Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Lehnert, Josef von u. a.: Die Seehäfen des Weltverkehrs. Bd. 1. Wien, 1891.

Bild:
<< vorherige Seite
Bremen.

Mit dem Namen Bremen verknüpft sich die Erinnerung an den
gewaltigen Städtebund der deutschen Hansa, eine der bedeutendsten
und wichtigsten Erscheinungen in der Geschichte Deutschlands.
Während mehr als 400 Jahren übte der Bund der freien Hanse-
städte einen gewaltigen Einfluss in commercieller und auch in poli-
tischer Hinsicht in Nordeuropa aus. Als 1669 die von den Zeitver-
hältnissen überholte Hansa sich auflöste, blieben als eine Art Reliquie
die drei Hauptstädte als souveräne Reichsstädte übrig. Anfangs lebten
sie in treuer Bundesgenossenschaft, zu welchem Verhältnisse allerdings
die gemeinschaftliche freie reichsstädtische Stellung dieselben hinge-
drängt hatte. Mit der Gewalt ihrer Sonderinteressen hatte die neue
Zeit das Freundschaftsband der drei Städte zerrissen und verwies jede
derselben, auf eigenen Wegen zu wandeln.

Doch die Geschichte hat die Rollen unter den Hauptstädten
neu vertheilt. Nicht mehr die Ostsee, sondern die Nordsee und der
Atlantische Ocean sind die Hauptschaubühne des Weltverkehrs,
darum musste das alte Haupt der Hansa, Lübeck, sinken, und dem
geographisch so ausserordentlich günstig gelegenen Hamburg fiel die
commercielle Führerrolle in Deutschland zu. Bremen und das junge
Bremerhaven, durch die natürliche Lage minder begünstigt, folgten
am zweiten Ehrenplatz.

Da es ein Flusshafen wie die anderen Handelsmetropolen an
der südöstlichen Küste der Nordsee ist, beruht die Handelsstellung
Bremens auf seiner Lage an der schiffbaren Weser. Aber eingekeilt
zwischen Rhein und Elbe, diesen beiden prachtvollen, bis weit ins
Innere des Continentes schiffbaren Strömen, welche unter allen Ge-
wässern Mitteleuropas den grössten Waarenverkehr aufweisen, kann die
verhältnissmässig kurze Weser nicht recht zur Geltung kommen, sie
leidet vorab im Westen unter der Concurrenz des Rheines. Was die

Bremen.

Mit dem Namen Bremen verknüpft sich die Erinnerung an den
gewaltigen Städtebund der deutschen Hansa, eine der bedeutendsten
und wichtigsten Erscheinungen in der Geschichte Deutschlands.
Während mehr als 400 Jahren übte der Bund der freien Hanse-
städte einen gewaltigen Einfluss in commercieller und auch in poli-
tischer Hinsicht in Nordeuropa aus. Als 1669 die von den Zeitver-
hältnissen überholte Hansa sich auflöste, blieben als eine Art Reliquie
die drei Hauptstädte als souveräne Reichsstädte übrig. Anfangs lebten
sie in treuer Bundesgenossenschaft, zu welchem Verhältnisse allerdings
die gemeinschaftliche freie reichsstädtische Stellung dieselben hinge-
drängt hatte. Mit der Gewalt ihrer Sonderinteressen hatte die neue
Zeit das Freundschaftsband der drei Städte zerrissen und verwies jede
derselben, auf eigenen Wegen zu wandeln.

Doch die Geschichte hat die Rollen unter den Hauptstädten
neu vertheilt. Nicht mehr die Ostsee, sondern die Nordsee und der
Atlantische Ocean sind die Hauptschaubühne des Weltverkehrs,
darum musste das alte Haupt der Hansa, Lübeck, sinken, und dem
geographisch so ausserordentlich günstig gelegenen Hamburg fiel die
commercielle Führerrolle in Deutschland zu. Bremen und das junge
Bremerhaven, durch die natürliche Lage minder begünstigt, folgten
am zweiten Ehrenplatz.

Da es ein Flusshafen wie die anderen Handelsmetropolen an
der südöstlichen Küste der Nordsee ist, beruht die Handelsstellung
Bremens auf seiner Lage an der schiffbaren Weser. Aber eingekeilt
zwischen Rhein und Elbe, diesen beiden prachtvollen, bis weit ins
Innere des Continentes schiffbaren Strömen, welche unter allen Ge-
wässern Mitteleuropas den grössten Waarenverkehr aufweisen, kann die
verhältnissmässig kurze Weser nicht recht zur Geltung kommen, sie
leidet vorab im Westen unter der Concurrenz des Rheines. Was die

