Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 2. Leipzig u. a., 1776.

Bild:
<< vorherige Seite
XXXII. Fragment.
Zwey und dreyßigstes Fragment.
Helden der Vorzeit.

Wir haben eine Reihe von edlen, sanften Charaktern durchgegangen, und ich hoffe wenigstens
einiges Gefühl des Allgemeinen dieser Charaktere veranlaßt zu haben -- die besondern einfachen
Linien und Buchstaben dieser edlen, sanften Treue und Zärtlichkeit -- seyen dem letzten Bande
vorbehalten.

Laßt uns nun zu den kraftvollsten, unternehmendsten Helden und Eroberern der Vorzeit
fortgehen. Alles in der Welt triegt mich; ich habe keine Augen mehr, lebe nicht, existire nicht,
wenn nicht hier wiederum Wahrheit des Ausdrucks, Physiognomie auffallend ist.

Erste Tafel. Scipio.

Hohe, gewaltige, immer gegenwärtige Heldenkraft, Widerstand, Adel, und Güte. Der
Knochenbau des Kopfs und die Bildung des Ganzen höchst gewaltig und fest. Daß aber die Mus-
keln etwas schlaffes und schwammichtes haben, ist wahrscheinlich Fehler der Zeichnung: dadurch
schwebt eine Schattirung von moralischer Schwäche, Beschränktheit und Langsamkeit über der Ge-
stalt. Unbeweglich in seinen Verhältnissen ist der Mann, stets den Augenblick ergreifend, immer
Thaten und Handlungen und Schicksale vergleichend, und mit sich verbindend. Kein Zug von
untheilnehmendem, allgemeinem Forschen. Befestiger seiner Stadt und selbst Bollwerk.

Man vergleiche nachstehende kraft- und gefühllose, aufgedunsene, schlaffe Karikatur, mit
jener erhabenen Mannheit.

[Abbildung]
Zweyte
XXXII. Fragment.
Zwey und dreyßigſtes Fragment.
Helden der Vorzeit.

Wir haben eine Reihe von edlen, ſanften Charaktern durchgegangen, und ich hoffe wenigſtens
einiges Gefuͤhl des Allgemeinen dieſer Charaktere veranlaßt zu haben — die beſondern einfachen
Linien und Buchſtaben dieſer edlen, ſanften Treue und Zaͤrtlichkeit — ſeyen dem letzten Bande
vorbehalten.

Laßt uns nun zu den kraftvollſten, unternehmendſten Helden und Eroberern der Vorzeit
fortgehen. Alles in der Welt triegt mich; ich habe keine Augen mehr, lebe nicht, exiſtire nicht,
wenn nicht hier wiederum Wahrheit des Ausdrucks, Phyſiognomie auffallend iſt.

Erſte Tafel. Scipio.

Hohe, gewaltige, immer gegenwaͤrtige Heldenkraft, Widerſtand, Adel, und Guͤte. Der
Knochenbau des Kopfs und die Bildung des Ganzen hoͤchſt gewaltig und feſt. Daß aber die Mus-
keln etwas ſchlaffes und ſchwammichtes haben, iſt wahrſcheinlich Fehler der Zeichnung: dadurch
ſchwebt eine Schattirung von moraliſcher Schwaͤche, Beſchraͤnktheit und Langſamkeit uͤber der Ge-
ſtalt. Unbeweglich in ſeinen Verhaͤltniſſen iſt der Mann, ſtets den Augenblick ergreifend, immer
Thaten und Handlungen und Schickſale vergleichend, und mit ſich verbindend. Kein Zug von
untheilnehmendem, allgemeinem Forſchen. Befeſtiger ſeiner Stadt und ſelbſt Bollwerk.

Man vergleiche nachſtehende kraft- und gefuͤhlloſe, aufgedunſene, ſchlaffe Karikatur, mit
jener erhabenen Mannheit.

