Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Lettus, Henricus]: Der Liefländischen Chronik Erster Theil. Halle, 1747.

Bild:
<< vorherige Seite

von 1214 bis 1215.
jeglicher fuhr seinen Weg. Die Unsrigen setzten hinter ihnen her mit Booten, und jag-1214
ten ihnen ein grosses Raubschif ab, das sie mit sich nach Gothland führten. Al-
so befreyete uns die heilige Jungfrau an diesem Tage, wie sie allen Liefländern
bisher aus allen ihren Nöthen geholfen, bis auf den heutigen Tag.

c) Ventilogium, eine Flagge, ist zwar kein gut lateinisch Wort, aber doch net nachgemacht
und nicht uneben getroffen. Denn wie wir horologium (eine Uhr) eine Maschine heis-
sen, welche die Stunden anzeiget, also konte das Fähnchen, das auf den Giebeln der
Häuser, auf den Spitzen der Thürme und Mastbäume sich nach jeder Veränderung des
Windes herumdrehet, und dessen Strich zeiget, kaum geschickter benennet werden.
d) Stucuanta ist ein Ungeheuer von einem Worte, dessen Ursprung und Bedeutung mir
nicht bekant ist. Doch deucht mir es ein Amtsname zu seyn, und entweder einen, der
die Maschinen zum Wurf richtet, oder besser einen Steuermann zu bedeuten, der am
Ruder sitzet. Ja, well der Verfertiger dieser Chronik nicht allezeit deutsche Worte
verachtet, wenn ihm die lateinischen nicht eingefallen, und er de plancis et erkeriis (von
Planken und Erkern) spricht: so wolte ich wol nicht eigensinnig leugnen, daß hier
Stuurmann noster (unser Steurmann) geschrieben gewesen; welches Wort der Ab-
schreiber, als ein ihm wider Vermuthen vorgekommenes, lieber hat mögen verpfuschen,
als beybehalten wollen *).
§. 6.

Nachdem uns der Herr von den Oeselern errettet, lagen wir eine Zeit von
drey völligen Wochen im selben Hafen stille, und hatten tägliches Unwetter, star-
ken Sturm und Gegenwind. Es entstand auch ein grosser Hunger und Mangel
an Proviant. Der Bischof theilte alles aus in Liebe, was er hatte, und wir
thaten tägliche Gelübde und beteten, daß uns der Herr von diesem Orte möchte
weghelfen. Und es geschahe am heiligen Abend vor Marien Magdalenen, da
wir gleichsam nur mit halbem Leben das Responsorium **) sungen; so bließ ein Süd-
wind, alle andre Gegenwinde legten sich, und der HErr gab uns guten Wind,
daß wir die Segel aufzogen und den Morgen darauf nach Gothland kamen.
Der Bischof stelte sich da auf einen Stein des Altars, brachte GOTT Dank und
sprach: HErr, wir sind in Feuer und Wasser gekommen; aber du hastPs. 66,
12.
v. 10. 11.

uns ausgeführet und erquicket. Denn GOtt, du hast uns versucht und ge-
läutert, wie das Silber geläutert wird; du hast uns lassen in den Thurm
werfen; du hast auf unsere Lenden eine Last geleget; du hast Menschen
lassen über unser Haupt fahren. Du hast uns errettet, o HErr! aus al-v. 12.
len Gefährlichkeiten und hast uns geführet auf diesen vesten Felsen.
Denn
er hatte ein groß Verlangen zum Felsen, der Christus ist, zu kommen, und es
kostete ihm viele Seufzer, daß er nicht auf der See die hohe Messe lesen konte,
ob er gleich auch zwey Tage vor dem Sontag Messe hielte ***). GOtt erfülte
endlich sein Verlangen, und führte ihn auf dieser Reise nach Verona ****), wo
ihn eine kleine Schwachheit überfiel, und er dem HErrn seinen Geist empfal. Sein
Leichnam ward beygesetzt in das marmorsteinerne Grab eines ehmaligen Cardinals,
in einem Kloster Augustinerordens, so oberhalb dem Flusse lage). Es sahe

