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Ledebur, Adolf: Handbuch der Eisenhüttenkunde. Leipzig, 1884.

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Die Entphosphorung des Roheisens.
4. Die Entphosphorung des Roheisens.

Schon bei den verschiedenen Methoden des Roheisenfeinens hatte
man mit mehr oder minder Erfolg versucht, auch den Phosphor-
gehalt zur Abscheidung zu bringen; aber unbekannt mit den Grund-
bedingungen für die Durchführung dieses Processes -- Anwesenheit
basischer Schlacke und um so niedrigere Temperatur, je mehr Kohlen-
stoff noch anwesend ist -- hatte man gewöhnlich den Oefen ein kiesel-
säurereiches Ofenfutter gegeben und dadurch von vorn herein eine
umfänglichere Entphosphorung vereitelt.

Dass in dem zur Darstellung schmiedbaren Eisens aus dem Roheisen
bestimmten Puddelofen, dessen Herd mit eisenoxydreichen Schlacken
ausgesetzt ist, ein grosser Theil des Phosphors sich abscheiden lässt,
sofern die Temperatur nicht zu hoch steigt, ist schon seit vielen Jahr-
zehnten bekannt; eine Entphosphorung des Roheisens aber als beson-
derer Process, unabhängig von der späteren Verarbeitung und ohne
gleichzeitige Verbrennung des Kohlenstoffes, wurde zuerst von L. Bell
in den siebenziger Jahren durchgeführt, nachdem derselbe durch mehr-
jährige verdienstliche Versuche das Verhalten des Phosphors in dieser
Beziehung studirt hatte.

Das Bell'sche Entphosphorungsverfahren beruht im Wesentlichen
auf denselben Vorgängen, welche auch im Puddelofen die Phosphor-
abscheidung bewirken. Das geschmolzene Roheisen wird mit eben-
falls geschmolzenen oder doch gut vorgewärmten eisenoxydreichen
Körpern -- Hammerschlag, Frischschlacken, Eisenerzen -- in möglichst
innige Mischung gebracht und dann, nachdem die Einwirkung statt-
gefunden hat, durch Abstechen von der specifisch leichteren phosphor-
säurehaltigen Schlacke getrennt. Als Mischapparat diente ein mit Eisen-
oxyden ausgefutterter, länglicher, trogartiger, oben überwölbter Behälter
von ca. 4 m Länge, welcher sich wie ein Balancier um zwei horizon-
tale Zapfen in schwingende Bewegung versetzen liess; eine Dampf-
maschine diente dazu, diese Bewegung hervorzubringen. Das Schwingen
wurde 10 Minuten lang wiederholt, wobei das Roheisen mit der zuge-
setzten Schlacke 60--80 Mal hin- und herfloss. Das Einlassen des Roh-
eisens geschah unmittelbar vom Hochofen oder von einem Cupolofen.

Es gelang auf diese Weise, graues Clevelandroheisen mit ca. 1.5 Proc.
Phosphor in weisses Roheisen mit durchschnittlich 0.22 Proc. Phosphor
und mitunter erheblich weniger umzuwandeln. Der Siliciumgehalt ver-
ringerte sich hierbei von 1.8 Proc. auf 0.05 Proc. Bei Verwendung
gerösteter Clevelanderze als Entphosphorungsmaterial betrug der Ver-
brauch an denselben ca. 50 Proc. von dem Gewichte des Roheisens.

Fast zu derselben Zeit (1877), als Bell in England seine Versuche
anstellte und die Ergebnisse derselben dem Iron and Steel Institute
vorlegte, nahm Alfr. Krupp in Essen ein Patent auf ein Entphos-
phorungsverfahren für Roheisen, welches auf ganz ähnlichen Grund-
sätzen beruhte. Während jedoch Bell, wie es scheint, den Mangan-
gehalt des Roheisens unberücksichtigt liess, empfiehlt Krupp aus-
drücklich die Verwendung eines etwas manganhaltigen Roheisens. Der
Mangangehalt hat hierbei eine doppelte Aufgabe zu erfüllen: er schützt

Ledebur, Handbuch. 40
Die Entphosphorung des Roheisens.
4. Die Entphosphorung des Roheisens.

