Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Lambert, Johann Heinrich: Neues Organon. Bd. 1. Leipzig, 1764.

Bild:
<< vorherige Seite
des Wahren und Jrrigen.
§. 227.

Wenn nichts mögliches für sich erkennbar
ist, so hat alles mögliche nothwendig einen
Grund.
Man setze, es habe keinen. Da es nun
weder aus irgend einem Grunde, noch für sich erkenn-
bar ist, so ist es gar nicht erkennbar, folglich auch
nicht möglich. Da nun dieses die Bedingung, daß
es möglich sey, umstoßen würde, so ist es falsch, daß
das nicht für sich erkennbare mögliche keinen Grund
habe. Demnach hat es nothwendig einen Grund.

§. 228.

Wir haben in diesem Beweise angenommen,
das gedenkbare und das mögliche sey von
gleichem Umfange.
Man kann dieses als einen
Grundsatz gelten lassen. Jndessen läßt es sich noch
mehr entwickeln. Es kömmt auf folgende zween
Sätze an:

I. Alles Gedenkbare ist möglich. Man setze,
es sey unmöglich, so ist es A und nicht--A
zugleich, folglich nicht gedenkbar. (§. 163.)
Dieses aber ist der Bedingung des Satzes
zuwider. Demnach ist es falsch, daß das
Gedenkbare unmöglich seyn sollte, folglich ist
es möglich.
II. Alles mögliche ist gedenkbar. Denn
wäre etwas mögliches nicht gedenkbar, so
würde ihm kein Begriff entsprechen. Dem-
nach wäre es aus dem Reich der Wahrheiten
ausgeschlossen, und folglich falsch. Welches
ungereimt ist.
§. 229.

Von jeder Wahrheit, die wir nicht für
sich als wahr erkennen, sind wir befugt einen
Grund zu fordern, und diese Forderung selbst
ist gegründet.
Denn ist die Wahrheit A in der

That
N n 5
des Wahren und Jrrigen.
§. 227.

Wenn nichts moͤgliches fuͤr ſich erkennbar
iſt, ſo hat alles moͤgliche nothwendig einen
Grund.
Man ſetze, es habe keinen. Da es nun
weder aus irgend einem Grunde, noch fuͤr ſich erkenn-
bar iſt, ſo iſt es gar nicht erkennbar, folglich auch
nicht moͤglich. Da nun dieſes die Bedingung, daß
es moͤglich ſey, umſtoßen wuͤrde, ſo iſt es falſch, daß
das nicht fuͤr ſich erkennbare moͤgliche keinen Grund
habe. Demnach hat es nothwendig einen Grund.

§. 228.

Wir haben in dieſem Beweiſe angenommen,
das gedenkbare und das moͤgliche ſey von
gleichem Umfange.
Man kann dieſes als einen
Grundſatz gelten laſſen. Jndeſſen laͤßt es ſich noch
mehr entwickeln. Es koͤmmt auf folgende zween
Saͤtze an:

I. Alles Gedenkbare iſt moͤglich. Man ſetze,
es ſey unmoͤglich, ſo iſt es A und nicht—A
zugleich, folglich nicht gedenkbar. (§. 163.)
Dieſes aber iſt der Bedingung des Satzes
zuwider. Demnach iſt es falſch, daß das
Gedenkbare unmoͤglich ſeyn ſollte, folglich iſt
es moͤglich.
II. Alles moͤgliche iſt gedenkbar. Denn
waͤre etwas moͤgliches nicht gedenkbar, ſo
wuͤrde ihm kein Begriff entſprechen. Dem-
nach waͤre es aus dem Reich der Wahrheiten
ausgeſchloſſen, und folglich falſch. Welches
ungereimt iſt.
§. 229.

Von jeder Wahrheit, die wir nicht fuͤr
ſich als wahr erkennen, ſind wir befugt einen
Grund zu fordern, und dieſe Forderung ſelbſt
iſt gegruͤndet.
Denn iſt die Wahrheit A in der

