Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Lettus, Henricus]: Der Liefländischen Chronik Erster Theil. Halle, 1747.

Bild:
<< vorherige Seite

von 1210 bis 1211.
viele von den Verwandten und Freunden des Rußins, so sie ertapten, nieder.1210
Jn Tricatien plünderten sie auch den Thalibald und die umliegenden Provin-
zen, und versamleten sich bey dem Schlosse Beverin. Sie belagerten das Schloß,
schlugen sich den ganzen Tag mit den Letten herum, warfen ein starkes Feuer
hinein, und sagten endlich: Habt ihr eurer Erschlagenen an der Ymer
schon vergessen, daß ihr noch nicht bey uns um Friede bittet? Sie
aber versetzten im Gegentheil: Denket ihr denn auch nicht mehr an eure
Landesältesten, und an die unzähligen, so bey
Thoreida umgekom-
men seyn, daß ihr mit uns an Einen GOtt glaubet, und die Taufe
und einen ewigen Frieden empfahet.
Da sie das hörten, wurden sie un-
willig, zogen vom Schlosse ab, und kehrten mit der Beute geschwind wieder in
ihr Land. Der Letten Landesältesten aber von Beverin, Dole und Payke
zogen nach Riga, und baten die von Saccala inständig um Hülfe. Und die
Pilger machten sich also auf mit den Brüdern der Ritterschaft, auch Dietrich,
des Bischofs Bruder, Caupo mit allen Liven, Berthold von Wenden mit
den Letten, und brachten eine starke Armee in Metsepole zusammen, zogen ans
Meer, marschirten drey Tagereisen längst dem Strande, schlugen sich nachher ge-
gen die Provinz Saccala, zogen noch drey Tage durch Wälder und Moräste
einen sehr schlimmen Weg, daß ihre Pferde auf dem Wege umfielen, und ihrer
fast hundert verreckten, bis sie endlich am siebenten Tage an Dörfer kamen, und
sich durchs ganze Land vertheilten. Die Männer, welche sie funden, stiessen sie
nieder, nahmen alle kleine Knaben und Mädgen weg, trieben Pferde und Vieh
nach den Dorfe des Lembit, wo ihre Maja m), das ist, ihre Rendezvous war,
und schickten des folgenden Tages die Liven und Letten durch die finstern Klüfte
der Wälder, wo die Esthen fast in Mauselöcher gekrochen waren, suchten viel
Männer und Weiber auf, zogen sie mit allen ihren Sachen aus den Wäldern her-
aus, machten die Mannspersonen nieder, und schlepten das übrige zu ihren Majen.
Dole
und Payke, zwey Letten, gingen nach einem Dorfe; es fielen aber plötzlich
neun Esthen über sie her, und schlugen sich mit ihnen den ganzen Tag. Die
Letten verwundeten und erlegten die meisten, musten aber endlich selbst ins Gras
beissen. Des dritten Tages paßirten die beherztesten von der Armee den Palafluß,
plünderten die ganze Provinz Murumgunde, branten alle Dörfer ab, tödte-
ten was männliches Geschlechts war, entführten die Weiber, Pferde und Vieh,
rückten auch bis an Gerwen. Des Nachts kamen sie zurück, und machten sich
eine Lust, schrien, lermten und klapperten mit den Schilden, steckten Tages darauf
das Schloß in Brand, nahmen einen andern Rückweg, theilten die ganze Beute
unter sich in gleiche Theile, und kehrten mit Freuden wieder nach Liefland. Es
entstand aber eine grosse Pest in ganz Liefland, die Leute fingen an zu kranken
und zu sterben. Es fieng (dis Uebel) von Thoreida an, wo die Körper der
Heiden unbegraben lagen, bis nach Metsepole und so nach Ydumea bis an die
Letten und Wenden, und es sturben die Landesältesten Dabrel, Nunnus
und viele andre. Gleichfals war ein grosses Sterben in Saccala und Ungan-
nien,
und in andern Gegenden von Esthland. Manche, die vor der Schärfe
des Schwerdts entronnen und ihrem Unglück entgangen waren, konten doch dem
Würgen des Todes nicht entgehen. Die Letten aber von Beverin zogen wie-
der in Ungannien, erhaschten die Esthen so mit ihren schmalen Brodsäcken n) nach ihren Dörfern wieder umkehrten, und machten alles von männlichem Ge-
schlechte todt; schonten aber der Weiber, nahmen sie mit sich und erhielten viele
Beute. Auf ihrem Heimzuge begegneten ihnen unterwegens frische Letten, die
nach Ungannien gingen; diese nahmen vollens, was jene übrig gelassen, und
fingen da von vorne an, wo jene geblieben. Die jenen entwischet waren, wurden
von diesen umgebracht; sie brachen auch in die Provinzen und Dörfer ein, wo jene
nicht hingekommen waren, und begaben sich mit vielem Raube und Gefangnen zu-
rücke. Und da auch diese nach Hause gingen, begegneten ihnen wieder andere

Letten
A a

von 1210 bis 1211.
