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Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832.

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Fragmente.

Der Jüngling.
Der Jüngling stoßt vom Strand im leichten Kahne,
Die Sehnsucht hat die Segel ihm gebreitet;
Wie rasch im Fantasieenoceane,
Von Westen fortgekost, dahin er gleitet!
Schon weht auf neuen Welten seine Fahne,
Wo selig er durch Paradiese schreitet,
Und Blumen pflückt, wie nimmer sie geboren
Im reichsten Lenz die heimatlichen Horen.
"Willkommen Jüngling, von der fernen Reise!"
Begrüßt ihn tückisch wieder nun das Leben,
Und kosend naht ein Weib, unmerklich leise
Der Liebe Gaukelmacht um ihn zu weben.
Sie hält ihn festgebannt in ihrem Kreise
Mit Seufzerformeln, heuchelndem Ergeben.
Froh schmückt er ihr mit seinen Traumes-Blüthen
Die Brust, um welche Todes-Lüfte brüten.

Fragmente.

Der Juͤngling.
Der Juͤngling ſtoßt vom Strand im leichten Kahne,
Die Sehnſucht hat die Segel ihm gebreitet;
Wie raſch im Fantaſieenoceane,
Von Weſten fortgekost, dahin er gleitet!
Schon weht auf neuen Welten ſeine Fahne,
Wo ſelig er durch Paradieſe ſchreitet,
Und Blumen pfluͤckt, wie nimmer ſie geboren
Im reichſten Lenz die heimatlichen Horen.
„Willkommen Juͤngling, von der fernen Reiſe!“
Begruͤßt ihn tuͤckiſch wieder nun das Leben,
Und koſend naht ein Weib, unmerklich leiſe
Der Liebe Gaukelmacht um ihn zu weben.
Sie haͤlt ihn feſtgebannt in ihrem Kreiſe
Mit Seufzerformeln, heuchelndem Ergeben.
Froh ſchmuͤckt er ihr mit ſeinen Traumes-Bluͤthen
Die Bruſt, um welche Todes-Luͤfte bruͤten.

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[9/0023] Fragmente. Der Juͤngling. Der Juͤngling ſtoßt vom Strand im leichten Kahne, Die Sehnſucht hat die Segel ihm gebreitet; Wie raſch im Fantaſieenoceane, Von Weſten fortgekost, dahin er gleitet! Schon weht auf neuen Welten ſeine Fahne, Wo ſelig er durch Paradieſe ſchreitet, Und Blumen pfluͤckt, wie nimmer ſie geboren Im reichſten Lenz die heimatlichen Horen. „Willkommen Juͤngling, von der fernen Reiſe!“ Begruͤßt ihn tuͤckiſch wieder nun das Leben, Und koſend naht ein Weib, unmerklich leiſe Der Liebe Gaukelmacht um ihn zu weben. Sie haͤlt ihn feſtgebannt in ihrem Kreiſe Mit Seufzerformeln, heuchelndem Ergeben. Froh ſchmuͤckt er ihr mit ſeinen Traumes-Bluͤthen Die Bruſt, um welche Todes-Luͤfte bruͤten.

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Zitationshilfe: Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lenau_gedichte_1832/23>, S. 9, abgerufen am 18.11.2017.