Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Lessing, Gotthold Ephraim]: Hamburgische Dramaturgie. Bd. 1. Hamburg u. a., [1769].

Bild:
<< vorherige Seite

ihren Tragödien werden wir noch eher fertig;
diese sind zum Theil bey weiten so verworren
nicht, als ihre Komödien, und verschiedene haben,
ohne die geringste Veränderung, bey uns Glück
gemacht, welches ich von keiner einzigen ihrer
Komödien zu sagen wüßte.

Auch die Italiener haben eine Uebersetzung
von der Schottländerinn, die in dem ersten Theile
der theatralischen Bibliothek des Diodati stehet.
Sie folgt dem Originale Schritt vor Schritt,
so wie die deutsche; nur eine Scene zum Schlusse
hat ihr der Italiener mehr gegeben. Voltaire
sagte, Frelon werde in der englischen Ur-
schrift am Ende bestraft; aber so verdient diese
Bestrafungen sey, so habe sie ihm doch dem
Hauptinteresse zu schaden geschienen; er habe sie
also weggelassen. Dem Italiener dünkte diese
Entschuldigung nicht hinlänglich, und er er-
gänzte die Bestrafung des Frelons aus seinem
Kopfe; denn die Italiener sind große Liebhaber
der poetischen Gerechtigkeit.



Ham-

ihren Tragoͤdien werden wir noch eher fertig;
dieſe ſind zum Theil bey weiten ſo verworren
nicht, als ihre Komoͤdien, und verſchiedene haben,
ohne die geringſte Veraͤnderung, bey uns Gluͤck
gemacht, welches ich von keiner einzigen ihrer
Komoͤdien zu ſagen wuͤßte.

Auch die Italiener haben eine Ueberſetzung
von der Schottlaͤnderinn, die in dem erſten Theile
der theatraliſchen Bibliothek des Diodati ſtehet.
Sie folgt dem Originale Schritt vor Schritt,
ſo wie die deutſche; nur eine Scene zum Schluſſe
hat ihr der Italiener mehr gegeben. Voltaire
ſagte, Frelon werde in der engliſchen Ur-
ſchrift am Ende beſtraft; aber ſo verdient dieſe
Beſtrafungen ſey, ſo habe ſie ihm doch dem
Hauptintereſſe zu ſchaden geſchienen; er habe ſie
alſo weggelaſſen. Dem Italiener duͤnkte dieſe
Entſchuldigung nicht hinlaͤnglich, und er er-
gaͤnzte die Beſtrafung des Frelons aus ſeinem
Kopfe; denn die Italiener ſind große Liebhaber
der poetiſchen Gerechtigkeit.



Ham-
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0110" n="96"/>
ihren Trago&#x0364;dien werden wir noch eher fertig;<lb/>
die&#x017F;e &#x017F;ind zum Theil bey weiten &#x017F;o verworren<lb/>
nicht, als ihre Komo&#x0364;dien, und ver&#x017F;chiedene haben,<lb/>
ohne die gering&#x017F;te Vera&#x0364;nderung, bey uns Glu&#x0364;ck<lb/>
gemacht, welches ich von keiner einzigen ihrer<lb/>
Komo&#x0364;dien zu &#x017F;agen wu&#x0364;ßte.</p><lb/>
        <p>Auch die Italiener haben eine Ueber&#x017F;etzung<lb/>
von der Schottla&#x0364;nderinn, die in dem er&#x017F;ten Theile<lb/>
der theatrali&#x017F;chen Bibliothek des Diodati &#x017F;tehet.<lb/>
Sie folgt dem Originale Schritt vor Schritt,<lb/>
&#x017F;o wie die deut&#x017F;che; nur eine Scene zum Schlu&#x017F;&#x017F;e<lb/>
hat ihr der Italiener mehr gegeben. Voltaire<lb/>
&#x017F;agte, Frelon werde in der engli&#x017F;chen Ur-<lb/>
&#x017F;chrift am Ende be&#x017F;traft; aber &#x017F;o verdient die&#x017F;e<lb/>
Be&#x017F;trafungen &#x017F;ey, &#x017F;o habe &#x017F;ie ihm doch dem<lb/>
Hauptintere&#x017F;&#x017F;e zu &#x017F;chaden ge&#x017F;chienen; er habe &#x017F;ie<lb/>
al&#x017F;o weggela&#x017F;&#x017F;en. Dem Italiener du&#x0364;nkte die&#x017F;e<lb/>
Ent&#x017F;chuldigung nicht hinla&#x0364;nglich, und er er-<lb/>
ga&#x0364;nzte die Be&#x017F;trafung des Frelons aus &#x017F;einem<lb/>
Kopfe; denn die Italiener &#x017F;ind große Liebhaber<lb/>
der poeti&#x017F;chen Gerechtigkeit.</p>
      </div><lb/>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
      <fw place="bottom" type="catch"> <hi rendition="#b">Ham-</hi> </fw><lb/>
    </body>
  </text>
</TEI>
[96/0110] ihren Tragoͤdien werden wir noch eher fertig; dieſe ſind zum Theil bey weiten ſo verworren nicht, als ihre Komoͤdien, und verſchiedene haben, ohne die geringſte Veraͤnderung, bey uns Gluͤck gemacht, welches ich von keiner einzigen ihrer Komoͤdien zu ſagen wuͤßte. Auch die Italiener haben eine Ueberſetzung von der Schottlaͤnderinn, die in dem erſten Theile der theatraliſchen Bibliothek des Diodati ſtehet. Sie folgt dem Originale Schritt vor Schritt, ſo wie die deutſche; nur eine Scene zum Schluſſe hat ihr der Italiener mehr gegeben. Voltaire ſagte, Frelon werde in der engliſchen Ur- ſchrift am Ende beſtraft; aber ſo verdient dieſe Beſtrafungen ſey, ſo habe ſie ihm doch dem Hauptintereſſe zu ſchaden geſchienen; er habe ſie alſo weggelaſſen. Dem Italiener duͤnkte dieſe Entſchuldigung nicht hinlaͤnglich, und er er- gaͤnzte die Beſtrafung des Frelons aus ſeinem Kopfe; denn die Italiener ſind große Liebhaber der poetiſchen Gerechtigkeit. Ham-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/lessing_dramaturgie01_1767
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/lessing_dramaturgie01_1767/110
Zitationshilfe: [Lessing, Gotthold Ephraim]: Hamburgische Dramaturgie. Bd. 1. Hamburg u. a., [1769], S. 96. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lessing_dramaturgie01_1767/110>, abgerufen am 28.09.2020.