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Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 2. Leipzig u. a., 1776.

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Religiöse, Schwärmer, Theosophen, Seher.
Vierte Tafel. H .... nn.

Siehe den hochstaunenden Satrapen. Die Welt ist seinem Blicke Wunder und Zeichen voll
Sinnes, voll Gottheit! .... Rücke den Kopfbund, der itzt das Netz eines frisirten Kopfes zu
seyn scheinet, zum Krankentuche der schmerzvollen, gedankenschwangern Stirn hinunter. Lege so-
dann auf die mittlere, itzt so helle, platte, gespannte, Fläche zwischen den Augenbraunen, die dem
Urbilde, auch in Zeiten großer Mühe, nur selten ist, eine dunkle, elastische Wolke, einen Knoten
voll Kampfes, und du hast, dünkt mich, eine kleine Schattengestalt seines Wesens.

Jm Auge ist gediegner Lichtstral. Was es sieht, sieht's durch, ohne mühsame Medita-
tion und Jdeenreihung -- Jst es dir nicht beym Blicke und Buge des Augenbrauns, als ob es seit-
wärts oder von untenher schaue, und sich seinen eigenen Anblick gebe? Jst's nicht, als kreuzten sich
seine Stralen? oder der Brennpunkt liege tief hin? -- Kann ein Blick mehr tiefer Seherblick seyn?
Prophetenblick zur Zermalmung mit dem Blitze des Witzes! -- Siehe, wie das abstehende fast be-
wegliche Ohr horchet? Die Wange, wie einfach, ruhig, gedrängt, geschlossen! Nichts spitzes, nichts
hervorfühlendes ist in der Nase. Nichts von dem feinen, müßigen Scharfsinn, der in Subtilität
und fremdem Geschäffte wühlet; -- was sie aber anweht, -- nahe, stark weht sie's an; siehest du
nicht in ihr den gehaltenen, regen Athem, zu dem sie gebildet ist? -- und im Munde? ... wie
kann ich aussprechen die Vielbedeutsamkeit dieses Mundes, der spricht, und innehält im Sprechen --
spräche Areopagiten Urtheil -- Weisheit, Licht und Dunkel -- diese Mittellinie des Mundes!
Noch hab' ich keinen Menschen gesehen mit diesem schweigenden und sprechenden, weisen und sanften,
treffenden, spottenden und -- edeln Munde! Mir ist, ihm schweben die Worte auf der Lippe:
"den einen Theil verbrennet er mit Feuer; mit dem andern bratet er das Fleisch, daß er gebrate-
"nes esse und satt werde. Er wärmet sich, daß er spricht: ha! ha! Jch bin wohl erwärmt; ich
"habe das Feuer gesehen. Den übrigen Theil desselben machet er zu einem Gotte -- und spricht:
"Erlöse mich, denn du bist mein Gott!" --

Diesen Prophetenblick! dieses durchschauende, Ehrfurcht erregende Staunen! voll würk-
samer, treffender, gebährender Urkraft! dieses stille, kräftige Geben weniger, gewogener Gold-

worte
N n 3
Religioͤſe, Schwaͤrmer, Theoſophen, Seher.
Vierte Tafel. H .... nn.

Siehe den hochſtaunenden Satrapen. Die Welt iſt ſeinem Blicke Wunder und Zeichen voll
Sinnes, voll Gottheit! .... Ruͤcke den Kopfbund, der itzt das Netz eines friſirten Kopfes zu
ſeyn ſcheinet, zum Krankentuche der ſchmerzvollen, gedankenſchwangern Stirn hinunter. Lege ſo-
dann auf die mittlere, itzt ſo helle, platte, geſpannte, Flaͤche zwiſchen den Augenbraunen, die dem
Urbilde, auch in Zeiten großer Muͤhe, nur ſelten iſt, eine dunkle, elaſtiſche Wolke, einen Knoten
voll Kampfes, und du haſt, duͤnkt mich, eine kleine Schattengeſtalt ſeines Weſens.

