Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 2. Leipzig u. a., 1776.

Bild:
<< vorherige Seite
Fürsten und Helden.
Neunte Tafel.
Uladislaus VI. König in Polen und Schweden.

Der äussere Gränzumriß des Gesichts hat was entsetzlich gemeines, rohes, pöbelhaftes; nicht
denkender, forschender Sinn, aber auch nicht Stumpfsinn ist im Auge, so wie's erscheint.
Viel Sinnlichkeit, wenig Cultur, planlose Festigkeit, oder Schwerheit vielmehr -- ist der Aus-
druck des Ganzen.

Zehnte Tafel.
Maximilian I. Kaiser.

Die Gestalt dieses Fürsten ist ein neuer Pfeiler unserer Lehre.

So viel man von der Stirne, besonders im Originale sehen kann, den äussern eckigten
und wellenförmigen Gränzumriß bis zum Unterkinn mitgerechnet; das hell- und festschauende Auge,
mit dem tiefen Einschnitt am obern Auglied, die etwas zu harte Unterlippe am Auge ausgenom-
men, die herrliche, für Muth, Thätigkeit, Weisheit, Selbstgefühl, wenn ich so sagen darf, spe-
cifike
Nase, besonders der äusserst feine Mund, der im Profile sichtbarere Einschnitt in die Mitte
des Kinns; der vorstehende, ebenfalls eingeschnittne Kinnball -- alles dieß zusammen, welch
ein seltener, rufender Ausdruck von natürlicher Heldenhaftigkeit. --

Welche wahrhafte kaiserliche Größe! Reinheit des Verstandes! Adel! Güte! Bürger-
lichkeit! Empfänglichkeit! Beweglichkeit! leicht zu erzürnen! bald zu besänftigen! Eben dieser
Gemsenjäger, dieser leichte Felsschwinger war's, der alle Wissenschaften und Künste würklich
liebte, der alle vorzügliche Männer seiner Zeit kannte und nutzte; der am liebsten mit Privat-
leuten umgieng, und sich drum so gern bey den Augspurgern aufhielt, die ihm zu Ehren man-
che öffentliche bürgerliche Lustbarkeiten anstellten, Jagden, Fechterspiele, Tänze auf freyer
Straße, wo er oft mit machte; besonders die sogenannten Geschlechtertänze.

Als
C c 2
Fuͤrſten und Helden.
Neunte Tafel.
Uladislaus VI. Koͤnig in Polen und Schweden.

Der aͤuſſere Graͤnzumriß des Geſichts hat was entſetzlich gemeines, rohes, poͤbelhaftes; nicht
denkender, forſchender Sinn, aber auch nicht Stumpfſinn iſt im Auge, ſo wie’s erſcheint.
Viel Sinnlichkeit, wenig Cultur, planloſe Feſtigkeit, oder Schwerheit vielmehr — iſt der Aus-
druck des Ganzen.

Zehnte Tafel.
Maximilian I. Kaiſer.

Die Geſtalt dieſes Fuͤrſten iſt ein neuer Pfeiler unſerer Lehre.

So viel man von der Stirne, beſonders im Originale ſehen kann, den aͤuſſern eckigten
und wellenfoͤrmigen Graͤnzumriß bis zum Unterkinn mitgerechnet; das hell- und feſtſchauende Auge,
mit dem tiefen Einſchnitt am obern Auglied, die etwas zu harte Unterlippe am Auge ausgenom-
men, die herrliche, fuͤr Muth, Thaͤtigkeit, Weisheit, Selbſtgefuͤhl, wenn ich ſo ſagen darf, ſpe-
cifike
Naſe, beſonders der aͤuſſerſt feine Mund, der im Profile ſichtbarere Einſchnitt in die Mitte
des Kinns; der vorſtehende, ebenfalls eingeſchnittne Kinnball — alles dieß zuſammen, welch
ein ſeltener, rufender Ausdruck von natuͤrlicher Heldenhaftigkeit. —

