Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Lambert, Johann Heinrich: Neues Organon. Bd. 1. Leipzig, 1764.

Bild:
<< vorherige Seite

IV. Hauptstück, von dem Unterschiede
That nicht für sich erkennbar, so hat sie nothwendig
einen Grund, aus dem sie sich als wahr erkennen läßt.
(§. 227.) Demnach, wenn wir den Grund fordern,
so fordern wir nichts, als was in der That und an
sich betrachtet gegeben werden kann, und so ist die
Forderung allerdings gegründet, und wir sind befugt sie
zu machen, weil wir die für sich nicht erkennbare Wahr-
heit, ohne den Grund zu wissen, nicht als wahr erkennen
können. Wäre aber eine Wahrheit für sich erkennbar,
aber wir könnten sie nicht für sich als wahr erkennen,
so würde uns wiederum der Grund zum Beyfall feh-
len. Demnach sind wir auch in diesem Fall befugt,
den Grund zu fordern, dafern diese Wahrheit nicht
aus unsrer Erkenntniß ganz wegbleiben soll.

§. 230.

Wir untersuchen hiebey nicht, wie fern eine Wahr-
heit für sich erkennbar, und dennoch uns nicht für
sich erkennbar sey. Unser Verstand ist allerdings
nicht der Maaßstab für das ganze Reich der Wahr-
heit, weil wir die Wahrheiten nur nach und nach er-
lernen. Wir haben in dem ersten Hauptstücke
(§. 53 seqq.) angemerkt, wie wir etwann hiebey zu-
rück bleiben. Jndessen dient der erst erwiesene Satz
dazu, daß wir ohne Bedenken von jedem Vorgeben,
dessen Wahrheit uns nicht einleuchtet, einen Grund
fordern, und erwarten können, und daß diese Forde-
rung nichts ungereimtes noch an sich unmögliches hat,
so sehr die Erfindung der ächten Gründe zuweilen
Hindernissen unterworfen ist, daß wir nicht sogleich
damit zu Ende kommen. Wir haben demnach hier
das Recht oder das Gesetz des Beyfalls, den der
Verstand giebt, versagt, oder aufschiebt, je nach-
dem sich eine Vorstellung entweder für sich oder aus
Gründen als wahr anpreist, oder mehr oder minder
noch dabey fehlt. Was wir demnach oben (§. 104.)

zum

IV. Hauptſtuͤck, von dem Unterſchiede
That nicht fuͤr ſich erkennbar, ſo hat ſie nothwendig
einen Grund, aus dem ſie ſich als wahr erkennen laͤßt.
(§. 227.) Demnach, wenn wir den Grund fordern,
ſo fordern wir nichts, als was in der That und an
ſich betrachtet gegeben werden kann, und ſo iſt die
Forderung allerdings gegruͤndet, und wir ſind befugt ſie
zu machen, weil wir die fuͤr ſich nicht erkennbare Wahr-
heit, ohne den Grund zu wiſſen, nicht als wahr erkennen
koͤnnen. Waͤre aber eine Wahrheit fuͤr ſich erkennbar,
aber wir koͤnnten ſie nicht fuͤr ſich als wahr erkennen,
ſo wuͤrde uns wiederum der Grund zum Beyfall feh-
len. Demnach ſind wir auch in dieſem Fall befugt,
den Grund zu fordern, dafern dieſe Wahrheit nicht
aus unſrer Erkenntniß ganz wegbleiben ſoll.

§. 230.

