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Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832.

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An der Bahre der Geliebten.

Blaß und auf immer stumm, auf immer! liegst du
Hingestreckt, o Geliebte, auf der Bahre!
Deine Reize lockten den Tod, er kam, er
Hält dich umarmet!
Einst in der Kühlung leiser Abendwinde
Saßen wir am Gemurmel eines Baches,
Und ich sprach aus zitternder Seele dir: "ich
"Liebe dich ewig!"
Aber du neigtest sinnend nach den Wellen,
Nach den flüchtigen, tief dein schönes Antlitz,
Wie ergriffen von dem Geflüster dunkler
Stimmen der Zukunft.
Schmerzlich berührt von deinem Schweigen, frug ich,
Ob vernommen das Wort du meiner Seele,
Und du nicktest hold; doch es dünkte mir dein
Nicken zu wenig. --
An der Bahre der Geliebten.

Blaß und auf immer ſtumm, auf immer! liegſt du
Hingeſtreckt, o Geliebte, auf der Bahre!
Deine Reize lockten den Tod, er kam, er
Haͤlt dich umarmet!
Einſt in der Kuͤhlung leiſer Abendwinde
Saßen wir am Gemurmel eines Baches,
Und ich ſprach aus zitternder Seele dir: „ich
„Liebe dich ewig!“
Aber du neigteſt ſinnend nach den Wellen,
Nach den fluͤchtigen, tief dein ſchoͤnes Antlitz,
Wie ergriffen von dem Gefluͤſter dunkler
Stimmen der Zukunft.
Schmerzlich beruͤhrt von deinem Schweigen, frug ich,
Ob vernommen das Wort du meiner Seele,
Und du nickteſt hold; doch es duͤnkte mir dein
Nicken zu wenig. —
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[218/0232] An der Bahre der Geliebten. Blaß und auf immer ſtumm, auf immer! liegſt du Hingeſtreckt, o Geliebte, auf der Bahre! Deine Reize lockten den Tod, er kam, er Haͤlt dich umarmet! Einſt in der Kuͤhlung leiſer Abendwinde Saßen wir am Gemurmel eines Baches, Und ich ſprach aus zitternder Seele dir: „ich „Liebe dich ewig!“ Aber du neigteſt ſinnend nach den Wellen, Nach den fluͤchtigen, tief dein ſchoͤnes Antlitz, Wie ergriffen von dem Gefluͤſter dunkler Stimmen der Zukunft. Schmerzlich beruͤhrt von deinem Schweigen, frug ich, Ob vernommen das Wort du meiner Seele, Und du nickteſt hold; doch es duͤnkte mir dein Nicken zu wenig. —

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Zitationshilfe: Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lenau_gedichte_1832/232>, S. 218, abgerufen am 17.08.2017.