Schon bei den verschiedenen Methoden des Roheisenfeinens hatte
man mit mehr oder minder Erfolg versucht, auch den Phosphor-
gehalt zur Abscheidung zu bringen; aber unbekannt mit den Grund-
bedingungen für die Durchführung dieses Processes — Anwesenheit
basischer Schlacke und um so niedrigere Temperatur, je mehr Kohlen-
stoff noch anwesend ist — hatte man gewöhnlich den Oefen ein kiesel-
säurereiches Ofenfutter gegeben und dadurch von vorn herein eine
umfänglichere Entphosphorung vereitelt.

Dass in dem zur Darstellung schmiedbaren Eisens aus dem Roheisen
bestimmten Puddelofen, dessen Herd mit eisenoxydreichen Schlacken
ausgesetzt ist, ein grosser Theil des Phosphors sich abscheiden lässt,
sofern die Temperatur nicht zu hoch steigt, ist schon seit vielen Jahr-
zehnten bekannt; eine Entphosphorung des Roheisens aber als beson-
derer Process, unabhängig von der späteren Verarbeitung und ohne
gleichzeitige Verbrennung des Kohlenstoffes, wurde zuerst von L. Bell
in den siebenziger Jahren durchgeführt, nachdem derselbe durch mehr-
jährige verdienstliche Versuche das Verhalten des Phosphors in dieser
Beziehung studirt hatte.

Das Bell’sche Entphosphorungsverfahren beruht im Wesentlichen
auf denselben Vorgängen, welche auch im Puddelofen die Phosphor-
abscheidung bewirken. Das geschmolzene Roheisen wird mit eben-
falls geschmolzenen oder doch gut vorgewärmten eisenoxydreichen
Körpern — Hammerschlag, Frischschlacken, Eisenerzen — in möglichst
innige Mischung gebracht und dann, nachdem die Einwirkung statt-
gefunden hat, durch Abstechen von der specifisch leichteren phosphor-
säurehaltigen Schlacke getrennt. Als Mischapparat diente ein mit Eisen-
oxyden ausgefutterter, länglicher, trogartiger, oben überwölbter Behälter
von ca. 4 m Länge, welcher sich wie ein Balancier um zwei horizon-
tale Zapfen in schwingende Bewegung versetzen liess; eine Dampf-
maschine diente dazu, diese Bewegung hervorzubringen. Das Schwingen
wurde 10 Minuten lang wiederholt, wobei das Roheisen mit der zuge-
setzten Schlacke 60—80 Mal hin- und herfloss. Das Einlassen des Roh-
eisens geschah unmittelbar vom Hochofen oder von einem Cupolofen.

Es gelang auf diese Weise, graues Clevelandroheisen mit ca. 1.5 Proc.
Phosphor in weisses Roheisen mit durchschnittlich 0.22 Proc. Phosphor
und mitunter erheblich weniger umzuwandeln. Der Siliciumgehalt ver-
ringerte sich hierbei von 1.8 Proc. auf 0.05 Proc. Bei Verwendung
gerösteter Clevelanderze als Entphosphorungsmaterial betrug der Ver-
brauch an denselben ca. 50 Proc. von dem Gewichte des Roheisens.

Fast zu derselben Zeit (1877), als Bell in England seine Versuche
anstellte und die Ergebnisse derselben dem Iron and Steel Institute
vorlegte, nahm Alfr. Krupp in Essen ein Patent auf ein Entphos-
phorungsverfahren für Roheisen, welches auf ganz ähnlichen Grund-
sätzen beruhte. Während jedoch Bell, wie es scheint, den Mangan-
gehalt des Roheisens unberücksichtigt liess, empfiehlt Krupp aus-
drücklich die Verwendung eines etwas manganhaltigen Roheisens. Der
Mangangehalt hat hierbei eine doppelte Aufgabe zu erfüllen: er schützt