viele von den Verwandten und Freunden des Rußins, ſo ſie ertapten, nieder.1210
Jn Tricatien pluͤnderten ſie auch den Thalibald und die umliegenden Provin-
zen, und verſamleten ſich bey dem Schloſſe Beverin. Sie belagerten das Schloß,
ſchlugen ſich den ganzen Tag mit den Letten herum, warfen ein ſtarkes Feuer
hinein, und ſagten endlich: Habt ihr eurer Erſchlagenen an der Ymer
ſchon vergeſſen, daß ihr noch nicht bey uns um Friede bittet? Sie
aber verſetzten im Gegentheil: Denket ihr denn auch nicht mehr an eure
Landesaͤlteſten, und an die unzaͤhligen, ſo bey
Thoreida umgekom-
men ſeyn, daß ihr mit uns an Einen GOtt glaubet, und die Taufe
und einen ewigen Frieden empfahet.
Da ſie das hoͤrten, wurden ſie un-
willig, zogen vom Schloſſe ab, und kehrten mit der Beute geſchwind wieder in
ihr Land. Der Letten Landesaͤlteſten aber von Beverin, Dole und Payke
zogen nach Riga, und baten die von Saccala inſtaͤndig um Huͤlfe. Und die
Pilger machten ſich alſo auf mit den Bruͤdern der Ritterſchaft, auch Dietrich,
des Biſchofs Bruder, Caupo mit allen Liven, Berthold von Wenden mit
den Letten, und brachten eine ſtarke Armee in Metſepole zuſammen, zogen ans
Meer, marſchirten drey Tagereiſen laͤngſt dem Strande, ſchlugen ſich nachher ge-
gen die Provinz Saccala, zogen noch drey Tage durch Waͤlder und Moraͤſte
einen ſehr ſchlimmen Weg, daß ihre Pferde auf dem Wege umfielen, und ihrer
faſt hundert verreckten, bis ſie endlich am ſiebenten Tage an Doͤrfer kamen, und
ſich durchs ganze Land vertheilten. Die Maͤnner, welche ſie funden, ſtieſſen ſie
nieder, nahmen alle kleine Knaben und Maͤdgen weg, trieben Pferde und Vieh
nach den Dorfe des Lembit, wo ihre Maja m), das iſt, ihre Rendezvous war,
und ſchickten des folgenden Tages die Liven und Letten durch die finſtern Kluͤfte
der Waͤlder, wo die Eſthen faſt in Mauſeloͤcher gekrochen waren, ſuchten viel
Maͤnner und Weiber auf, zogen ſie mit allen ihren Sachen aus den Waͤldern her-
aus, machten die Mannsperſonen nieder, und ſchlepten das uͤbrige zu ihren Majen.