ein
*) Mein Manuscript hat auch Stucuanta; Herr Hiärne schreibt diese Errettung dem Steurmann zu; und
gibt also der Muthmassung des Herrn Hofraths Beyfal. [Diese Muthmassung, die dem Jnhalt
nach richtig ist, möchte wol manchem zu sehr vom geschriebenen abzugehen scheinen; welches weniger
geschiehet, wenn Iminauta, priminauta dafür gelesen wird, da der Abschreiber gar leicht sich hat ir-
ren können.]
**) Responsorium ist der Kirchengesang, wenn nach verlesenen Frühlectionen der Priester gewisse Worte
vorsinget, und das Chor eben so antwortet. Wenn der Meßpriester langsam sung, und die Worte
nach der Musik zog und ausdehnete; das Chor aber nichts antwortete, so hieß es tractus. Bey-
des muß von antiphona unterschieden werden, wo der Priester und das Chor wechselsweise sungen.
***) [So ist wol das unverständliche Latein zu übersetzen, lieet tamen alternis diebus infra dominicum,
officium communicaret.
]
****) Weil Herr Gruber hier Neronia, und gleich darauf Neroniensis list, da es doch Veronia und
Veroniensis heissen muß: so hat ihm solches Gelegenheit zu einer zwar vergeblichen, aber an sich
doch gelehrten und belesenen Anmerkung gegeben, welche wir unsern Lesern hier unter e) mitthei-
len wollen.
G g

von 1214 bis 1215.
jeglicher fuhr ſeinen Weg. Die Unſrigen ſetzten hinter ihnen her mit Booten, und jag-1214
ten ihnen ein groſſes Raubſchif ab, das ſie mit ſich nach Gothland fuͤhrten. Al-
ſo befreyete uns die heilige Jungfrau an dieſem Tage, wie ſie allen Lieflaͤndern
bisher aus allen ihren Noͤthen geholfen, bis auf den heutigen Tag.

c) Ventilogium, eine Flagge, iſt zwar kein gut lateiniſch Wort, aber doch net nachgemacht
und nicht uneben getroffen. Denn wie wir horologium (eine Uhr) eine Maſchine heiſ-
ſen, welche die Stunden anzeiget, alſo konte das Faͤhnchen, das auf den Giebeln der
Haͤuſer, auf den Spitzen der Thuͤrme und Maſtbaͤume ſich nach jeder Veraͤnderung des
Windes herumdrehet, und deſſen Strich zeiget, kaum geſchickter benennet werden.
d) Stucuanta iſt ein Ungeheuer von einem Worte, deſſen Urſprung und Bedeutung mir
nicht bekant iſt. Doch deucht mir es ein Amtsname zu ſeyn, und entweder einen, der
die Maſchinen zum Wurf richtet, oder beſſer einen Steuermann zu bedeuten, der am
Ruder ſitzet. Ja, well der Verfertiger dieſer Chronik nicht allezeit deutſche Worte
verachtet, wenn ihm die lateiniſchen nicht eingefallen, und er de plancis et erkeriis (von
Planken und Erkern) ſpricht: ſo wolte ich wol nicht eigenſinnig leugnen, daß hier
Stuurmann noſter (unſer Steurmann) geſchrieben geweſen; welches Wort der Ab-
ſchreiber, als ein ihm wider Vermuthen vorgekommenes, lieber hat moͤgen verpfuſchen,
als beybehalten wollen *).
§. 6.

Nachdem uns der Herr von den Oeſelern errettet, lagen wir eine Zeit von
drey voͤlligen Wochen im ſelben Hafen ſtille, und hatten taͤgliches Unwetter, ſtar-
ken Sturm und Gegenwind. Es entſtand auch ein groſſer Hunger und Mangel
an Proviant. Der Biſchof theilte alles aus in Liebe, was er hatte, und wir
thaten taͤgliche Geluͤbde und beteten, daß uns der Herr von dieſem Orte moͤchte
weghelfen. Und es geſchahe am heiligen Abend vor Marien Magdalenen, da
wir gleichſam nur mit halbem Leben das Reſponſorium **) ſungen; ſo bließ ein Suͤd-
wind, alle andre Gegenwinde legten ſich, und der HErr gab uns guten Wind,
daß wir die Segel aufzogen und den Morgen darauf nach Gothland kamen.
Der Biſchof ſtelte ſich da auf einen Stein des Altars, brachte GOTT Dank und
ſprach: HErr, wir ſind in Feuer und Waſſer gekommen; aber du haſtPſ. 66,
12.
v. 10. 11.

uns ausgefuͤhret und erquicket. Denn GOtt, du haſt uns verſucht und ge-
laͤutert, wie das Silber gelaͤutert wird; du haſt uns laſſen in den Thurm
werfen; du haſt auf unſere Lenden eine Laſt geleget; du haſt Menſchen
laſſen uͤber unſer Haupt fahren. Du haſt uns errettet, o HErr! aus al-v. 12.
len Gefaͤhrlichkeiten und haſt uns gefuͤhret auf dieſen veſten Felſen.
Denn
er hatte ein groß Verlangen zum Felſen, der Chriſtus iſt, zu kommen, und es
koſtete ihm viele Seufzer, daß er nicht auf der See die hohe Meſſe leſen konte,
ob er gleich auch zwey Tage vor dem Sontag Meſſe hielte ***). GOtt erfuͤlte
endlich ſein Verlangen, und fuͤhrte ihn auf dieſer Reiſe nach Verona ****), wo
ihn eine kleine Schwachheit uͤberfiel, und er dem HErrn ſeinen Geiſt empfal. Sein
Leichnam ward beygeſetzt in das marmorſteinerne Grab eines ehmaligen Cardinals,
in einem Kloſter Auguſtinerordens, ſo oberhalb dem Fluſſe lage). Es ſahe