That
N n 5
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0591" n="569"/>
          <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#b">des Wahren und Jrrigen.</hi> </fw><lb/>
          <div n="3">
            <head>§. 227.</head><lb/>
            <p><hi rendition="#fr">Wenn nichts mo&#x0364;gliches fu&#x0364;r &#x017F;ich erkennbar<lb/>
i&#x017F;t, &#x017F;o hat alles mo&#x0364;gliche nothwendig einen<lb/>
Grund.</hi> Man &#x017F;etze, es habe keinen. Da es nun<lb/>
weder aus irgend einem Grunde, noch fu&#x0364;r &#x017F;ich erkenn-<lb/>
bar i&#x017F;t, &#x017F;o i&#x017F;t es gar nicht erkennbar, folglich auch<lb/>
nicht mo&#x0364;glich. Da nun die&#x017F;es die Bedingung, daß<lb/>
es mo&#x0364;glich &#x017F;ey, um&#x017F;toßen wu&#x0364;rde, &#x017F;o i&#x017F;t es fal&#x017F;ch, daß<lb/>
das nicht fu&#x0364;r &#x017F;ich erkennbare mo&#x0364;gliche keinen Grund<lb/>
habe. Demnach hat es nothwendig einen Grund.</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head>§. 228.</head><lb/>
            <p>Wir haben in die&#x017F;em Bewei&#x017F;e angenommen,<lb/><hi rendition="#fr">das gedenkbare und das mo&#x0364;gliche &#x017F;ey von<lb/>
gleichem Umfange.</hi> Man kann die&#x017F;es als einen<lb/>
Grund&#x017F;atz gelten la&#x017F;&#x017F;en. Jnde&#x017F;&#x017F;en la&#x0364;ßt es &#x017F;ich noch<lb/>
mehr entwickeln. Es ko&#x0364;mmt auf folgende zween<lb/>
Sa&#x0364;tze an:</p><lb/>
            <list>
              <item><hi rendition="#aq">I.</hi><hi rendition="#fr">Alles Gedenkbare i&#x017F;t mo&#x0364;glich.</hi> Man &#x017F;etze,<lb/>
es &#x017F;ey unmo&#x0364;glich, &#x017F;o i&#x017F;t es <hi rendition="#aq">A</hi> und nicht&#x2014;<hi rendition="#aq">A</hi><lb/>
zugleich, folglich nicht gedenkbar. (§. 163.)<lb/>
Die&#x017F;es aber i&#x017F;t der Bedingung des Satzes<lb/>
zuwider. Demnach i&#x017F;t es fal&#x017F;ch, daß das<lb/>
Gedenkbare unmo&#x0364;glich &#x017F;eyn &#x017F;ollte, folglich i&#x017F;t<lb/>
es mo&#x0364;glich.</item><lb/>
              <item><hi rendition="#aq">II.</hi><hi rendition="#fr">Alles mo&#x0364;gliche i&#x017F;t gedenkbar.</hi> Denn<lb/>
wa&#x0364;re etwas mo&#x0364;gliches nicht gedenkbar, &#x017F;o<lb/>
wu&#x0364;rde ihm kein Begriff ent&#x017F;prechen. Dem-<lb/>
nach wa&#x0364;re es aus dem Reich der Wahrheiten<lb/>
ausge&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en, und folglich fal&#x017F;ch. Welches<lb/>
ungereimt i&#x017F;t.</item>
            </list>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head>§. 229.</head><lb/>
            <p><hi rendition="#fr">Von jeder Wahrheit, die wir nicht fu&#x0364;r<lb/>
&#x017F;ich als wahr erkennen, &#x017F;ind wir befugt einen<lb/>
Grund zu fordern, und die&#x017F;e Forderung &#x017F;elb&#x017F;t<lb/>
i&#x017F;t gegru&#x0364;ndet.</hi> Denn i&#x017F;t die Wahrheit <hi rendition="#aq">A</hi> in der<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">N n 5</fw><fw place="bottom" type="catch">That</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[569/0591] des Wahren und Jrrigen. §. 227. Wenn nichts moͤgliches fuͤr ſich erkennbar iſt, ſo hat alles moͤgliche nothwendig einen Grund. Man ſetze, es habe keinen. Da es nun weder aus irgend einem Grunde, noch fuͤr ſich erkenn- bar iſt, ſo iſt es gar nicht erkennbar, folglich auch nicht moͤglich. Da nun dieſes die Bedingung, daß es moͤglich ſey, umſtoßen wuͤrde, ſo iſt es falſch, daß das nicht fuͤr ſich erkennbare moͤgliche keinen Grund habe. Demnach hat es nothwendig einen Grund. §. 228. Wir haben in dieſem Beweiſe angenommen, das gedenkbare und das moͤgliche ſey von gleichem Umfange. Man kann dieſes als einen Grundſatz gelten laſſen. Jndeſſen laͤßt es ſich noch mehr entwickeln. Es koͤmmt auf folgende zween Saͤtze an: I. Alles Gedenkbare iſt moͤglich. Man ſetze, es ſey unmoͤglich, ſo iſt es A und nicht—A zugleich, folglich nicht gedenkbar. (§. 163.) Dieſes aber iſt der Bedingung des Satzes zuwider. Demnach iſt es falſch, daß das Gedenkbare unmoͤglich ſeyn ſollte, folglich iſt es moͤglich. II. Alles moͤgliche iſt gedenkbar. Denn waͤre etwas moͤgliches nicht gedenkbar, ſo wuͤrde ihm kein Begriff entſprechen. Dem- nach waͤre es aus dem Reich der Wahrheiten ausgeſchloſſen, und folglich falſch. Welches ungereimt iſt. §. 229. Von jeder Wahrheit, die wir nicht fuͤr ſich als wahr erkennen, ſind wir befugt einen Grund zu fordern, und dieſe Forderung ſelbſt iſt gegruͤndet. Denn iſt die Wahrheit A in der That N n 5

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764/591
Zitationshilfe: Lambert, Johann Heinrich: Neues Organon. Bd. 1. Leipzig, 1764, S. 569. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764/591>, abgerufen am 21.10.2019.