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Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 4. Leipzig u. a., 1778.

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III. Abschnitt. VIII. Fragment.
Achtes Fragment.
Schriftstellen.

Oder vermischte physiognomische Gedanken aus den heiligen Schriften und veranlaßt durch
Schriftstellen; und vor allem ein Wörtchen Vorerinnerung.

Was wahr ist, ist wahr, auch wenn es die Bibel sagt; sage ich zu den Bibelverächtern,
die dieß Fragment lesen, oder überschlagen, oder durchblättern werden.

Was wahr ist, ist göttlich wahr und wichtig, wenn's die Bibel sagt; sage ich zu den
Bibelverehrern, denen ich durch dieß Fragmentchen den Geist der Schrift aufs neue verehrungs-
würdig zu machen suche.

Jch werde wohl weder jene noch diese erinnern müssen, daß ich nicht in Umstände und Zusam-
menhang eintreten darf, weil ich itzt nicht auslegen will. -- Allgemeinwahrheiten bleiben All-
gemeinwahrheiten
-- es mag sie aussprechen, oder nicht aussprechen, wer da will; und sie hö-
ren dadurch nicht auf es zu seyn, wenn sie eine besondere Person, zu einer besondern Zeit, an einem
besondern Orte -- auf einen besondern Fall anwendet. Jedes Wort, nicht nur der Schrift, son-
dern jedes Menschen; und nicht nur jedes Menschen, sondern auch der Schrift -- jedes Wort
gilt, so viel es gelten kann.
Nicht etwa nur Coccejus Canon *) -- sondern Canon der Ver-
nunft.
Wohl verstanden, wir sprechen von Allgemeinsätzen -- wo weder Zusammenhang noch
Umstände, noch die Person des redenden in Betrachtung kömmt. Das Ganze ist größer, als
sein Theil -- Wer sich erhöhet, wird erniedrigt
-- Solche Sätze gelten, so viel sie gelten kön-
nen. Das heißt: Jeder neue besondere Fall, auf den sie sich anwenden lassen, bestätigt und ver-
allgemeinet sie mehr. Je mehr Jndividuen unter einem Worte, je mehr individuelle Fälle unter
einem Satze begriffen sind, desto geltender und wichtiger wird das Wort, wird der Satz. Und
was ist philosophischer Geist, wenn's nicht die Fertigkeit ist, im Allgemeingesagten viele Beson-
derheiten, in jeder Einzelnheit das Allgemeine zu erkennen?

Schrift-
*) [Spaltenumbruch] Der tausendmal mißbraucht, und zehntausend-
mal unverantwortlich verstümmelt, verfälscht, und oh-
[Spaltenumbruch] ne die mannichfaltigen beygefügten Bestimmungen zi-
tirt und verrufen worden ist.
III. Abſchnitt. VIII. Fragment.
Achtes Fragment.
Schriftſtellen.

Oder vermiſchte phyſiognomiſche Gedanken aus den heiligen Schriften und veranlaßt durch
Schriftſtellen; und vor allem ein Woͤrtchen Vorerinnerung.

Was wahr iſt, iſt wahr, auch wenn es die Bibel ſagt; ſage ich zu den Bibelveraͤchtern,
die dieß Fragment leſen, oder uͤberſchlagen, oder durchblaͤttern werden.

Was wahr iſt, iſt goͤttlich wahr und wichtig, wenn’s die Bibel ſagt; ſage ich zu den
Bibelverehrern, denen ich durch dieß Fragmentchen den Geiſt der Schrift aufs neue verehrungs-
wuͤrdig zu machen ſuche.

