Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Lambert, Johann Heinrich: Neues Organon. Bd. 1. Leipzig, 1764.

Bild:
<< vorherige Seite

II. Hauptstück,
und richtige Erfahrungen erlangt haben, in dem-
selben vielmehr sich befinde, als wir mit Worten
ausdrücken, wenn wir ihn erklären. Und vielleicht
ist es eben dieses, was die Beyspiele bey vielen von
unsern Erklärungen nothwendig macht. So scheint
es der Erklärung der Vollkommenheit zu gehen,
wenn man sagt, daß sie die Uebereinstimmung des
Mannigfaltigen sey. Sie scheint nicht alles zu ent-
halten, was die Beyspiele zeigen, wodurch man sie
erläutert. Wir folgern hieraus nur so viel, daß es
zwar schwer, an sich aber doch möglich sey, in dem
Begriff einer Gattung alles beyzubehalten, was die
Unterschiede der Arten bis in ihre kleinsten Theile und
Bestimmungen noch Allgemeines haben, und darinn
zugleich auch die Anzahl und Beschaffenheit der Arten
noch mit anzuzeigen.

§. 113.

Jn verschiedenen Fällen läßt sich die Sache durch
Bilder zeichnen, oder durch eine Figur vorstellen.
Ersteres kann man Hyeroglyphen heißen, weil es
scheint, daß die von den Aegyptiern eine ähnliche Ab-
sicht hatten. Am vollständigsten aber geben uns die
Stammtafeln oder vielmehr die allgemeinen For-
meln derselben ein Beyspiel von vollständig entwickel-
ten Begriffen. Die Grade der Verwandschaft haben
mit den Figuren, wodurch sie vorgestellt werden, eine
solche Aehnlichkeit, daß die Namen von diesen selbst
in den Civilgesetzen statt jener gebraucht werden. Und
unter allen Metaphern, die man in der Sprache hat,
werden diese die genauesten seyn. So hat auch in der
Tonkunst der einige Einfall, daß sich die verschiedenen
Töne mit dem Begriffe der Höhe und Tiefe ver-
gleichen lassen, dazu Anlaß gegeben, die Töne und ihre
Unterschiede zu malen, und sie auf den Notenlinien

kenntlich

II. Hauptſtuͤck,
und richtige Erfahrungen erlangt haben, in dem-
ſelben vielmehr ſich befinde, als wir mit Worten
ausdruͤcken, wenn wir ihn erklaͤren. Und vielleicht
iſt es eben dieſes, was die Beyſpiele bey vielen von
unſern Erklaͤrungen nothwendig macht. So ſcheint
es der Erklaͤrung der Vollkommenheit zu gehen,
wenn man ſagt, daß ſie die Uebereinſtimmung des
Mannigfaltigen ſey. Sie ſcheint nicht alles zu ent-
halten, was die Beyſpiele zeigen, wodurch man ſie
erlaͤutert. Wir folgern hieraus nur ſo viel, daß es
zwar ſchwer, an ſich aber doch moͤglich ſey, in dem
Begriff einer Gattung alles beyzubehalten, was die
Unterſchiede der Arten bis in ihre kleinſten Theile und
Beſtimmungen noch Allgemeines haben, und darinn
zugleich auch die Anzahl und Beſchaffenheit der Arten
noch mit anzuzeigen.

§. 113.

Jn verſchiedenen Faͤllen laͤßt ſich die Sache durch
Bilder zeichnen, oder durch eine Figur vorſtellen.
Erſteres kann man Hyeroglyphen heißen, weil es
ſcheint, daß die von den Aegyptiern eine aͤhnliche Ab-
ſicht hatten. Am vollſtaͤndigſten aber geben uns die
Stammtafeln oder vielmehr die allgemeinen For-
meln derſelben ein Beyſpiel von vollſtaͤndig entwickel-
ten Begriffen. Die Grade der Verwandſchaft haben
mit den Figuren, wodurch ſie vorgeſtellt werden, eine
ſolche Aehnlichkeit, daß die Namen von dieſen ſelbſt
in den Civilgeſetzen ſtatt jener gebraucht werden. Und
unter allen Metaphern, die man in der Sprache hat,
werden dieſe die genaueſten ſeyn. So hat auch in der
Tonkunſt der einige Einfall, daß ſich die verſchiedenen
Toͤne mit dem Begriffe der Hoͤhe und Tiefe ver-
gleichen laſſen, dazu Anlaß gegeben, die Toͤne und ihre
Unterſchiede zu malen, und ſie auf den Notenlinien

