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Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 2. Leipzig u. a., 1776.

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XIV. Fragment. Menschenschädel.
"Einer Art zusammen geordnet, und also an der Folge die Gradation und an den Extremen
"den Kontrast einleuchtend hätte zeigen können, aufmerksame Zuschauer nicht abgeneigt gemacht
"haben würden, seinen Muthmaßungen über die Beschaffenheit und Würksamkeit des Gehirns, das
"diese Köpfe ehemals erfüllte, einigen Beyfall zu geben. Uebrigens, wenn man bedenkt, wie ge-
"wiß es ist, daß viele Spitzbuben einen ausserordentlichen Verstand, und eine ausserordentliche
"Würksamkeit gehabt haben, und wie ungewiß man hierüber bey vielen Heiligen ist, die schon roth
"im Kalender stehen, so wird man die Frage so verwickelt finden, daß man den armen Physiogno-
"misten entschuldigen muß, wenn er die Beantwortung derselben verbittet, und sie auf einen
"unfehlbaren Richter zurückschiebt." -- *)

IV.
Weitere Beantwortung.

So weit Herr Nikolai. Seine Antwort ist gut; aber sie ist nicht hinlänglich. --

Laßt uns versuchen, die Sache ausführlicher zu entwickeln, als es in einer Recension
möglich ist.

"Den Heiligen vom Spitzbuben schlechtweg am bloßen Schädel zu unterscheiden" --
Wer hat jemals diese Prätension gemacht?

"Die Ehrlichkeit bey allen Bücher-Menschen-Meynungs-Beurtheilungen, dünkt mich,
"beruhet vor allen Dingen darauf -- jeden nach seiner Prätension zu beurtheilen, und keinem
"Prätensionen zuzuschreiben, die er nicht hat."

Jch weiß von keinem Physiognomisten, der diese Anmaßung gehabt hat; -- aber gewiß
weiß ich, daß ich sie nie gehabt habe.

Dessen ungeachtet behaupte ich, als die erweisbarste Wahrheit: "daß aus der bloßen
"Form -- Proportion -- und Härte oder Weichheit des Schädels -- die Stärke oder
"Schwäche des Charakters überhaupt
mit der größten Zuverlässigkeit erkennbar ist." --

Nun aber, wie schon mehrmals gesagt -- ist Stärke und Schwäche an sich weder
Tugend noch Laster, weder Heiligkeit noch Spitzbüberey --

Dieselbe
*) Allgem. deutsche Bibl. XXIII. B. II. St. S. 339. 340.
T 3

XIV. Fragment. Menſchenſchaͤdel.
„Einer Art zuſammen geordnet, und alſo an der Folge die Gradation und an den Extremen
„den Kontraſt einleuchtend haͤtte zeigen koͤnnen, aufmerkſame Zuſchauer nicht abgeneigt gemacht
„haben wuͤrden, ſeinen Muthmaßungen uͤber die Beſchaffenheit und Wuͤrkſamkeit des Gehirns, das
„dieſe Koͤpfe ehemals erfuͤllte, einigen Beyfall zu geben. Uebrigens, wenn man bedenkt, wie ge-
„wiß es iſt, daß viele Spitzbuben einen auſſerordentlichen Verſtand, und eine auſſerordentliche
„Wuͤrkſamkeit gehabt haben, und wie ungewiß man hieruͤber bey vielen Heiligen iſt, die ſchon roth
„im Kalender ſtehen, ſo wird man die Frage ſo verwickelt finden, daß man den armen Phyſiogno-
„miſten entſchuldigen muß, wenn er die Beantwortung derſelben verbittet, und ſie auf einen
unfehlbaren Richter zuruͤckſchiebt.“ — *)

IV.
Weitere Beantwortung.

So weit Herr Nikolai. Seine Antwort iſt gut; aber ſie iſt nicht hinlaͤnglich. —

Laßt uns verſuchen, die Sache ausfuͤhrlicher zu entwickeln, als es in einer Recenſion
moͤglich iſt.

„Den Heiligen vom Spitzbuben ſchlechtweg am bloßen Schaͤdel zu unterſcheiden“ —
Wer hat jemals dieſe Praͤtenſion gemacht?