Wir unterſuchen hiebey nicht, wie fern eine Wahr-
heit fuͤr ſich erkennbar, und dennoch uns nicht fuͤr
ſich erkennbar ſey. Unſer Verſtand iſt allerdings
nicht der Maaßſtab fuͤr das ganze Reich der Wahr-
heit, weil wir die Wahrheiten nur nach und nach er-
lernen. Wir haben in dem erſten Hauptſtuͤcke
(§. 53 ſeqq.) angemerkt, wie wir etwann hiebey zu-
ruͤck bleiben. Jndeſſen dient der erſt erwieſene Satz
dazu, daß wir ohne Bedenken von jedem Vorgeben,
deſſen Wahrheit uns nicht einleuchtet, einen Grund
fordern, und erwarten koͤnnen, und daß dieſe Forde-
rung nichts ungereimtes noch an ſich unmoͤgliches hat,
ſo ſehr die Erfindung der aͤchten Gruͤnde zuweilen
Hinderniſſen unterworfen iſt, daß wir nicht ſogleich
damit zu Ende kommen. Wir haben demnach hier
das Recht oder das Geſetz des Beyfalls, den der
Verſtand giebt, verſagt, oder aufſchiebt, je nach-
dem ſich eine Vorſtellung entweder fuͤr ſich oder aus
Gruͤnden als wahr anpreiſt, oder mehr oder minder
noch dabey fehlt. Was wir demnach oben (§. 104.)