Dole
und Payke, zwey Letten, gingen nach einem Dorfe; es fielen aber ploͤtzlich
neun Eſthen uͤber ſie her, und ſchlugen ſich mit ihnen den ganzen Tag. Die
Letten verwundeten und erlegten die meiſten, muſten aber endlich ſelbſt ins Gras
beiſſen. Des dritten Tages paßirten die beherzteſten von der Armee den Palafluß,
pluͤnderten die ganze Provinz Murumgunde, branten alle Doͤrfer ab, toͤdte-
ten was maͤnnliches Geſchlechts war, entfuͤhrten die Weiber, Pferde und Vieh,
ruͤckten auch bis an Gerwen. Des Nachts kamen ſie zuruͤck, und machten ſich
eine Luſt, ſchrien, lermten und klapperten mit den Schilden, ſteckten Tages darauf
das Schloß in Brand, nahmen einen andern Ruͤckweg, theilten die ganze Beute
unter ſich in gleiche Theile, und kehrten mit Freuden wieder nach Liefland. Es
entſtand aber eine groſſe Peſt in ganz Liefland, die Leute fingen an zu kranken
und zu ſterben. Es fieng (dis Uebel) von Thoreida an, wo die Koͤrper der
Heiden unbegraben lagen, bis nach Metſepole und ſo nach Ydumea bis an die
Letten und Wenden, und es ſturben die Landesaͤlteſten Dabrel, Nunnus
und viele andre. Gleichfals war ein groſſes Sterben in Saccala und Ungan-
nien,
und in andern Gegenden von Eſthland. Manche, die vor der Schaͤrfe
des Schwerdts entronnen und ihrem Ungluͤck entgangen waren, konten doch dem
Wuͤrgen des Todes nicht entgehen. Die Letten aber von Beverin zogen wie-
der in Ungannien, erhaſchten die Eſthen ſo mit ihren ſchmalen Brodſaͤcken n) nach ihren Doͤrfern wieder umkehrten, und machten alles von maͤnnlichem Ge-
ſchlechte todt; ſchonten aber der Weiber, nahmen ſie mit ſich und erhielten viele
Beute. Auf ihrem Heimzuge begegneten ihnen unterwegens friſche Letten, die
nach Ungannien gingen; dieſe nahmen vollens, was jene uͤbrig gelaſſen, und
fingen da von vorne an, wo jene geblieben. Die jenen entwiſchet waren, wurden
von dieſen umgebracht; ſie brachen auch in die Provinzen und Doͤrfer ein, wo jene
nicht hingekommen waren, und begaben ſich mit vielem Raube und Gefangnen zu-
ruͤcke. Und da auch dieſe nach Hauſe gingen, begegneten ihnen wieder andere

Letten
A a
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <p><pb facs="#f0125" n="93"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">von 1210 bis 1211.</hi></fw><lb/>
viele von den Verwandten und Freunden des <hi rendition="#fr">Rußins,</hi> &#x017F;o &#x017F;ie ertapten, nieder.<note place="right">1210</note><lb/>
Jn <hi rendition="#fr">Tricatien</hi> plu&#x0364;nderten &#x017F;ie auch den <hi rendition="#fr">Thalibald</hi> und die umliegenden Provin-<lb/>
zen, und ver&#x017F;amleten &#x017F;ich bey dem Schlo&#x017F;&#x017F;e <hi rendition="#fr">Beverin.</hi> Sie belagerten das Schloß,<lb/>
&#x017F;chlugen &#x017F;ich den ganzen Tag mit den <hi rendition="#fr">Letten</hi> herum, warfen ein &#x017F;tarkes Feuer<lb/>
hinein, und &#x017F;agten endlich: <hi rendition="#fr">Habt ihr eurer Er&#x017F;chlagenen an der</hi> Ymer<lb/><hi rendition="#fr">&#x017F;chon verge&#x017F;&#x017F;en, daß ihr noch nicht bey uns um Friede bittet?</hi> Sie<lb/>
aber ver&#x017F;etzten im Gegentheil: <hi rendition="#fr">Denket ihr denn auch nicht mehr an eure<lb/>
Landesa&#x0364;lte&#x017F;ten, und an die unza&#x0364;hligen, &#x017F;o bey</hi> Thoreida <hi rendition="#fr">umgekom-<lb/>
men &#x017F;eyn, daß ihr mit uns an Einen GOtt glaubet, und die Taufe<lb/>
und einen ewigen Frieden empfahet.</hi> Da &#x017F;ie das ho&#x0364;rten, wurden &#x017F;ie un-<lb/>