[Abbildung]
Zweyte
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0430" n="254"/>
        <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#b"> <hi rendition="#aq">XXXII.</hi> <hi rendition="#g">Fragment.</hi> </hi> </fw><lb/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b"> <hi rendition="#g">Zwey und dreyßig&#x017F;tes Fragment.<lb/>
Helden der Vorzeit.</hi> </hi> </head><lb/>
          <p><hi rendition="#in">W</hi>ir haben eine Reihe von edlen, &#x017F;anften Charaktern durchgegangen, und ich hoffe wenig&#x017F;tens<lb/>
einiges Gefu&#x0364;hl des Allgemeinen die&#x017F;er Charaktere veranlaßt zu haben &#x2014; die be&#x017F;ondern einfachen<lb/>
Linien und Buch&#x017F;taben die&#x017F;er edlen, &#x017F;anften Treue und Za&#x0364;rtlichkeit &#x2014; &#x017F;eyen dem letzten Bande<lb/>
vorbehalten.</p><lb/>
          <p>Laßt uns nun zu den kraftvoll&#x017F;ten, unternehmend&#x017F;ten Helden und Eroberern der Vorzeit<lb/>
fortgehen. Alles in der Welt triegt mich; ich habe keine Augen mehr, lebe nicht, exi&#x017F;tire nicht,<lb/>
wenn nicht hier wiederum Wahrheit des Ausdrucks, Phy&#x017F;iognomie auffallend i&#x017F;t.</p><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#g"> <hi rendition="#fr">Er&#x017F;te Tafel.</hi> <hi rendition="#b">Scipio.</hi> </hi> </head><lb/>
            <p>Hohe, gewaltige, immer gegenwa&#x0364;rtige Heldenkraft, Wider&#x017F;tand, Adel, und Gu&#x0364;te. Der<lb/>
Knochenbau des Kopfs und die Bildung des Ganzen ho&#x0364;ch&#x017F;t gewaltig und fe&#x017F;t. Daß aber die Mus-<lb/>
keln etwas &#x017F;chlaffes und &#x017F;chwammichtes haben, i&#x017F;t wahr&#x017F;cheinlich Fehler der Zeichnung: dadurch<lb/>
&#x017F;chwebt eine Schattirung von morali&#x017F;cher Schwa&#x0364;che, Be&#x017F;chra&#x0364;nktheit und Lang&#x017F;amkeit u&#x0364;ber der Ge-<lb/>
&#x017F;talt. Unbeweglich in &#x017F;einen Verha&#x0364;ltni&#x017F;&#x017F;en i&#x017F;t der Mann, &#x017F;tets den Augenblick ergreifend, immer<lb/>
Thaten und Handlungen und Schick&#x017F;ale vergleichend, und mit &#x017F;ich verbindend. Kein Zug von<lb/>
untheilnehmendem, allgemeinem For&#x017F;chen. Befe&#x017F;tiger &#x017F;einer Stadt und &#x017F;elb&#x017F;t Bollwerk.</p><lb/>
            <p>Man vergleiche nach&#x017F;tehende kraft- und gefu&#x0364;hllo&#x017F;e, aufgedun&#x017F;ene, &#x017F;chlaffe Karikatur, mit<lb/>
jener erhabenen Mannheit.</p><lb/>
            <figure/><lb/>
            <fw place="bottom" type="catch"> <hi rendition="#fr">Zweyte</hi> </fw><lb/>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[254/0430] XXXII. Fragment. Zwey und dreyßigſtes Fragment. Helden der Vorzeit. Wir haben eine Reihe von edlen, ſanften Charaktern durchgegangen, und ich hoffe wenigſtens einiges Gefuͤhl des Allgemeinen dieſer Charaktere veranlaßt zu haben — die beſondern einfachen Linien und Buchſtaben dieſer edlen, ſanften Treue und Zaͤrtlichkeit — ſeyen dem letzten Bande vorbehalten. Laßt uns nun zu den kraftvollſten, unternehmendſten Helden und Eroberern der Vorzeit fortgehen. Alles in der Welt triegt mich; ich habe keine Augen mehr, lebe nicht, exiſtire nicht, wenn nicht hier wiederum Wahrheit des Ausdrucks, Phyſiognomie auffallend iſt. Erſte Tafel. Scipio. Hohe, gewaltige, immer gegenwaͤrtige Heldenkraft, Widerſtand, Adel, und Guͤte. Der Knochenbau des Kopfs und die Bildung des Ganzen hoͤchſt gewaltig und feſt. Daß aber die Mus- keln etwas ſchlaffes und ſchwammichtes haben, iſt wahrſcheinlich Fehler der Zeichnung: dadurch ſchwebt eine Schattirung von moraliſcher Schwaͤche, Beſchraͤnktheit und Langſamkeit uͤber der Ge- ſtalt. Unbeweglich in ſeinen Verhaͤltniſſen iſt der Mann, ſtets den Augenblick ergreifend, immer Thaten und Handlungen und Schickſale vergleichend, und mit ſich verbindend. Kein Zug von untheilnehmendem, allgemeinem Forſchen. Befeſtiger ſeiner Stadt und ſelbſt Bollwerk. Man vergleiche nachſtehende kraft- und gefuͤhlloſe, aufgedunſene, ſchlaffe Karikatur, mit jener erhabenen Mannheit. [Abbildung] Zweyte

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente02_1776
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente02_1776/430
Zitationshilfe: Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 2. Leipzig u. a., 1776, S. 254. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente02_1776/430>, abgerufen am 24.05.2019.