zum
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0592" n="570"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">IV.</hi> Haupt&#x017F;tu&#x0364;ck, von dem Unter&#x017F;chiede</hi></fw><lb/>
That nicht fu&#x0364;r &#x017F;ich erkennbar, &#x017F;o hat &#x017F;ie nothwendig<lb/>
einen Grund, aus dem &#x017F;ie &#x017F;ich als wahr erkennen la&#x0364;ßt.<lb/>
(§. 227.) Demnach, wenn wir den Grund fordern,<lb/>
&#x017F;o fordern wir nichts, als was in der That und an<lb/>
&#x017F;ich betrachtet gegeben werden kann, und &#x017F;o i&#x017F;t die<lb/>
Forderung allerdings gegru&#x0364;ndet, und wir &#x017F;ind befugt &#x017F;ie<lb/>
zu machen, weil wir die fu&#x0364;r &#x017F;ich nicht erkennbare Wahr-<lb/>
heit, ohne den Grund zu wi&#x017F;&#x017F;en, nicht als wahr erkennen<lb/>
ko&#x0364;nnen. Wa&#x0364;re aber eine Wahrheit fu&#x0364;r &#x017F;ich erkennbar,<lb/>
aber <hi rendition="#fr">wir</hi> ko&#x0364;nnten &#x017F;ie nicht fu&#x0364;r &#x017F;ich als wahr erkennen,<lb/>
&#x017F;o wu&#x0364;rde uns wiederum der Grund zum Beyfall feh-<lb/>
len. Demnach &#x017F;ind wir auch in die&#x017F;em Fall befugt,<lb/>
den Grund zu fordern, dafern die&#x017F;e Wahrheit nicht<lb/>
aus un&#x017F;rer Erkenntniß ganz wegbleiben &#x017F;oll.</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head>§. 230.</head><lb/>
            <p>Wir unter&#x017F;uchen hiebey nicht, wie fern eine Wahr-<lb/>
heit fu&#x0364;r &#x017F;ich erkennbar, und dennoch <hi rendition="#fr">uns</hi> nicht fu&#x0364;r<lb/>
&#x017F;ich erkennbar &#x017F;ey. Un&#x017F;er Ver&#x017F;tand i&#x017F;t allerdings<lb/>
nicht der Maaß&#x017F;tab fu&#x0364;r das ganze Reich der Wahr-<lb/>
heit, weil wir die Wahrheiten nur nach und nach er-<lb/>
lernen. Wir haben in dem er&#x017F;ten Haupt&#x017F;tu&#x0364;cke<lb/>
(§. 53 &#x017F;eqq.) angemerkt, wie wir etwann hiebey zu-<lb/>
ru&#x0364;ck bleiben. Jnde&#x017F;&#x017F;en dient der er&#x017F;t erwie&#x017F;ene Satz<lb/>
dazu, daß wir ohne Bedenken von jedem Vorgeben,<lb/>
de&#x017F;&#x017F;en Wahrheit uns nicht einleuchtet, einen Grund<lb/>
fordern, und erwarten ko&#x0364;nnen, und daß die&#x017F;e Forde-<lb/>
rung nichts ungereimtes noch an &#x017F;ich unmo&#x0364;gliches hat,<lb/>
&#x017F;o &#x017F;ehr die Erfindung der a&#x0364;chten Gru&#x0364;nde zuweilen<lb/>
Hinderni&#x017F;&#x017F;en unterworfen i&#x017F;t, daß wir nicht &#x017F;ogleich<lb/>
damit zu Ende kommen. Wir haben demnach hier<lb/>
das <hi rendition="#fr">Recht</hi> oder das <hi rendition="#fr">Ge&#x017F;etz des Beyfalls,</hi> den der<lb/>
Ver&#x017F;tand <hi rendition="#fr">giebt, ver&#x017F;agt,</hi> oder <hi rendition="#fr">auf&#x017F;chiebt,</hi> je nach-<lb/>
dem &#x017F;ich eine Vor&#x017F;tellung entweder fu&#x0364;r &#x017F;ich oder aus<lb/>
Gru&#x0364;nden als wahr anprei&#x017F;t, oder mehr oder minder<lb/>
noch dabey fehlt. Was wir demnach oben (§. 104.)<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">zum</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[570/0592] IV. Hauptſtuͤck, von dem Unterſchiede That nicht fuͤr ſich erkennbar, ſo hat ſie nothwendig einen Grund, aus dem ſie ſich als wahr erkennen laͤßt. (§. 227.) Demnach, wenn wir den Grund fordern, ſo fordern wir nichts, als was in der That und an ſich betrachtet gegeben werden kann, und ſo iſt die Forderung allerdings gegruͤndet, und wir ſind befugt ſie zu machen, weil wir die fuͤr ſich nicht erkennbare Wahr- heit, ohne den Grund zu wiſſen, nicht als wahr erkennen koͤnnen. Waͤre aber eine Wahrheit fuͤr ſich erkennbar, aber wir koͤnnten ſie nicht fuͤr ſich als wahr erkennen, ſo wuͤrde uns wiederum der Grund zum Beyfall feh- len. Demnach ſind wir auch in dieſem Fall befugt, den Grund zu fordern, dafern dieſe Wahrheit nicht aus unſrer Erkenntniß ganz wegbleiben ſoll. §. 230. Wir unterſuchen hiebey nicht, wie fern eine Wahr- heit fuͤr ſich erkennbar, und dennoch uns nicht fuͤr ſich erkennbar ſey. Unſer Verſtand iſt allerdings nicht der Maaßſtab fuͤr das ganze Reich der Wahr- heit, weil wir die Wahrheiten nur nach und nach er- lernen. Wir haben in dem erſten Hauptſtuͤcke (§. 53 ſeqq.) angemerkt, wie wir etwann hiebey zu- ruͤck bleiben. Jndeſſen dient der erſt erwieſene Satz dazu, daß wir ohne Bedenken von jedem Vorgeben, deſſen Wahrheit uns nicht einleuchtet, einen Grund fordern, und erwarten koͤnnen, und daß dieſe Forde- rung nichts ungereimtes noch an ſich unmoͤgliches hat, ſo ſehr die Erfindung der aͤchten Gruͤnde zuweilen Hinderniſſen unterworfen iſt, daß wir nicht ſogleich damit zu Ende kommen. Wir haben demnach hier das Recht oder das Geſetz des Beyfalls, den der Verſtand giebt, verſagt, oder aufſchiebt, je nach- dem ſich eine Vorſtellung entweder fuͤr ſich oder aus Gruͤnden als wahr anpreiſt, oder mehr oder minder noch dabey fehlt. Was wir demnach oben (§. 104.) zum

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764/592
Zitationshilfe: Lambert, Johann Heinrich: Neues Organon. Bd. 1. Leipzig, 1764, S. 570. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764/592>, abgerufen am 21.10.2019.