willig, zogen vom Schlo&#x017F;&#x017F;e ab, und kehrten mit der Beute ge&#x017F;chwind wieder in<lb/>
ihr Land. Der <hi rendition="#fr">Letten</hi> Landesa&#x0364;lte&#x017F;ten aber von <hi rendition="#fr">Beverin, Dole</hi> und <hi rendition="#fr">Payke</hi><lb/>
zogen nach <hi rendition="#fr">Riga,</hi> und baten die von <hi rendition="#fr">Saccala</hi> in&#x017F;ta&#x0364;ndig um Hu&#x0364;lfe. Und die<lb/>
Pilger machten &#x017F;ich al&#x017F;o auf mit den Bru&#x0364;dern der Ritter&#x017F;chaft, auch <hi rendition="#fr">Dietrich,</hi><lb/>
des Bi&#x017F;chofs Bruder, <hi rendition="#fr">Caupo</hi> mit allen <hi rendition="#fr">Liven, Berthold</hi> von <hi rendition="#fr">Wenden</hi> mit<lb/>
den <hi rendition="#fr">Letten,</hi> und brachten eine &#x017F;tarke Armee in <hi rendition="#fr">Met&#x017F;epole</hi> zu&#x017F;ammen, zogen ans<lb/>
Meer, mar&#x017F;chirten drey Tagerei&#x017F;en la&#x0364;ng&#x017F;t dem Strande, &#x017F;chlugen &#x017F;ich nachher ge-<lb/>
gen die Provinz <hi rendition="#fr">Saccala,</hi> zogen noch drey Tage durch Wa&#x0364;lder und Mora&#x0364;&#x017F;te<lb/>
einen &#x017F;ehr &#x017F;chlimmen Weg, daß ihre Pferde auf dem Wege umfielen, und ihrer<lb/>
fa&#x017F;t hundert verreckten, bis &#x017F;ie endlich am &#x017F;iebenten Tage an Do&#x0364;rfer kamen, und<lb/>
&#x017F;ich durchs ganze Land vertheilten. Die Ma&#x0364;nner, welche &#x017F;ie funden, &#x017F;tie&#x017F;&#x017F;en &#x017F;ie<lb/>
nieder, nahmen alle kleine Knaben und Ma&#x0364;dgen weg, trieben Pferde und Vieh<lb/>
nach den Dorfe des <hi rendition="#fr">Lembit,</hi> wo ihre <hi rendition="#fr">Maja</hi> <note place="end" n="m)"/>, das i&#x017F;t, ihre Rendezvous war,<lb/>
und &#x017F;chickten des folgenden Tages die <hi rendition="#fr">Liven</hi> und <hi rendition="#fr">Letten</hi> durch die fin&#x017F;tern Klu&#x0364;fte<lb/>
der Wa&#x0364;lder, wo die <hi rendition="#fr">E&#x017F;then</hi> fa&#x017F;t in Mau&#x017F;elo&#x0364;cher gekrochen waren, &#x017F;uchten viel<lb/>
Ma&#x0364;nner und Weiber auf, zogen &#x017F;ie mit allen ihren Sachen aus den Wa&#x0364;ldern her-<lb/>
aus, machten die Mannsper&#x017F;onen nieder, und &#x017F;chlepten das u&#x0364;brige zu ihren <hi rendition="#fr">Majen.<lb/>
Dole</hi> und <hi rendition="#fr">Payke,</hi> zwey <hi rendition="#fr">Letten,</hi> gingen nach einem Dorfe; es fielen aber plo&#x0364;tzlich<lb/>
neun <hi rendition="#fr">E&#x017F;then</hi> u&#x0364;ber &#x017F;ie her, und &#x017F;chlugen &#x017F;ich mit ihnen den ganzen Tag. Die<lb/><hi rendition="#fr">Letten</hi> verwundeten und erlegten die mei&#x017F;ten, mu&#x017F;ten aber endlich &#x017F;elb&#x017F;t ins Gras<lb/>
bei&#x017F;&#x017F;en. Des dritten Tages paßirten die beherzte&#x017F;ten von der Armee den <hi rendition="#fr">Palafluß,</hi><lb/>
plu&#x0364;nderten die ganze Provinz <hi rendition="#fr">Murumgunde,</hi> branten alle Do&#x0364;rfer ab, to&#x0364;dte-<lb/>
ten was ma&#x0364;nnliches Ge&#x017F;chlechts war, entfu&#x0364;hrten die Weiber, Pferde und Vieh,<lb/>
ru&#x0364;ckten auch bis an <hi rendition="#fr">Gerwen.</hi> Des Nachts kamen &#x017F;ie zuru&#x0364;ck, und machten &#x017F;ich<lb/>
eine Lu&#x017F;t, &#x017F;chrien, lermten und klapperten mit den Schilden, &#x017F;teckten Tages darauf<lb/>
das Schloß in Brand, nahmen einen andern Ru&#x0364;ckweg, theilten die ganze Beute<lb/>
