Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Lambert, Johann Heinrich: Neues Organon. Bd. 1. Leipzig, 1764.

Bild:
<< vorherige Seite

IV. Hauptstück, von dem Unterschiede
den Grund sey, sich gar leicht einbilden kann, man
stelle sich eine Reihe von Wahrheiten vor, deren jede
in der vorhergehenden unmittelbar gegründet ist, und
diese Reihe sey vorwärts und hinterwärts unendlich,
da sie doch, gleich einem Zirkel, in sich selbst geht, in
welchem man, wo man will, anfangen, und so lange
man will, herum laufen kann. Dieses Blendwerk
ist möglich, weil sich nicht nur aus dem Grunde das
Gegründete, sondern auch hinwiederum aus dem
Gegründeten der Grund erkennen läßt.

§. 224.

Wir werden hier die Gründe a priori schlechthin
Gründe nennen, und wo es vorkommen sollte, die
Gründe a posteriori mit dieser beygefügten Bestim-
mung von den ersten unterscheiden.

§. 225.

Wenn A einen Grund hat, so läßt sich
daraus erkennen, daß
A wahr sey, und warum.
Denn der Grund ist eben das, woraus es sich erken-
nen läßt.

§. 226.

Wenn A keinen Grund hat, so läßt sich
auch daraus nicht erkennen, ob
A wahr sey
oder nicht.
Denn vermöge der Bedingung hat es
keinen. Wir haben in der Aussage dieses Satzes mit
Vorbedacht das Wort, daraus, beygefügt, weil
ohne diese Bestimmung würde gefolgt seyn, als wenn
sich die Wahrheit des A gar nicht erkennen ließe.
Nämlich der Satz würde so gelautet haben: Wenn
A keinen Grund hat, so läßt sich nicht erken-
nen, ob
A wahr sey oder nicht. Dieses aber
würde voraus setzen: einen Grund haben, und
sich als wahr erkennen lassen, seyn identische
Ausdrücke, welches aber noch nicht bewiesen ist.
(§. 223. 224.)

§. 227.

IV. Hauptſtuͤck, von dem Unterſchiede
den Grund ſey, ſich gar leicht einbilden kann, man
ſtelle ſich eine Reihe von Wahrheiten vor, deren jede
in der vorhergehenden unmittelbar gegruͤndet iſt, und
dieſe Reihe ſey vorwaͤrts und hinterwaͤrts unendlich,
da ſie doch, gleich einem Zirkel, in ſich ſelbſt geht, in
welchem man, wo man will, anfangen, und ſo lange
man will, herum laufen kann. Dieſes Blendwerk
iſt moͤglich, weil ſich nicht nur aus dem Grunde das
Gegruͤndete, ſondern auch hinwiederum aus dem
Gegruͤndeten der Grund erkennen laͤßt.

§. 224.

Wir werden hier die Gruͤnde a priori ſchlechthin
Gruͤnde nennen, und wo es vorkommen ſollte, die
Gruͤnde a poſteriori mit dieſer beygefuͤgten Beſtim-
mung von den erſten unterſcheiden.

§. 225.

Wenn A einen Grund hat, ſo laͤßt ſich
daraus erkennen, daß
A wahr ſey, und warum.
Denn der Grund iſt eben das, woraus es ſich erken-
nen laͤßt.

§. 226.

Wenn A keinen Grund hat, ſo laͤßt ſich
auch daraus nicht erkennen, ob
A wahr ſey
oder nicht.
Denn vermoͤge der Bedingung hat es
keinen. Wir haben in der Ausſage dieſes Satzes mit
Vorbedacht das Wort, daraus, beygefuͤgt, weil
ohne dieſe Beſtimmung wuͤrde gefolgt ſeyn, als wenn
ſich die Wahrheit des A gar nicht erkennen ließe.
Naͤmlich der Satz wuͤrde ſo gelautet haben: Wenn
A keinen Grund hat, ſo laͤßt ſich nicht erken-
nen, ob
A wahr ſey oder nicht. Dieſes aber
wuͤrde voraus ſetzen: einen Grund haben, und
ſich als wahr erkennen laſſen, ſeyn identiſche
Ausdruͤcke, welches aber noch nicht bewieſen iſt.
(§. 223. 224.)

