil man andre dafu&#x0364;r einfu&#x0364;hrt, und dadurch die<lb/>
Sprache aba&#x0364;ndert.</p>
          </div><lb/>
          <fw place="bottom" type="sig">G g 5</fw>
          <fw place="bottom" type="catch">§. 31.</fw><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[473/0495] oder fuͤr ſich gedenkbaren Begriffen. §. 30. Wir werden damit anfangen, daß wir ſehen, was wir mit den verſchiedenen Arten einfacher Be- griffe eigentlich gefunden haben, und da bieten ſich gleich mehrere Saͤtze an. Einmal, wenn ein einfa- cher Begriff durch ein Wort in der Sprache ausgedruͤcket iſt, ſo behaͤlt dieſes Wort ein fuͤr allemal ſeine Bedeutung, ſo lange die Sprache ſich nicht aͤndert, und dieſe Worte ſind gleich- ſam der Maaßſtab von der Aenderung der Sprache. Denn die einfachen Begriffe ſind ſich ſelbſt ihr eigenes Merkmaal, und haben nichts gemein- ſames, welches veranlaſſen koͤnnte, daß einer mit dem andern verwechſelt werde. (§. 13.) Demnach un- terſcheidet ſich jeder von dem andern durch die unmit- telbare Empfindung und an ſich durchaus einfoͤrmige Vorſtellung. (§. 11. 14.) Da wir nun das Wort oder den Namen mit dieſer Empfindung zugleich ler- nen, ſo geht Empfindung und Wort zu Paaren, und das Wort behaͤlt ſeine Bedeutung. Dafern man aber Synonyma gebraucht, ſo iſt es auch moͤglich, daß eines derſelben in Abgang komme; und ſo auch, dafern der einfache Begriff von der Sache her benennt wird, in welcher er vorkoͤmmt, ſo iſt es auch moͤglich, daß man nach und nach andre Aehnlichkeiten findet, und daher andre Worte einfuͤhrt, und dadurch aͤndert ſich die Sprache, weil man weis, daß die einfache Empfindung immer eben die bleibt, folglich die Aen- derung nicht die Begriffe betrifft. So z. E. wenn in dem deutſchen die Woͤrter roth, gelb, weiß, hart, weich, eins, zwey ꝛc. in Abgang kommen, ſo iſt es, weil man andre dafuͤr einfuͤhrt, und dadurch die Sprache abaͤndert. §. 31. G g 5

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764/495
Zitationshilfe: Lambert, Johann Heinrich: Neues Organon. Bd. 1. Leipzig, 1764, S. 473. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764/495>, abgerufen am 19.01.2020.