Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Lambert, Johann Heinrich: Neues Organon. Bd. 1. Leipzig, 1764.

Bild:
<< vorherige Seite

I. Hauptstück, von den einfachen
Lehrer geben, so können wir annehmen, Sanderson
gelange endlich durch solche Versuche, und ohne von
Sehenden Lehrsätze zu borgen, zu dem Begriffe
des täglichen und jährlichen Umlaufs der Sonne.
Dieses ist nun seine ganze Astronomie. Jn einem
Lande der Blinden würden die Meßkünstler vielleicht
nach vielen Jahrhunderten eben so weit gelangen.
Sie würden endlich finden, daß ein Körper in der
Natur sey, der eine sehr regelmäßige und ordentliche
Abwechslung der Wärme verursache, daß seine Wär-
me eine geradlinichte Bewegung habe, daß man dar-
aus schließen könne, der Körper sey ziemlich weit
entfernt, und habe eine abwechselnde Stelle, so daß
er wechselsweise wärme und nicht wärme, daß diese
Abwechslung doppelt sey, und nach einer gewissen
Anzahl der Kleinern die Größern wiederkommen etc.

§. 60.

Diese Astronomie ist in Absicht auf Blinde in so
weit nicht unmöglich, allein wie sehr bleibt sie nicht
zurück, und wie viele Schwürigkeit, sie auch nur so
weit zu bringen. Wie klein bleibt dabey der Welt-
bau, und wie öde das Firmament! Die Luft ist ihr
Himmel, und der Schall ihr Licht. Das Geräusch
des Wassers, oder der Gesang der Vögel, ist ihnen statt
des Schimmers der Sterne, und das Rauschen des
Windes statt des Sonnen- und Mondlichtes. Sie
zweifeln, ob sich die Sonne auf eine andre Art als
durch ihre Wärme empfinden lasse, ob die Dinge, die
sie berühren und hören, noch eine andre als eine fühl-
bare Gestalt haben, ob man durch einen neuen Sinn
nicht mehr auf einmal empfinden könnte?

§. 61.

Vielleicht, damit wir auch zweifeln, vielleicht
sind wir nur um einen Schritt weiter als Blin-

de;

I. Hauptſtuͤck, von den einfachen
Lehrer geben, ſo koͤnnen wir annehmen, Sanderſon
gelange endlich durch ſolche Verſuche, und ohne von
Sehenden Lehrſaͤtze zu borgen, zu dem Begriffe
des taͤglichen und jaͤhrlichen Umlaufs der Sonne.
Dieſes iſt nun ſeine ganze Aſtronomie. Jn einem
Lande der Blinden wuͤrden die Meßkuͤnſtler vielleicht
nach vielen Jahrhunderten eben ſo weit gelangen.
Sie wuͤrden endlich finden, daß ein Koͤrper in der
Natur ſey, der eine ſehr regelmaͤßige und ordentliche
Abwechslung der Waͤrme verurſache, daß ſeine Waͤr-
me eine geradlinichte Bewegung habe, daß man dar-
aus ſchließen koͤnne, der Koͤrper ſey ziemlich weit
entfernt, und habe eine abwechſelnde Stelle, ſo daß
er wechſelsweiſe waͤrme und nicht waͤrme, daß dieſe
Abwechslung doppelt ſey, und nach einer gewiſſen
Anzahl der Kleinern die Groͤßern wiederkommen ꝛc.

§. 60.

Dieſe Aſtronomie iſt in Abſicht auf Blinde in ſo
weit nicht unmoͤglich, allein wie ſehr bleibt ſie nicht
zuruͤck, und wie viele Schwuͤrigkeit, ſie auch nur ſo
weit zu bringen. Wie klein bleibt dabey der Welt-
bau, und wie oͤde das Firmament! Die Luft iſt ihr
Himmel, und der Schall ihr Licht. Das Geraͤuſch
des Waſſers, oder der Geſang der Voͤgel, iſt ihnen ſtatt
des Schimmers der Sterne, und das Rauſchen des
Windes ſtatt des Sonnen- und Mondlichtes. Sie
zweifeln, ob ſich die Sonne auf eine andre Art als
durch ihre Waͤrme empfinden laſſe, ob die Dinge, die
ſie beruͤhren und hoͤren, noch eine andre als eine fuͤhl-
bare Geſtalt haben, ob man durch einen neuen Sinn
nicht mehr auf einmal empfinden koͤnnte?

§. 61.

Vielleicht, damit wir auch zweifeln, vielleicht
ſind wir nur um einen Schritt weiter als Blin-