unter &#x017F;ich in gleiche Theile, und kehrten mit Freuden wieder nach <hi rendition="#fr">Liefland.</hi> Es<lb/>
ent&#x017F;tand aber eine gro&#x017F;&#x017F;e Pe&#x017F;t in ganz <hi rendition="#fr">Liefland,</hi> die Leute fingen an zu kranken<lb/>
und zu &#x017F;terben. Es fieng (dis Uebel) von <hi rendition="#fr">Thoreida</hi> an, wo die Ko&#x0364;rper der<lb/><hi rendition="#fr">Heiden</hi> unbegraben lagen, bis nach <hi rendition="#fr">Met&#x017F;epole</hi> und &#x017F;o nach <hi rendition="#fr">Ydumea</hi> bis an die<lb/><hi rendition="#fr">Letten</hi> und <hi rendition="#fr">Wenden,</hi> und es &#x017F;turben die Landesa&#x0364;lte&#x017F;ten <hi rendition="#fr">Dabrel, Nunnus</hi><lb/>
und viele andre. Gleichfals war ein gro&#x017F;&#x017F;es Sterben in <hi rendition="#fr">Saccala</hi> und <hi rendition="#fr">Ungan-<lb/>
nien,</hi> und in andern Gegenden von <hi rendition="#fr">E&#x017F;thland.</hi> Manche, die vor der Scha&#x0364;rfe<lb/>
des Schwerdts entronnen und ihrem Unglu&#x0364;ck entgangen waren, konten doch dem<lb/>
Wu&#x0364;rgen des Todes nicht entgehen. Die <hi rendition="#fr">Letten</hi> aber von <hi rendition="#fr">Beverin</hi> zogen wie-<lb/>
der in <hi rendition="#fr">Ungannien,</hi> erha&#x017F;chten die <hi rendition="#fr">E&#x017F;then</hi> &#x017F;o mit ihren &#x017F;chmalen Brod&#x017F;a&#x0364;cken <note place="end" n="n)"/><lb/>
nach ihren Do&#x0364;rfern wieder umkehrten, und machten alles von ma&#x0364;nnlichem Ge-<lb/>
&#x017F;chlechte todt; &#x017F;chonten aber der Weiber, nahmen &#x017F;ie mit &#x017F;ich und erhielten viele<lb/>
Beute. Auf ihrem Heimzuge begegneten ihnen unterwegens fri&#x017F;che <hi rendition="#fr">Letten,</hi> die<lb/>
nach <hi rendition="#fr">Ungannien</hi> gingen; die&#x017F;e nahmen vollens, was jene u&#x0364;brig gela&#x017F;&#x017F;en, und<lb/>
fingen da von vorne an, wo jene geblieben. Die jenen entwi&#x017F;chet waren, wurden<lb/>
von die&#x017F;en umgebracht; &#x017F;ie brachen auch in die Provinzen und Do&#x0364;rfer ein, wo jene<lb/>
nicht hingekommen waren, und begaben &#x017F;ich mit vielem Raube und Gefangnen zu-<lb/>
ru&#x0364;cke. Und da auch die&#x017F;e nach Hau&#x017F;e gingen, begegneten ihnen wieder andere<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">A a</fw><fw place="bottom" type="catch"><hi rendition="#fr">Letten</hi></fw><lb/></p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[93/0125] von 1210 bis 1211. viele von den Verwandten und Freunden des Rußins, ſo ſie ertapten, nieder. Jn Tricatien pluͤnderten ſie auch den Thalibald und die umliegenden Provin- zen, und verſamleten ſich bey dem Schloſſe Beverin. Sie belagerten das Schloß, ſchlugen ſich den ganzen Tag mit den Letten herum, warfen ein ſtarkes Feuer hinein, und ſagten endlich: Habt ihr eurer Erſchlagenen an der Ymer ſchon vergeſſen, daß ihr noch nicht bey uns um Friede bittet? Sie aber verſetzten im Gegentheil: Denket ihr denn auch nicht mehr an eure Landesaͤlteſten, und an die unzaͤhligen, ſo bey Thoreida umgekom- men ſeyn, daß ihr mit uns an Einen GOtt glaubet, und die Taufe und einen ewigen Frieden empfahet. Da ſie das hoͤrten, wurden ſie un- willig, zogen vom Schloſſe ab, und kehrten mit der Beute geſchwind wieder in ihr Land. Der Letten Landesaͤlteſten aber von Beverin, Dole und Payke zogen nach Riga, und baten die von Saccala inſtaͤndig um Huͤlfe. Und die Pilger machten ſich alſo auf mit den Bruͤdern der Ritterſchaft, auch Dietrich, des Biſchofs Bruder, Caupo