Welche wahrhafte kaiſerliche Groͤße! Reinheit des Verſtandes! Adel! Guͤte! Buͤrger-
lichkeit! Empfaͤnglichkeit! Beweglichkeit! leicht zu erzuͤrnen! bald zu beſaͤnftigen! Eben dieſer
Gemſenjaͤger, dieſer leichte Felsſchwinger war’s, der alle Wiſſenſchaften und Kuͤnſte wuͤrklich
liebte, der alle vorzuͤgliche Maͤnner ſeiner Zeit kannte und nutzte; der am liebſten mit Privat-
leuten umgieng, und ſich drum ſo gern bey den Augſpurgern aufhielt, die ihm zu Ehren man-
che oͤffentliche buͤrgerliche Luſtbarkeiten anſtellten, Jagden, Fechterſpiele, Taͤnze auf freyer
Straße, wo er oft mit machte; beſonders die ſogenannten Geſchlechtertaͤnze.

Als
C c 2
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0323" n="203"/>
          <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#b">Fu&#x0364;r&#x017F;ten und Helden.</hi> </fw><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#g"> <hi rendition="#fr">Neunte Tafel.</hi><lb/> <hi rendition="#b">Uladislaus <hi rendition="#aq">VI.</hi> Ko&#x0364;nig in Polen und Schweden.</hi> </hi> </head><lb/>
            <p><hi rendition="#in">D</hi>er a&#x0364;u&#x017F;&#x017F;ere Gra&#x0364;nzumriß des Ge&#x017F;ichts hat was ent&#x017F;etzlich gemeines, rohes, po&#x0364;belhaftes; nicht<lb/><hi rendition="#fr">denkender,</hi> for&#x017F;chender Sinn, aber auch nicht Stumpf&#x017F;inn i&#x017F;t im Auge, &#x017F;o wie&#x2019;s er&#x017F;cheint.<lb/>
Viel Sinnlichkeit, wenig Cultur, planlo&#x017F;e Fe&#x017F;tigkeit, oder Schwerheit vielmehr &#x2014; i&#x017F;t der Aus-<lb/>
druck des Ganzen.</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#g"> <hi rendition="#fr">Zehnte Tafel.</hi><lb/> <hi rendition="#b">Maximilian <hi rendition="#aq">I.</hi> Kai&#x017F;er.</hi> </hi> </head><lb/>
            <p><hi rendition="#in">D</hi>ie Ge&#x017F;talt die&#x017F;es Fu&#x0364;r&#x017F;ten i&#x017F;t ein neuer Pfeiler un&#x017F;erer Lehre.</p><lb/>
            <p>So viel man von der Stirne, be&#x017F;onders im Originale &#x017F;ehen kann, den a&#x0364;u&#x017F;&#x017F;ern eckigten<lb/>
und wellenfo&#x0364;rmigen Gra&#x0364;nzumriß bis zum Unterkinn mitgerechnet; das hell- und fe&#x017F;t&#x017F;chauende Auge,<lb/>
mit dem tiefen Ein&#x017F;chnitt am obern Auglied, die etwas zu harte Unterlippe am Auge ausgenom-<lb/>
men, die herrliche, fu&#x0364;r Muth, Tha&#x0364;tigkeit, Weisheit, Selb&#x017F;tgefu&#x0364;hl, wenn ich &#x017F;o &#x017F;agen darf, <hi rendition="#fr">&#x017F;pe-<lb/>
cifike</hi> Na&#x017F;e, be&#x017F;onders der a&#x0364;u&#x017F;&#x017F;er&#x017F;t feine Mund, der im Profile &#x017F;ichtbarere Ein&#x017F;chnitt in die Mitte<lb/>
des Kinns; der vor&#x017F;tehende, ebenfalls einge&#x017F;chnittne Kinnball &#x2014; alles dieß zu&#x017F;ammen, welch<lb/>
ein &#x017F;eltener, rufender Ausdruck von natu&#x0364;rlicher Heldenhaftigkeit. &#x2014;</p><lb/>
            <p>Welche wahrhafte kai&#x017F;erliche Gro&#x0364;ße! Reinheit des Ver&#x017F;tandes! Adel! Gu&#x0364;te! Bu&#x0364;rger-<lb/>