§. 227.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0590" n="568"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">IV.</hi> Haupt&#x017F;tu&#x0364;ck, von dem Unter&#x017F;chiede</hi></fw><lb/>
den Grund &#x017F;ey, &#x017F;ich gar leicht einbilden kann, man<lb/>
&#x017F;telle &#x017F;ich eine Reihe von Wahrheiten vor, deren jede<lb/>
in der vorhergehenden unmittelbar gegru&#x0364;ndet i&#x017F;t, und<lb/>
die&#x017F;e Reihe &#x017F;ey vorwa&#x0364;rts und hinterwa&#x0364;rts unendlich,<lb/>
da &#x017F;ie doch, gleich einem Zirkel, in &#x017F;ich &#x017F;elb&#x017F;t geht, in<lb/>
welchem man, wo man will, anfangen, und &#x017F;o lange<lb/>
man will, herum laufen kann. Die&#x017F;es Blendwerk<lb/>
i&#x017F;t mo&#x0364;glich, weil &#x017F;ich nicht nur aus dem Grunde das<lb/>
Gegru&#x0364;ndete, &#x017F;ondern auch hinwiederum aus dem<lb/>
Gegru&#x0364;ndeten der Grund erkennen la&#x0364;ßt.</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head>§. 224.</head><lb/>
            <p>Wir werden hier die Gru&#x0364;nde <hi rendition="#aq">a priori</hi> &#x017F;chlechthin<lb/><hi rendition="#fr">Gru&#x0364;nde</hi> nennen, und wo es vorkommen &#x017F;ollte, die<lb/>
Gru&#x0364;nde <hi rendition="#aq">a po&#x017F;teriori</hi> mit die&#x017F;er beygefu&#x0364;gten Be&#x017F;tim-<lb/>
mung von den er&#x017F;ten unter&#x017F;cheiden.</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head>§. 225.</head><lb/>
            <p><hi rendition="#fr">Wenn</hi><hi rendition="#aq">A</hi><hi rendition="#fr">einen Grund hat, &#x017F;o la&#x0364;ßt &#x017F;ich<lb/>
daraus erkennen, daß</hi><hi rendition="#aq">A</hi><hi rendition="#fr">wahr &#x017F;ey, und warum.</hi><lb/>
Denn der Grund i&#x017F;t eben das, woraus es &#x017F;ich erken-<lb/>
nen la&#x0364;ßt.</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head>§. 226.</head><lb/>
            <p><hi rendition="#fr">Wenn</hi><hi rendition="#aq">A</hi><hi rendition="#fr">keinen Grund hat, &#x017F;o la&#x0364;ßt &#x017F;ich<lb/>
auch daraus nicht erkennen, ob</hi><hi rendition="#aq">A</hi><hi rendition="#fr">wahr &#x017F;ey<lb/>
oder nicht.</hi> Denn vermo&#x0364;ge der Bedingung hat es<lb/>
keinen. Wir haben in der Aus&#x017F;age die&#x017F;es Satzes mit<lb/>
Vorbedacht das Wort, <hi rendition="#fr">daraus,</hi> beygefu&#x0364;gt, weil<lb/>
ohne die&#x017F;e Be&#x017F;timmung wu&#x0364;rde gefolgt &#x017F;eyn, als wenn<lb/>
&#x017F;ich die Wahrheit des <hi rendition="#aq">A</hi> gar nicht erkennen ließe.<lb/>
Na&#x0364;mlich der Satz wu&#x0364;rde &#x017F;o gelautet haben: <hi rendition="#fr">Wenn</hi><lb/><hi rendition="#aq">A</hi> <hi rendition="#fr">keinen Grund hat, &#x017F;o la&#x0364;ßt &#x017F;ich nicht erken-<lb/>
nen, ob</hi> <hi rendition="#aq">A</hi> <hi rendition="#fr">wahr &#x017F;ey oder nicht.</hi> Die&#x017F;es aber<lb/>
wu&#x0364;rde voraus &#x017F;etzen: <hi rendition="#fr">einen Grund haben,</hi> und<lb/><hi rendition="#fr">&#x017F;ich als wahr erkennen la&#x017F;&#x017F;en,</hi> &#x017F;eyn identi&#x017F;che<lb/>
Ausdru&#x0364;cke, welches aber noch nicht bewie&#x017F;en i&#x017F;t.<lb/>
(§. 223. 224.)</p>
          </div><lb/>
          <fw place="bottom" type="catch">§. 227.</fw><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[568/0590] IV. Hauptſtuͤck, von dem Unterſchiede den Grund ſey, ſich gar leicht einbilden kann, man ſtelle ſich eine Reihe von Wahrheiten vor, deren jede in der vorhergehenden unmittelbar gegruͤndet iſt, und dieſe Reihe ſey vorwaͤrts und hinterwaͤrts unendlich, da ſie doch, gleich einem Zirkel, in ſich ſelbſt geht, in welchem man, wo man will, anfangen, und ſo lange man will, herum laufen kann. Dieſes Blendwerk iſt moͤglich, weil ſich nicht nur aus dem Grunde das Gegruͤndete, ſondern auch hinwiederum aus dem Gegruͤndeten der Grund erkennen laͤßt. §. 224. Wir werden hier die Gruͤnde a priori ſchlechthin Gruͤnde nennen, und wo es vorkommen ſollte, die Gruͤnde a poſteriori mit dieſer beygefuͤgten Beſtim- mung von den erſten unterſcheiden. §. 225. Wenn A einen Grund hat, ſo laͤßt ſich daraus erkennen, daß A wahr ſey, und warum. Denn der Grund iſt eben das, woraus es ſich erken- nen laͤßt. §. 226. Wenn A keinen Grund hat, ſo laͤßt ſich auch daraus nicht erkennen, ob A wahr ſey oder nicht. Denn vermoͤge der Bedingung hat es keinen. Wir haben in der Ausſage dieſes Satzes mit Vorbedacht das Wort, daraus, beygefuͤgt, weil ohne dieſe Beſtimmung wuͤrde gefolgt ſeyn, als wenn ſich die Wahrheit des A gar nicht erkennen ließe. Naͤmlich der Satz wuͤrde ſo gelautet haben: Wenn A keinen Grund hat, ſo laͤßt ſich nicht erken- nen, ob A wahr ſey oder nicht. Dieſes aber wuͤrde voraus ſetzen: einen Grund haben, und ſich als wahr erkennen laſſen, ſeyn identiſche Ausdruͤcke, welches aber noch nicht bewieſen iſt. (§. 223. 224.) §. 227.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764/590
Zitationshilfe: Lambert, Johann Heinrich: Neues Organon. Bd. 1. Leipzig, 1764, S. 568. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764/590>, abgerufen am 15.10.2019.