„Die Ehrlichkeit bey allen Buͤcher-Menſchen-Meynungs-Beurtheilungen, duͤnkt mich,
„beruhet vor allen Dingen darauf — jeden nach ſeiner Praͤtenſion zu beurtheilen, und keinem
„Praͤtenſionen zuzuſchreiben, die er nicht hat.“

Jch weiß von keinem Phyſiognomiſten, der dieſe Anmaßung gehabt hat; — aber gewiß
weiß ich, daß ich ſie nie gehabt habe.

Deſſen ungeachtet behaupte ich, als die erweisbarſte Wahrheit: „daß aus der bloßen
„Form — Proportion — und Haͤrte oder Weichheit des Schaͤdels — die Staͤrke oder
„Schwaͤche des Charakters uͤberhaupt
mit der groͤßten Zuverlaͤſſigkeit erkennbar iſt.“ —

Nun aber, wie ſchon mehrmals geſagt — iſt Staͤrke und Schwaͤche an ſich weder
Tugend noch Laſter, weder Heiligkeit noch Spitzbuͤberey

Dieſelbe
*) Allgem. deutſche Bibl. XXIII. B. II. St. S. 339. 340.
T 3
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[149/0209] XIV. Fragment. Menſchenſchaͤdel. „Einer Art zuſammen geordnet, und alſo an der Folge die Gradation und an den Extremen „den Kontraſt einleuchtend haͤtte zeigen koͤnnen, aufmerkſame Zuſchauer nicht abgeneigt gemacht „haben wuͤrden, ſeinen Muthmaßungen uͤber die Beſchaffenheit und Wuͤrkſamkeit des Gehirns, das „dieſe Koͤpfe ehemals erfuͤllte, einigen Beyfall zu geben. Uebrigens, wenn man bedenkt, wie ge- „wiß es iſt, daß viele Spitzbuben einen auſſerordentlichen Verſtand, und eine auſſerordentliche „Wuͤrkſamkeit gehabt haben, und wie ungewiß man hieruͤber bey vielen Heiligen iſt, die ſchon roth „im Kalender ſtehen, ſo wird man die Frage ſo verwickelt finden, daß man den armen Phyſiogno- „miſten entſchuldigen muß, wenn er die Beantwortung derſelben verbittet, und ſie auf einen „unfehlbaren Richter zuruͤckſchiebt.“ — *) IV. Weitere Beantwortung. So weit Herr Nikolai. Seine Antwort iſt gut; aber ſie iſt nicht hinlaͤnglich. — Laßt uns verſuchen, die Sache ausfuͤhrlicher zu entwickeln, als es in einer Recenſion moͤglich iſt. „Den Heiligen vom Spitzbuben ſchlechtweg am bloßen Schaͤdel zu unterſcheiden“ — Wer hat jemals dieſe Praͤtenſion gemacht? „Die Ehrlichkeit bey allen Buͤcher-Menſchen-Meynungs-Beurtheilungen, duͤnkt mich, „beruhet vor allen Dingen darauf — jeden nach ſeiner Praͤtenſion zu beurtheilen, und keinem „Praͤtenſionen zuzuſchreiben, die er nicht hat.“ Jch weiß von keinem Phyſiognomiſten, der dieſe Anmaßung gehabt hat; — aber gewiß weiß ich, daß ich ſie nie gehabt habe. Deſſen ungeachtet behaupte ich, als die erweisbarſte Wahrheit: „daß aus der bloßen „Form — Proportion — und Haͤrte oder Weichheit des Schaͤdels — die Staͤrke oder „Schwaͤche des Charakters uͤberhaupt mit der groͤßten Zuverlaͤſſigkeit erkennbar iſt.“ — Nun aber, wie ſchon mehrmals geſagt — iſt Staͤrke und Schwaͤche an ſich weder Tugend noch Laſter, weder Heiligkeit noch Spitzbuͤberey — Dieſelbe *) Allgem. deutſche Bibl. XXIII. B. II. St. S. 339. 340. T 3

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Zitationshilfe: Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 2. Leipzig u. a., 1776, S. 149. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente02_1776/209>, abgerufen am 25.06.2019.