Jm Auge iſt gediegner Lichtſtral. Was es ſieht, ſieht’s durch, ohne muͤhſame Medita-
tion und Jdeenreihung — Jſt es dir nicht beym Blicke und Buge des Augenbrauns, als ob es ſeit-
waͤrts oder von untenher ſchaue, und ſich ſeinen eigenen Anblick gebe? Jſt’s nicht, als kreuzten ſich
ſeine Stralen? oder der Brennpunkt liege tief hin? — Kann ein Blick mehr tiefer Seherblick ſeyn?
Prophetenblick zur Zermalmung mit dem Blitze des Witzes! — Siehe, wie das abſtehende faſt be-
wegliche Ohr horchet? Die Wange, wie einfach, ruhig, gedraͤngt, geſchloſſen! Nichts ſpitzes, nichts
hervorfuͤhlendes iſt in der Naſe. Nichts von dem feinen, muͤßigen Scharfſinn, der in Subtilitaͤt
und fremdem Geſchaͤffte wuͤhlet; — was ſie aber anweht, — nahe, ſtark weht ſie’s an; ſieheſt du
nicht in ihr den gehaltenen, regen Athem, zu dem ſie gebildet iſt? — und im Munde? ... wie
kann ich ausſprechen die Vielbedeutſamkeit dieſes Mundes, der ſpricht, und innehaͤlt im Sprechen —
ſpraͤche Areopagiten Urtheil — Weisheit, Licht und Dunkel — dieſe Mittellinie des Mundes!
Noch hab’ ich keinen Menſchen geſehen mit dieſem ſchweigenden und ſprechenden, weiſen und ſanften,
treffenden, ſpottenden und — edeln Munde! Mir iſt, ihm ſchweben die Worte auf der Lippe:
„den einen Theil verbrennet er mit Feuer; mit dem andern bratet er das Fleiſch, daß er gebrate-
„nes eſſe und ſatt werde. Er waͤrmet ſich, daß er ſpricht: ha! ha! Jch bin wohl erwaͤrmt; ich
„habe das Feuer geſehen. Den uͤbrigen Theil deſſelben machet er zu einem Gotte — und ſpricht:
„Erloͤſe mich, denn du biſt mein Gott!“ —

Dieſen Prophetenblick! dieſes durchſchauende, Ehrfurcht erregende Staunen! voll wuͤrk-
ſamer, treffender, gebaͤhrender Urkraft! dieſes ſtille, kraͤftige Geben weniger, gewogener Gold-

worte
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[285/0511] Religioͤſe, Schwaͤrmer, Theoſophen, Seher. Vierte Tafel. H .... nn. Siehe den hochſtaunenden Satrapen. Die Welt iſt ſeinem Blicke Wunder und Zeichen voll Sinnes, voll Gottheit! .... Ruͤcke den Kopfbund, der itzt das Netz eines friſirten Kopfes zu ſeyn ſcheinet, zum Krankentuche der ſchmerzvollen, gedankenſchwangern Stirn hinunter. Lege ſo- dann auf die mittlere, itzt ſo helle, platte, geſpannte, Flaͤche zwiſchen den Augenbraunen, die dem Urbilde, auch in Zeiten großer Muͤhe, nur ſelten iſt, eine dunkle, elaſtiſche Wolke, einen Knoten voll Kampfes, und du haſt, duͤnkt mich, eine kleine Schattengeſtalt ſeines Weſens. Jm Auge iſt gediegner Lichtſtral. Was es ſieht, ſieht’s durch, ohne muͤhſame Medita- tion und Jdeenreihung — Jſt es dir nicht beym Blicke und Buge des Augenbrauns, als ob es ſeit- waͤrts oder von untenher ſchaue, und ſich ſeinen eigenen Anblick gebe? Jſt’s nicht, als kreuzten ſich ſeine Stralen? oder der Brennpunkt liege tief hin? — Kann ein Blick mehr tiefer Seherblick ſeyn? Prophetenblick zur Zermalmung mit dem Blitze des Witzes! — Siehe, wie das abſtehende faſt be- wegliche Ohr horchet? Die Wange, wie einfach, ruhig, gedraͤngt, geſchloſſen! Nichts ſpitzes, nichts hervorfuͤhlendes iſt in der Naſe. Nichts von dem feinen, muͤßigen Scharfſinn, der in Subtilitaͤt und fremdem Geſchaͤffte wuͤhlet; — was ſie aber anweht, — nahe, ſtark weht ſie’s an; ſieheſt du nicht in ihr den gehaltenen, regen Athem, zu dem ſie gebildet iſt? — und im Munde? ... wie kann ich ausſprechen die Vielbedeutſamkeit dieſes Mundes, der ſpricht, und innehaͤlt im Sprechen — ſpraͤche Areopagiten Urtheil — Weisheit, Licht und Dunkel — dieſe Mittellinie des Mundes! Noch hab’ ich keinen Menſchen geſehen mit dieſem ſchweigenden und ſprechenden, weiſen und ſanften, treffenden, ſpottenden und — edeln Munde! Mir iſt, ihm ſchweben die Worte auf der Lippe: „den einen Theil verbrennet er mit Feuer; mit dem andern bratet er das Fleiſch, daß er gebrate- „nes eſſe und ſatt werde. Er waͤrmet ſich, daß er ſpricht: ha! ha! Jch bin wohl erwaͤrmt; ich „habe das Feuer geſehen. Den uͤbrigen Theil deſſelben machet er zu einem Gotte — und ſpricht: „Erloͤſe mich, denn du biſt mein Gott!“ — Dieſen Prophetenblick! dieſes durchſchauende, Ehrfurcht erregende Staunen! voll wuͤrk- ſamer, treffender, gebaͤhrender Urkraft! dieſes ſtille, kraͤftige Geben weniger, gewogener Gold- worte N n 3

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Zitationshilfe: Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 2. Leipzig u. a., 1776, S. 285. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente02_1776/511>, abgerufen am 18.11.2019.