kenntlich
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0094" n="72"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">II.</hi> Haupt&#x017F;tu&#x0364;ck,</hi></fw><lb/>
und richtige Erfahrungen erlangt haben, in dem-<lb/>
&#x017F;elben vielmehr &#x017F;ich befinde, als wir mit Worten<lb/>
ausdru&#x0364;cken, wenn wir ihn erkla&#x0364;ren. Und vielleicht<lb/>
i&#x017F;t es eben die&#x017F;es, was die Bey&#x017F;piele bey vielen von<lb/>
un&#x017F;ern Erkla&#x0364;rungen nothwendig macht. So &#x017F;cheint<lb/>
es der Erkla&#x0364;rung der <hi rendition="#fr">Vollkommenheit</hi> zu gehen,<lb/>
wenn man &#x017F;agt, daß &#x017F;ie die Ueberein&#x017F;timmung des<lb/>
Mannigfaltigen &#x017F;ey. Sie &#x017F;cheint nicht alles zu ent-<lb/>
halten, was die Bey&#x017F;piele zeigen, wodurch man &#x017F;ie<lb/>
erla&#x0364;utert. Wir folgern hieraus nur &#x017F;o viel, daß es<lb/>
zwar &#x017F;chwer, an &#x017F;ich aber doch mo&#x0364;glich &#x017F;ey, in dem<lb/>
Begriff einer Gattung alles beyzubehalten, was die<lb/>
Unter&#x017F;chiede der Arten bis in ihre klein&#x017F;ten Theile und<lb/>
Be&#x017F;timmungen noch Allgemeines haben, und darinn<lb/>
zugleich auch die Anzahl und Be&#x017F;chaffenheit der Arten<lb/>
noch mit anzuzeigen.</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head>§. 113.</head><lb/>
            <p>Jn ver&#x017F;chiedenen Fa&#x0364;llen la&#x0364;ßt &#x017F;ich die Sache durch<lb/>
Bilder zeichnen, oder durch eine Figur vor&#x017F;tellen.<lb/>
Er&#x017F;teres kann man <hi rendition="#fr">Hyeroglyphen</hi> heißen, weil es<lb/>
&#x017F;cheint, daß die von den Aegyptiern eine a&#x0364;hnliche Ab-<lb/>
&#x017F;icht hatten. Am voll&#x017F;ta&#x0364;ndig&#x017F;ten aber geben uns die<lb/><hi rendition="#fr">Stammtafeln</hi> oder vielmehr die allgemeinen For-<lb/>
meln der&#x017F;elben ein Bey&#x017F;piel von voll&#x017F;ta&#x0364;ndig entwickel-<lb/>
ten Begriffen. Die Grade der Verwand&#x017F;chaft haben<lb/>
mit den Figuren, wodurch &#x017F;ie vorge&#x017F;tellt werden, eine<lb/>
&#x017F;olche Aehnlichkeit, daß die Namen von die&#x017F;en &#x017F;elb&#x017F;t<lb/>
in den Civilge&#x017F;etzen &#x017F;tatt jener gebraucht werden. Und<lb/>
unter allen Metaphern, die man in der Sprache hat,<lb/>
werden die&#x017F;e die genaue&#x017F;ten &#x017F;eyn. So hat auch in der<lb/>
Tonkun&#x017F;t der einige Einfall, daß &#x017F;ich die ver&#x017F;chiedenen<lb/>
To&#x0364;ne mit dem Begriffe der Ho&#x0364;he und Tiefe ver-<lb/>
gleichen la&#x017F;&#x017F;en, dazu Anlaß gegeben, die To&#x0364;ne und ihre<lb/>
Unter&#x017F;chiede zu malen, und &#x017F;ie auf den Notenlinien<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">kenntlich</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[72/0094] II. Hauptſtuͤck, und richtige Erfahrungen erlangt haben, in dem- ſelben vielmehr ſich befinde, als wir mit Worten ausdruͤcken, wenn wir ihn erklaͤren. Und vielleicht iſt es eben dieſes, was die Beyſpiele bey vielen von unſern Erklaͤrungen nothwendig macht. So ſcheint es der Erklaͤrung der Vollkommenheit zu gehen, wenn man ſagt, daß ſie die Uebereinſtimmung des Mannigfaltigen ſey. Sie ſcheint nicht alles zu ent- halten, was die Beyſpiele zeigen, wodurch man ſie erlaͤutert. Wir folgern hieraus nur ſo viel, daß es zwar ſchwer, an ſich aber doch moͤglich ſey, in dem Begriff einer Gattung alles beyzubehalten, was die Unterſchiede der Arten bis in ihre kleinſten Theile und Beſtimmungen noch Allgemeines haben, und darinn zugleich auch die Anzahl und Beſchaffenheit der Arten noch mit anzuzeigen. §. 113. Jn verſchiedenen Faͤllen laͤßt ſich die Sache durch Bilder zeichnen, oder durch eine Figur vorſtellen. Erſteres kann man Hyeroglyphen heißen, weil es ſcheint, daß die von den Aegyptiern eine aͤhnliche Ab- ſicht hatten. Am vollſtaͤndigſten aber geben uns die Stammtafeln oder vielmehr die allgemeinen For- meln derſelben ein Beyſpiel von vollſtaͤndig entwickel- ten Begriffen. Die Grade der Verwandſchaft haben mit den Figuren, wodurch ſie vorgeſtellt werden, eine ſolche Aehnlichkeit, daß die Namen von dieſen ſelbſt in den Civilgeſetzen ſtatt jener gebraucht werden. Und unter allen Metaphern, die man in der Sprache hat, werden dieſe die genaueſten ſeyn. So hat auch in der Tonkunſt der einige Einfall, daß ſich die verſchiedenen Toͤne mit dem Begriffe der Hoͤhe und Tiefe ver- gleichen laſſen, dazu Anlaß gegeben, die Toͤne und ihre Unterſchiede zu malen, und ſie auf den Notenlinien kenntlich

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764/94
Zitationshilfe: Lambert, Johann Heinrich: Neues Organon. Bd. 1. Leipzig, 1764, S. 72. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lambert_organon01_1764/94>, abgerufen am 13.10.2019.