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0732" n="[712]"/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Bremen.</hi> </head><lb/>
          <p>Mit dem Namen Bremen verknüpft sich die Erinnerung an den<lb/>
gewaltigen Städtebund der deutschen Hansa, eine der bedeutendsten<lb/>
und wichtigsten Erscheinungen in der Geschichte Deutschlands.<lb/>
Während mehr als 400 Jahren übte der Bund der freien Hanse-<lb/>
städte einen gewaltigen Einfluss in commercieller und auch in poli-<lb/>
tischer Hinsicht in Nordeuropa aus. Als 1669 die von den Zeitver-<lb/>
hältnissen überholte Hansa sich auflöste, blieben als eine Art Reliquie<lb/>
die drei Hauptstädte als souveräne Reichsstädte übrig. Anfangs lebten<lb/>
sie in treuer Bundesgenossenschaft, zu welchem Verhältnisse allerdings<lb/>
die gemeinschaftliche freie reichsstädtische Stellung dieselben hinge-<lb/>
drängt hatte. Mit der Gewalt ihrer Sonderinteressen hatte die neue<lb/>
Zeit das Freundschaftsband der drei Städte zerrissen und verwies jede<lb/>
derselben, auf eigenen Wegen zu wandeln.</p><lb/>
          <p>Doch die Geschichte hat die Rollen unter den Hauptstädten<lb/>
neu vertheilt. Nicht mehr die Ostsee, sondern die Nordsee und der<lb/>
Atlantische Ocean sind die Hauptschaubühne des Weltverkehrs,<lb/>
darum musste das alte Haupt der Hansa, Lübeck, sinken, und dem<lb/>
geographisch so ausserordentlich günstig gelegenen Hamburg fiel die<lb/>
commercielle Führerrolle in Deutschland zu. Bremen und das junge<lb/>
Bremerhaven, durch die natürliche Lage minder begünstigt, folgten<lb/>
am zweiten Ehrenplatz.</p><lb/>
          <p>Da es ein Flusshafen wie die anderen Handelsmetropolen an<lb/>
der südöstlichen Küste der Nordsee ist, beruht die Handelsstellung<lb/>
Bremens auf seiner Lage an der schiffbaren Weser. Aber eingekeilt<lb/>
zwischen Rhein und Elbe, diesen beiden prachtvollen, bis weit ins<lb/>
Innere des Continentes schiffbaren Strömen, welche unter allen Ge-<lb/>
wässern Mitteleuropas den grössten Waarenverkehr aufweisen, kann die<lb/>
verhältnissmässig kurze Weser nicht recht zur Geltung kommen, sie<lb/>
leidet vorab im Westen unter der Concurrenz des Rheines. Was die<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[712]/0732] Bremen. Mit dem Namen Bremen verknüpft sich die Erinnerung an den gewaltigen Städtebund der deutschen Hansa, eine der bedeutendsten und wichtigsten Erscheinungen in der Geschichte Deutschlands. Während mehr als 400 Jahren übte der Bund der freien Hanse- städte einen gewaltigen Einfluss in commercieller und auch in poli- tischer Hinsicht in Nordeuropa aus. Als 1669 die von den Zeitver- hältnissen überholte Hansa sich auflöste, blieben als eine Art Reliquie die drei Hauptstädte als souveräne Reichsstädte übrig. Anfangs lebten sie in treuer Bundesgenossenschaft, zu welchem Verhältnisse allerdings die gemeinschaftliche freie reichsstädtische Stellung dieselben hinge- drängt hatte. Mit der Gewalt ihrer Sonderinteressen hatte die neue Zeit das Freundschaftsband der drei Städte zerrissen und verwies jede derselben, auf eigenen Wegen zu wandeln. Doch die Geschichte hat die Rollen unter den Hauptstädten neu vertheilt. Nicht mehr die Ostsee, sondern die Nordsee und der Atlantische Ocean sind die Hauptschaubühne des Weltverkehrs, darum musste das alte Haupt der Hansa, Lübeck, sinken, und dem geographisch so ausserordentlich günstig gelegenen Hamburg fiel die commercielle Führerrolle in Deutschland zu. Bremen und das junge Bremerhaven, durch die natürliche Lage minder begünstigt, folgten am zweiten Ehrenplatz. Da es ein Flusshafen wie die anderen Handelsmetropolen an der südöstlichen Küste der Nordsee ist, beruht die Handelsstellung Bremens auf seiner Lage an der schiffbaren Weser. Aber eingekeilt zwischen Rhein und Elbe, diesen beiden prachtvollen, bis weit ins Innere des Continentes schiffbaren Strömen, welche unter allen Ge- wässern Mitteleuropas den grössten Waarenverkehr aufweisen, kann die verhältnissmässig kurze Weser nicht recht zur Geltung kommen, sie leidet vorab im Westen unter der Concurrenz des Rheines. Was die

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/lehnert_seehaefen01_1891
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/lehnert_seehaefen01_1891/732
Zitationshilfe: Lehnert, Josef von u. a.: Die Seehäfen des Weltverkehrs. Bd. 1. Wien, 1891, S. [712]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lehnert_seehaefen01_1891/732>, abgerufen am 22.09.2019.