lichkeit! Empfa&#x0364;nglichkeit! Beweglichkeit! leicht zu erzu&#x0364;rnen! bald zu be&#x017F;a&#x0364;nftigen! Eben die&#x017F;er<lb/>
Gem&#x017F;enja&#x0364;ger, die&#x017F;er leichte Fels&#x017F;chwinger war&#x2019;s, der alle Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaften und Ku&#x0364;n&#x017F;te wu&#x0364;rklich<lb/>
liebte, der alle vorzu&#x0364;gliche Ma&#x0364;nner &#x017F;einer Zeit kannte und nutzte; der am lieb&#x017F;ten mit Privat-<lb/>
leuten umgieng, und &#x017F;ich drum &#x017F;o gern bey den Aug&#x017F;purgern aufhielt, die ihm zu Ehren man-<lb/>
che o&#x0364;ffentliche bu&#x0364;rgerliche Lu&#x017F;tbarkeiten an&#x017F;tellten, Jagden, Fechter&#x017F;piele, Ta&#x0364;nze auf freyer<lb/>
Straße, wo er oft mit machte; be&#x017F;onders die &#x017F;ogenannten Ge&#x017F;chlechterta&#x0364;nze.</p><lb/>
            <fw place="bottom" type="sig">C c 2</fw>
            <fw place="bottom" type="catch">Als</fw><lb/>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[203/0323] Fuͤrſten und Helden. Neunte Tafel. Uladislaus VI. Koͤnig in Polen und Schweden. Der aͤuſſere Graͤnzumriß des Geſichts hat was entſetzlich gemeines, rohes, poͤbelhaftes; nicht denkender, forſchender Sinn, aber auch nicht Stumpfſinn iſt im Auge, ſo wie’s erſcheint. Viel Sinnlichkeit, wenig Cultur, planloſe Feſtigkeit, oder Schwerheit vielmehr — iſt der Aus- druck des Ganzen. Zehnte Tafel. Maximilian I. Kaiſer. Die Geſtalt dieſes Fuͤrſten iſt ein neuer Pfeiler unſerer Lehre. So viel man von der Stirne, beſonders im Originale ſehen kann, den aͤuſſern eckigten und wellenfoͤrmigen Graͤnzumriß bis zum Unterkinn mitgerechnet; das hell- und feſtſchauende Auge, mit dem tiefen Einſchnitt am obern Auglied, die etwas zu harte Unterlippe am Auge ausgenom- men, die herrliche, fuͤr Muth, Thaͤtigkeit, Weisheit, Selbſtgefuͤhl, wenn ich ſo ſagen darf, ſpe- cifike Naſe, beſonders der aͤuſſerſt feine Mund, der im Profile ſichtbarere Einſchnitt in die Mitte des Kinns; der vorſtehende, ebenfalls eingeſchnittne Kinnball — alles dieß zuſammen, welch ein ſeltener, rufender Ausdruck von natuͤrlicher Heldenhaftigkeit. — Welche wahrhafte kaiſerliche Groͤße! Reinheit des Verſtandes! Adel! Guͤte! Buͤrger- lichkeit! Empfaͤnglichkeit! Beweglichkeit! leicht zu erzuͤrnen! bald zu beſaͤnftigen! Eben dieſer Gemſenjaͤger, dieſer leichte Felsſchwinger war’s, der alle Wiſſenſchaften und Kuͤnſte wuͤrklich liebte, der alle vorzuͤgliche Maͤnner ſeiner Zeit kannte und nutzte; der am liebſten mit Privat- leuten umgieng, und ſich drum ſo gern bey den Augſpurgern aufhielt, die ihm zu Ehren man- che oͤffentliche buͤrgerliche Luſtbarkeiten anſtellten, Jagden, Fechterſpiele, Taͤnze auf freyer Straße, wo er oft mit machte; beſonders die ſogenannten Geſchlechtertaͤnze. Als C c 2

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente02_1776
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente02_1776/323
Zitationshilfe: Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 2. Leipzig u. a., 1776, S. 203. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente02_1776/323>, abgerufen am 20.05.2019.