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Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832.

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VI.
Der alte Marko.

"Klara lebst du?" ruft Johannes
Bang mit lautem Herzenspochen;
Klara liegt am Kerkerlager,
Eine Lilje, sturmgebrochen.
Stumm, mit trostberaubter Miene
Steht des Fürsten Arzt daneben,
Ohne Rast mit Blick und Händen
Spürend nach dem theuren Leben.
Abgewaschen ihrem Antlitz
Ist die jungfräuliche Lüge,
Und in bleicher Todesschönheit
Zeigen sich die holden Züge.
Lose sind die wirren Haare,
Blutig sind die zarten Hände,
Die im Sturme sich geklammert
An die rauhen Felsenwände.
VI.
Der alte Marko.

Klara lebſt du?“ ruft Johannes
Bang mit lautem Herzenspochen;
Klara liegt am Kerkerlager,
Eine Lilje, ſturmgebrochen.
Stumm, mit troſtberaubter Miene
Steht des Fuͤrſten Arzt daneben,
Ohne Raſt mit Blick und Haͤnden
Spuͤrend nach dem theuren Leben.
Abgewaſchen ihrem Antlitz
Iſt die jungfraͤuliche Luͤge,
Und in bleicher Todesſchoͤnheit
Zeigen ſich die holden Zuͤge.
Loſe ſind die wirren Haare,
Blutig ſind die zarten Haͤnde,
Die im Sturme ſich geklammert
An die rauhen Felſenwaͤnde.
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[253/0267] VI. Der alte Marko. „Klara lebſt du?“ ruft Johannes Bang mit lautem Herzenspochen; Klara liegt am Kerkerlager, Eine Lilje, ſturmgebrochen. Stumm, mit troſtberaubter Miene Steht des Fuͤrſten Arzt daneben, Ohne Raſt mit Blick und Haͤnden Spuͤrend nach dem theuren Leben. Abgewaſchen ihrem Antlitz Iſt die jungfraͤuliche Luͤge, Und in bleicher Todesſchoͤnheit Zeigen ſich die holden Zuͤge. Loſe ſind die wirren Haare, Blutig ſind die zarten Haͤnde, Die im Sturme ſich geklammert An die rauhen Felſenwaͤnde.

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Zitationshilfe: Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lenau_gedichte_1832/267>, S. 253, abgerufen am 17.08.2017.