mit allen Liven, Berthold von Wenden mit den Letten, und brachten eine ſtarke Armee in Metſepole zuſammen, zogen ans Meer, marſchirten drey Tagereiſen laͤngſt dem Strande, ſchlugen ſich nachher ge- gen die Provinz Saccala, zogen noch drey Tage durch Waͤlder und Moraͤſte einen ſehr ſchlimmen Weg, daß ihre Pferde auf dem Wege umfielen, und ihrer faſt hundert verreckten, bis ſie endlich am ſiebenten Tage an Doͤrfer kamen, und ſich durchs ganze Land vertheilten. Die Maͤnner, welche ſie funden, ſtieſſen ſie nieder, nahmen alle kleine Knaben und Maͤdgen weg, trieben Pferde und Vieh nach den Dorfe des Lembit, wo ihre Maja m⁾ , das iſt, ihre Rendezvous war, und ſchickten des folgenden Tages die Liven und Letten durch die finſtern Kluͤfte der Waͤlder, wo die Eſthen faſt in Mauſeloͤcher gekrochen waren, ſuchten viel Maͤnner und Weiber auf, zogen ſie mit allen ihren Sachen aus den Waͤldern her- aus, machten die Mannsperſonen nieder, und ſchlepten das uͤbrige zu ihren Majen. Dole und Payke, zwey Letten, gingen nach einem Dorfe; es fielen aber ploͤtzlich neun Eſthen uͤber ſie her, und ſchlugen ſich mit ihnen den ganzen Tag. Die Letten verwundeten und erlegten die meiſten, muſten aber endlich ſelbſt ins Gras beiſſen. Des dritten Tages paßirten die beherzteſten von der Armee den Palafluß, pluͤnderten die ganze Provinz Murumgunde, branten alle Doͤrfer ab, toͤdte- ten was maͤnnliches Geſchlechts war, entfuͤhrten die Weiber, Pferde und Vieh, ruͤckten auch bis an Gerwen. Des Nachts kamen ſie zuruͤck, und machten ſich eine Luſt, ſchrien, lermten und klapperten mit den Schilden, ſteckten Tages darauf das Schloß in Brand, nahmen einen andern Ruͤckweg, theilten die ganze Beute unter ſich in gleiche Theile, und kehrten mit Freuden wieder nach Liefland. Es entſtand aber eine groſſe Peſt in ganz Liefland, die Leute fingen an zu kranken und zu ſterben. Es fieng (dis Uebel) von Thoreida an, wo die Koͤrper der Heiden unbegraben lagen, bis nach Metſepole und ſo nach Ydumea bis an die Letten und Wenden, und es ſturben die Landesaͤlteſten Dabrel, Nunnus und viele andre. Gleichfals war ein groſſes Sterben in Saccala und Ungan- nien, und in andern Gegenden von Eſthland. Manche, die vor der Schaͤrfe des Schwerdts entronnen und ihrem Ungluͤck entgangen waren, konten doch dem Wuͤrgen des Todes nicht entgehen. Die Letten aber von Beverin zogen wie- der in Ungannien, erhaſchten die Eſthen ſo mit ihren ſchmalen Brodſaͤcken n⁾ nach ihren Doͤrfern wieder umkehrten, und machten alles von maͤnnlichem Ge- ſchlechte todt; ſchonten aber der Weiber, nahmen ſie mit ſich und erhielten viele Beute. Auf ihrem Heimzuge begegneten ihnen unterwegens friſche Letten, die nach Ungannien gingen; dieſe nahmen vollens, was jene uͤbrig gelaſſen, und fingen da von vorne an, wo jene geblieben. Die jenen entwiſchet waren, wurden von dieſen umgebracht; ſie brachen auch in die Provinzen und Doͤrfer ein, wo jene nicht hingekommen waren, und begaben ſich mit vielem Raube und Gefangnen zu- ruͤcke. Und da auch dieſe nach Hauſe gingen, begegneten ihnen wieder andere Letten 1210 A a

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/lettus_chronik01_1747
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/lettus_chronik01_1747/125
Zitationshilfe: [Lettus, Henricus]: Der Liefländischen Chronik Erster Theil. Halle, 1747, S. 93. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lettus_chronik01_1747/125>, abgerufen am 25.09.2020.