Jch werde wohl weder jene noch dieſe erinnern muͤſſen, daß ich nicht in Umſtaͤnde und Zuſam-
menhang eintreten darf, weil ich itzt nicht auslegen will. — Allgemeinwahrheiten bleiben All-
gemeinwahrheiten
— es mag ſie ausſprechen, oder nicht ausſprechen, wer da will; und ſie hoͤ-
ren dadurch nicht auf es zu ſeyn, wenn ſie eine beſondere Perſon, zu einer beſondern Zeit, an einem
beſondern Orte — auf einen beſondern Fall anwendet. Jedes Wort, nicht nur der Schrift, ſon-
dern jedes Menſchen; und nicht nur jedes Menſchen, ſondern auch der Schrift — jedes Wort
gilt, ſo viel es gelten kann.
Nicht etwa nur Coccejus Canon *) — ſondern Canon der Ver-
nunft.
Wohl verſtanden, wir ſprechen von Allgemeinſaͤtzen — wo weder Zuſammenhang noch
Umſtaͤnde, noch die Perſon des redenden in Betrachtung koͤmmt. Das Ganze iſt groͤßer, als
ſein Theil — Wer ſich erhoͤhet, wird erniedrigt
— Solche Saͤtze gelten, ſo viel ſie gelten koͤn-
nen. Das heißt: Jeder neue beſondere Fall, auf den ſie ſich anwenden laſſen, beſtaͤtigt und ver-
allgemeinet ſie mehr. Je mehr Jndividuen unter einem Worte, je mehr individuelle Faͤlle unter
einem Satze begriffen ſind, deſto geltender und wichtiger wird das Wort, wird der Satz. Und
was iſt philoſophiſcher Geiſt, wenn’s nicht die Fertigkeit iſt, im Allgemeingeſagten viele Beſon-
derheiten, in jeder Einzelnheit das Allgemeine zu erkennen?

Schrift-
*) [Spaltenumbruch] Der tauſendmal mißbraucht, und zehntauſend-
mal unverantwortlich verſtuͤmmelt, verfaͤlſcht, und oh-
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tirt und verrufen worden iſt.
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[198/0228] III. Abſchnitt. VIII. Fragment. Achtes Fragment. Schriftſtellen. Oder vermiſchte phyſiognomiſche Gedanken aus den heiligen Schriften und veranlaßt durch Schriftſtellen; und vor allem ein Woͤrtchen Vorerinnerung. Was wahr iſt, iſt wahr, auch wenn es die Bibel ſagt; ſage ich zu den Bibelveraͤchtern, die dieß Fragment leſen, oder uͤberſchlagen, oder durchblaͤttern werden. Was wahr iſt, iſt goͤttlich wahr und wichtig, wenn’s die Bibel ſagt; ſage ich zu den Bibelverehrern, denen ich durch dieß Fragmentchen den Geiſt der Schrift aufs neue verehrungs- wuͤrdig zu machen ſuche. Jch werde wohl weder jene noch dieſe erinnern muͤſſen, daß ich nicht in Umſtaͤnde und Zuſam- menhang eintreten darf, weil ich itzt nicht auslegen will. — Allgemeinwahrheiten bleiben All- gemeinwahrheiten — es mag ſie ausſprechen, oder nicht ausſprechen, wer da will; und ſie hoͤ- ren dadurch nicht auf es zu ſeyn, wenn ſie eine beſondere Perſon, zu einer beſondern Zeit, an einem beſondern Orte — auf einen beſondern Fall anwendet. Jedes Wort, nicht nur der Schrift, ſon- dern jedes Menſchen; und nicht nur jedes Menſchen, ſondern auch der Schrift — jedes Wort gilt, ſo viel es gelten kann. Nicht etwa nur Coccejus Canon *) — ſondern Canon der Ver- nunft. Wohl verſtanden, wir ſprechen von Allgemeinſaͤtzen — wo weder Zuſammenhang noch Umſtaͤnde, noch die Perſon des redenden in Betrachtung koͤmmt. Das Ganze iſt groͤßer, als ſein Theil — Wer ſich erhoͤhet, wird erniedrigt — Solche Saͤtze gelten, ſo viel ſie gelten koͤn- nen. Das heißt: Jeder neue beſondere Fall, auf den ſie ſich anwenden laſſen, beſtaͤtigt und ver- allgemeinet ſie mehr. Je mehr Jndividuen unter einem Worte, je mehr individuelle Faͤlle unter einem Satze begriffen ſind, deſto geltender und wichtiger wird das Wort, wird der Satz. Und was iſt philoſophiſcher Geiſt, wenn’s nicht die Fertigkeit iſt, im Allgemeingeſagten viele Beſon- derheiten, in jeder Einzelnheit das Allgemeine zu erkennen? Schrift- *) Der tauſendmal mißbraucht, und zehntauſend- mal unverantwortlich verſtuͤmmelt, verfaͤlſcht, und oh- ne die mannichfaltigen beygefuͤgten Beſtimmungen zi- tirt und verrufen worden iſt.

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Zitationshilfe: Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 4. Leipzig u. a., 1778, S. 198. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente04_1778/228>, abgerufen am 23.07.2019.