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Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 2. Leipzig u. a., 1776.

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Schwache, thörichte Menschen.
Fünfte Tafel.
Sechs weibliche schattirte Köpfe.
1. Eine an sich nicht dumme, alte, starke, engbrüstige Person. Hier ist ihr Blick stierig und
verworren.
2. Ein gichtisches, unverheyrathetes Weibsbild von 67. Jahren -- meines Ermessens,
besonders aus Unterkinn und Nase zu urtheilen, von nicht gemeinen Verstandesanlagen --
Hier Blick und Miene alternder Kindlichkeit.
3. Stille, verschloßne, unzugängliche, unheilbare Melancholie. Diese zeigt sich beson-
ders in den Falten über den Augknochen, den inegalen Augenbraunen, dem staunenden Blicke,
den kleinen Nasenlöchern, und dem geschloßnen trocknen Munde.
4. Scheint mir eine gebohrne, gutmüthige, geschwätzige, Närrinn fröhlicher Art zu seyn.
Man vergleiche Mund mit Mund in 4. und 3. Die Fröhlichkeit drängt die Mitte der Mit-
tellinie des Mundes ab- und die beyden Enden des Mundes aufwärts -- die Traurigkeit zieht
die Mitte des Mundes hinauf -- und drückt die beyden Enden hinab.
5. Eine vom Schläge gerührte alte Frau, die viel gelitten und erduldet zu haben scheint.
Das rechte Aug' ausgenommen, scheint sie von dem gemeinsten Verstande zu seyn.
6. Eine
Phys. Fragm. II Versuch. A a
Schwache, thoͤrichte Menſchen.
Fuͤnfte Tafel.
Sechs weibliche ſchattirte Koͤpfe.
1. Eine an ſich nicht dumme, alte, ſtarke, engbruͤſtige Perſon. Hier iſt ihr Blick ſtierig und
verworren.
2. Ein gichtiſches, unverheyrathetes Weibsbild von 67. Jahren — meines Ermeſſens,
beſonders aus Unterkinn und Naſe zu urtheilen, von nicht gemeinen Verſtandesanlagen —
Hier Blick und Miene alternder Kindlichkeit.
3. Stille, verſchloßne, unzugaͤngliche, unheilbare Melancholie. Dieſe zeigt ſich beſon-
ders in den Falten uͤber den Augknochen, den inegalen Augenbraunen, dem ſtaunenden Blicke,
den kleinen Naſenloͤchern, und dem geſchloßnen trocknen Munde.
4. Scheint mir eine gebohrne, gutmuͤthige, geſchwaͤtzige, Naͤrrinn froͤhlicher Art zu ſeyn.
Man vergleiche Mund mit Mund in 4. und 3. Die Froͤhlichkeit draͤngt die Mitte der Mit-
tellinie des Mundes ab- und die beyden Enden des Mundes aufwaͤrts — die Traurigkeit zieht
die Mitte des Mundes hinauf — und druͤckt die beyden Enden hinab.
5. Eine vom Schlaͤge geruͤhrte alte Frau, die viel gelitten und erduldet zu haben ſcheint.
Das rechte Aug' ausgenommen, ſcheint ſie von dem gemeinſten Verſtande zu ſeyn.
6. Eine
Phyſ. Fragm. II Verſuch. A a
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[185/0273] Schwache, thoͤrichte Menſchen. Fuͤnfte Tafel. Sechs weibliche ſchattirte Koͤpfe. 1. Eine an ſich nicht dumme, alte, ſtarke, engbruͤſtige Perſon. Hier iſt ihr Blick ſtierig und verworren. 2. Ein gichtiſches, unverheyrathetes Weibsbild von 67. Jahren — meines Ermeſſens, beſonders aus Unterkinn und Naſe zu urtheilen, von nicht gemeinen Verſtandesanlagen — Hier Blick und Miene alternder Kindlichkeit. 3. Stille, verſchloßne, unzugaͤngliche, unheilbare Melancholie. Dieſe zeigt ſich beſon- ders in den Falten uͤber den Augknochen, den inegalen Augenbraunen, dem ſtaunenden Blicke, den kleinen Naſenloͤchern, und dem geſchloßnen trocknen Munde. 4. Scheint mir eine gebohrne, gutmuͤthige, geſchwaͤtzige, Naͤrrinn froͤhlicher Art zu ſeyn. Man vergleiche Mund mit Mund in 4. und 3. Die Froͤhlichkeit draͤngt die Mitte der Mit- tellinie des Mundes ab- und die beyden Enden des Mundes aufwaͤrts — die Traurigkeit zieht die Mitte des Mundes hinauf — und druͤckt die beyden Enden hinab. 5. Eine vom Schlaͤge geruͤhrte alte Frau, die viel gelitten und erduldet zu haben ſcheint. Das rechte Aug' ausgenommen, ſcheint ſie von dem gemeinſten Verſtande zu ſeyn. 6. Eine Phyſ. Fragm. II Verſuch. A a

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Zitationshilfe: Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 2. Leipzig u. a., 1776, S. 185. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente02_1776/273>, abgerufen am 27.05.2019.