Ledebur, Handbuch. 40
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[625/0693] Die Entphosphorung des Roheisens. 4. Die Entphosphorung des Roheisens. Schon bei den verschiedenen Methoden des Roheisenfeinens hatte man mit mehr oder minder Erfolg versucht, auch den Phosphor- gehalt zur Abscheidung zu bringen; aber unbekannt mit den Grund- bedingungen für die Durchführung dieses Processes — Anwesenheit basischer Schlacke und um so niedrigere Temperatur, je mehr Kohlen- stoff noch anwesend ist — hatte man gewöhnlich den Oefen ein kiesel- säurereiches Ofenfutter gegeben und dadurch von vorn herein eine umfänglichere Entphosphorung vereitelt. Dass in dem zur Darstellung schmiedbaren Eisens aus dem Roheisen bestimmten Puddelofen, dessen Herd mit eisenoxydreichen Schlacken ausgesetzt ist, ein grosser Theil des Phosphors sich abscheiden lässt, sofern die Temperatur nicht zu hoch steigt, ist schon seit vielen Jahr- zehnten bekannt; eine Entphosphorung des Roheisens aber als beson- derer Process, unabhängig von der späteren Verarbeitung und ohne gleichzeitige Verbrennung des Kohlenstoffes, wurde zuerst von L. Bell in den siebenziger Jahren durchgeführt, nachdem derselbe durch mehr- jährige verdienstliche Versuche das Verhalten des Phosphors in dieser Beziehung studirt hatte. Das Bell’sche Entphosphorungsverfahren beruht im Wesentlichen auf denselben Vorgängen, welche auch im Puddelofen die Phosphor- abscheidung bewirken. Das geschmolzene Roheisen wird mit eben- falls geschmolzenen oder doch gut vorgewärmten eisenoxydreichen Körpern — Hammerschlag, Frischschlacken, Eisenerzen — in möglichst innige Mischung gebracht und dann, nachdem die Einwirkung statt- gefunden hat, durch Abstechen von der specifisch leichteren phosphor- säurehaltigen Schlacke getrennt. Als Mischapparat diente ein mit Eisen- oxyden ausgefutterter, länglicher, trogartiger, oben überwölbter Behälter von ca. 4 m Länge, welcher sich wie ein Balancier um zwei horizon- tale Zapfen in schwingende Bewegung versetzen liess; eine Dampf- maschine diente dazu, diese Bewegung hervorzubringen. Das Schwingen wurde 10 Minuten lang wiederholt, wobei das Roheisen mit der zuge- setzten Schlacke 60—80 Mal hin- und herfloss. Das Einlassen des Roh- eisens geschah unmittelbar vom Hochofen oder von einem Cupolofen. Es gelang auf diese Weise, graues Clevelandroheisen mit ca. 1.5 Proc. Phosphor in weisses Roheisen mit durchschnittlich 0.22 Proc. Phosphor und mitunter erheblich weniger umzuwandeln. Der Siliciumgehalt ver- ringerte sich hierbei von 1.8 Proc. auf 0.05 Proc. Bei Verwendung gerösteter Clevelanderze als Entphosphorungsmaterial betrug der Ver- brauch an denselben ca. 50 Proc. von dem Gewichte des Roheisens. Fast zu derselben Zeit (1877), als Bell in England seine Versuche anstellte und die Ergebnisse derselben dem Iron and Steel Institute vorlegte, nahm Alfr. Krupp in Essen ein Patent auf ein Entphos- phorungsverfahren für Roheisen, welches auf ganz ähnlichen Grund- sätzen beruhte. Während jedoch Bell, wie es scheint, den Mangan- gehalt des Roheisens unberücksichtigt liess, empfiehlt Krupp aus- drücklich die Verwendung eines etwas manganhaltigen Roheisens. Der Mangangehalt hat hierbei eine doppelte Aufgabe zu erfüllen: er schützt Ledebur, Handbuch. 40

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Zitationshilfe: Ledebur, Adolf: Handbuch der Eisenhüttenkunde. Leipzig, 1884, S. 625. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/ledebur_eisenhuettenkunde_1884/693>, abgerufen am 25.04.2024.