de;
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0514" n="492"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">I.</hi> Haupt&#x017F;tu&#x0364;ck, von den einfachen</hi></fw><lb/>
Lehrer geben, &#x017F;o ko&#x0364;nnen wir annehmen, <hi rendition="#fr">Sander&#x017F;on</hi><lb/>
gelange endlich durch &#x017F;olche Ver&#x017F;uche, und ohne von<lb/>
Sehenden <hi rendition="#fr">Lehr&#x017F;a&#x0364;tze</hi> zu borgen, zu dem Begriffe<lb/>
des ta&#x0364;glichen und ja&#x0364;hrlichen Umlaufs der Sonne.<lb/>
Die&#x017F;es i&#x017F;t nun &#x017F;eine ganze A&#x017F;tronomie. Jn einem<lb/>
Lande der Blinden wu&#x0364;rden die Meßku&#x0364;n&#x017F;tler vielleicht<lb/>
nach vielen Jahrhunderten eben &#x017F;o weit gelangen.<lb/>
Sie wu&#x0364;rden endlich finden, daß ein Ko&#x0364;rper in der<lb/>
Natur &#x017F;ey, der eine &#x017F;ehr regelma&#x0364;ßige und ordentliche<lb/>
Abwechslung der Wa&#x0364;rme verur&#x017F;ache, daß &#x017F;eine Wa&#x0364;r-<lb/>
me eine geradlinichte Bewegung habe, daß man dar-<lb/>
aus &#x017F;chließen ko&#x0364;nne, der Ko&#x0364;rper &#x017F;ey ziemlich weit<lb/>
entfernt, und habe eine abwech&#x017F;elnde Stelle, &#x017F;o daß<lb/>
er wech&#x017F;elswei&#x017F;e wa&#x0364;rme und nicht wa&#x0364;rme, daß die&#x017F;e<lb/>
Abwechslung doppelt &#x017F;ey, und nach einer gewi&#x017F;&#x017F;en<lb/>
Anzahl der Kleinern die Gro&#x0364;ßern wiederkommen &#xA75B;c.</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head>§. 60.</head><lb/>
            <p>Die&#x017F;e A&#x017F;tronomie i&#x017F;t in Ab&#x017F;icht auf Blinde in &#x017F;o<lb/>
weit nicht unmo&#x0364;glich, allein wie &#x017F;ehr bleibt &#x017F;ie nicht<lb/>
zuru&#x0364;ck, und wie viele Schwu&#x0364;rigkeit, &#x017F;ie auch nur &#x017F;o<lb/>
weit zu bringen. Wie klein bleibt dabey der Welt-<lb/>
bau, und wie o&#x0364;de das Firmament! Die Luft i&#x017F;t ihr<lb/>
Himmel, und der Schall ihr Licht. Das Gera&#x0364;u&#x017F;ch<lb/>
des Wa&#x017F;&#x017F;ers, oder der Ge&#x017F;ang der Vo&#x0364;gel, i&#x017F;t ihnen &#x017F;tatt<lb/>
des Schimmers der Sterne, und das Rau&#x017F;chen des<lb/>
Windes &#x017F;tatt des Sonnen- und Mondlichtes. Sie<lb/>
zweifeln, ob &#x017F;ich die Sonne auf eine andre Art als<lb/>
durch ihre Wa&#x0364;rme empfinden la&#x017F;&#x017F;e, ob die Dinge, die<lb/>
&#x017F;ie beru&#x0364;hren und ho&#x0364;ren, noch eine andre als eine fu&#x0364;hl-<lb/>
bare Ge&#x017F;talt haben, ob man durch einen neuen Sinn<lb/>
nicht mehr auf einmal empfinden ko&#x0364;nnte?</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head>§. 61.</head><lb/>
            <p>Vielleicht, damit wir auch zweifeln, vielleicht<lb/>
&#x017F;ind wir nur um einen Schritt weiter als Blin-<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">de;</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[492/0514] I. Hauptſtuͤck, von den einfachen Lehrer geben, ſo koͤnnen wir annehmen, Sanderſon gelange endlich durch ſolche Verſuche, und ohne von Sehenden Lehrſaͤtze zu borgen, zu dem Begriffe des taͤglichen und jaͤhrlichen Umlaufs der Sonne. Dieſes iſt nun ſeine ganze Aſtronomie. Jn einem Lande der Blinden wuͤrden die Meßkuͤnſtler vielleicht nach vielen Jahrhunderten eben ſo weit gelangen. Sie wuͤrden endlich finden, daß ein Koͤrper in der Natur ſey, der eine ſehr regelmaͤßige und ordentliche Abwechslung der Waͤrme verurſache, daß ſeine Waͤr- me eine geradlinichte Bewegung habe, daß man dar- aus ſchließen koͤnne, der Koͤrper ſey ziemlich weit entfernt, und habe eine abwechſelnde Stelle, ſo daß er wechſelsweiſe waͤrme und nicht waͤrme, daß dieſe Abwechslung doppelt ſey, und nach einer gewiſſen Anzahl der Kleinern die Groͤßern wiederkommen ꝛc. §. 60. Dieſe Aſtronomie iſt in Abſicht auf Blinde in ſo weit nicht unmoͤglich, allein wie ſehr bleibt ſie nicht zuruͤck, und wie viele Schwuͤrigkeit, ſie auch nur ſo weit zu bringen. Wie klein bleibt dabey der Welt- bau, und wie oͤde das Firmament! Die Luft iſt ihr Himmel, und der Schall ihr Licht. Das Geraͤuſch des Waſſers, oder der Geſang der Voͤgel, iſt ihnen ſtatt des Schimmers der Sterne, und das Rauſchen des Windes ſtatt des Sonnen- und Mondlichtes. Sie zweifeln, ob ſich die Sonne auf eine andre Art als durch ihre Waͤrme empfinden laſſe, ob die Dinge, die ſie beruͤhren und hoͤren, noch eine andre als eine fuͤhl- bare Geſtalt haben, ob man durch einen neuen Sinn nicht mehr auf einmal empfinden koͤnnte? §. 61. Vielleicht, damit wir auch zweifeln, vielleicht ſind wir nur um einen Schritt weiter als Blin- de;

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764/514
Zitationshilfe: Lambert, Johann Heinrich: Neues Organon. Bd. 1. Leipzig, 1764, S. 492. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764/514>, abgerufen am 23.10.2019.