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[Lessing, Gotthold Ephraim]: Hamburgische Dramaturgie. Bd. 1. Hamburg u. a., [1769].

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Hamburgische
Dramaturgie.


Sechszehntes Stück.





Die englischen Schauspieler waren zu Hills
Zeiten ein wenig sehr unnatürlich; be-
sonders war ihr tragisches Spiel äußerst
wild und übertrieben; wo sie heftige Leidenschaf-
ten auszudrücken hatten, schrien und gebehrdeten
sie sich als Besessene; und das Uebrige tönten sie
in einer steifen, strotzenden Feyerlichkeit daher,
die in jeder Sylbe den Komödianten verrieth.
Als er daher seine Uebersetzung der Zayre auf-
führen zu lassen bedacht war, vertraute er die
Rolle der Zayre einem jungen Frauenzimmer,
das noch nie in der Tragödie gespielt hatte. Er
urtheilte so: dieses junge Frauenzimmer hat Ge-
fühl, und Stimme, und Figur, und Anstand; sie
hat den falschen Ton des Theaters noch nicht an-
genommen; sie braucht keine Fehler erst zu ver-
lernen; wenn sie sich nur ein Paar Stunden
überreden kann, das wirklich zu seyn, was sie

vor-
Q
Hamburgiſche
Dramaturgie.


Sechszehntes Stuͤck.





Die engliſchen Schauſpieler waren zu Hills
Zeiten ein wenig ſehr unnatuͤrlich; be-
ſonders war ihr tragiſches Spiel aͤußerſt
wild und uͤbertrieben; wo ſie heftige Leidenſchaf-
ten auszudruͤcken hatten, ſchrien und gebehrdeten
ſie ſich als Beſeſſene; und das Uebrige toͤnten ſie
in einer ſteifen, ſtrotzenden Feyerlichkeit daher,
die in jeder Sylbe den Komoͤdianten verrieth.
Als er daher ſeine Ueberſetzung der Zayre auf-
fuͤhren zu laſſen bedacht war, vertraute er die
Rolle der Zayre einem jungen Frauenzimmer,
das noch nie in der Tragoͤdie geſpielt hatte. Er
urtheilte ſo: dieſes junge Frauenzimmer hat Ge-
fuͤhl, und Stimme, und Figur, und Anſtand; ſie
hat den falſchen Ton des Theaters noch nicht an-
genommen; ſie braucht keine Fehler erſt zu ver-
lernen; wenn ſie ſich nur ein Paar Stunden
uͤberreden kann, das wirklich zu ſeyn, was ſie

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[[121]/0135] Hamburgiſche Dramaturgie. Sechszehntes Stuͤck. Den 23ſten Junius, 1767. Die engliſchen Schauſpieler waren zu Hills Zeiten ein wenig ſehr unnatuͤrlich; be- ſonders war ihr tragiſches Spiel aͤußerſt wild und uͤbertrieben; wo ſie heftige Leidenſchaf- ten auszudruͤcken hatten, ſchrien und gebehrdeten ſie ſich als Beſeſſene; und das Uebrige toͤnten ſie in einer ſteifen, ſtrotzenden Feyerlichkeit daher, die in jeder Sylbe den Komoͤdianten verrieth. Als er daher ſeine Ueberſetzung der Zayre auf- fuͤhren zu laſſen bedacht war, vertraute er die Rolle der Zayre einem jungen Frauenzimmer, das noch nie in der Tragoͤdie geſpielt hatte. Er urtheilte ſo: dieſes junge Frauenzimmer hat Ge- fuͤhl, und Stimme, und Figur, und Anſtand; ſie hat den falſchen Ton des Theaters noch nicht an- genommen; ſie braucht keine Fehler erſt zu ver- lernen; wenn ſie ſich nur ein Paar Stunden uͤberreden kann, das wirklich zu ſeyn, was ſie vor- Q

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Zitationshilfe: [Lessing, Gotthold Ephraim]: Hamburgische Dramaturgie. Bd. 1. Hamburg u. a., [1769], S. [121]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lessing_dramaturgie01_1767/135>, abgerufen am 03.08.2020.