ein
*) Mein Manuſcript hat auch Stucuanta; Herr Hiaͤrne ſchreibt dieſe Errettung dem Steurmann zu; und
gibt alſo der Muthmaſſung des Herrn Hofraths Beyfal. [Dieſe Muthmaſſung, die dem Jnhalt
nach richtig iſt, moͤchte wol manchem zu ſehr vom geſchriebenen abzugehen ſcheinen; welches weniger
geſchiehet, wenn Iminauta, priminauta dafuͤr geleſen wird, da der Abſchreiber gar leicht ſich hat ir-
ren koͤnnen.]
**) Reſponſorium iſt der Kirchengeſang, wenn nach verleſenen Fruͤhlectionen der Prieſter gewiſſe Worte
vorſinget, und das Chor eben ſo antwortet. Wenn der Meßprieſter langſam ſung, und die Worte
nach der Muſik zog und ausdehnete; das Chor aber nichts antwortete, ſo hieß es tractus. Bey-
des muß von antiphona unterſchieden werden, wo der Prieſter und das Chor wechſelsweiſe ſungen.
***) [So iſt wol das unverſtaͤndliche Latein zu uͤberſetzen, lieet tamen alternis diebus infra dominicum,
officium communicaret.
]
****) Weil Herr Gruber hier Neronia, und gleich darauf Neronienſis liſt, da es doch Veronia und
Veronienſis heiſſen muß: ſo hat ihm ſolches Gelegenheit zu einer zwar vergeblichen, aber an ſich
doch gelehrten und beleſenen Anmerkung gegeben, welche wir unſern Leſern hier unter e) mitthei-
len wollen.
G g
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <p><pb facs="#f0149" n="117"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">von 1214 bis 1215.</hi></fw><lb/>
jeglicher fuhr &#x017F;einen Weg. Die Un&#x017F;rigen &#x017F;etzten hinter ihnen her mit Booten, und jag-<note place="right">1214</note><lb/>
ten ihnen ein gro&#x017F;&#x017F;es Raub&#x017F;chif ab, das &#x017F;ie mit &#x017F;ich nach <hi rendition="#fr">Gothland</hi> fu&#x0364;hrten. Al-<lb/>
&#x017F;o befreyete uns die heilige Jungfrau an die&#x017F;em Tage, wie &#x017F;ie allen <hi rendition="#fr">Liefla&#x0364;ndern</hi><lb/>
bisher aus allen ihren No&#x0364;then geholfen, bis auf den heutigen Tag.</p><lb/>
              <note place="end" n="c)"><hi rendition="#aq">Ventilogium,</hi> eine Flagge, i&#x017F;t zwar kein gut lateini&#x017F;ch Wort, aber doch net nachgemacht<lb/>
und nicht uneben getroffen. Denn wie wir <hi rendition="#aq">horologium</hi> (eine Uhr) eine Ma&#x017F;chine hei&#x017F;-<lb/>
&#x017F;en, welche die Stunden anzeiget, al&#x017F;o konte das Fa&#x0364;hnchen, das auf den Giebeln der<lb/>
Ha&#x0364;u&#x017F;er, auf den Spitzen der Thu&#x0364;rme und Ma&#x017F;tba&#x0364;ume &#x017F;ich nach jeder Vera&#x0364;nderung des<lb/>
Windes herumdrehet, und de&#x017F;&#x017F;en Strich zeiget, kaum ge&#x017F;chickter benennet werden.</note><lb/>
              <note place="end" n="d)"><hi rendition="#fr">Stucuanta</hi> i&#x017F;t ein Ungeheuer von einem Worte, de&#x017F;&#x017F;en Ur&#x017F;prung und Bedeutung mir<lb/>
nicht bekant i&#x017F;t. Doch deucht mir es ein Amtsname zu &#x017F;eyn, und entweder einen, der<lb/>
die Ma&#x017F;chinen zum Wurf richtet, oder be&#x017F;&#x017F;er einen Steuermann zu bedeuten, der am<lb/>
Ruder &#x017F;itzet. Ja, well der Verfertiger die&#x017F;er Chronik nicht allezeit <hi rendition="#fr">deut&#x017F;che</hi> Worte<lb/>
verachtet, wenn ihm die lateini&#x017F;chen nicht eingefallen, und er <hi rendition="#aq">de plancis et erkeriis</hi> (von<lb/>
Planken und Erkern) &#x017F;pricht: &#x017F;o wolte ich wol nicht eigen&#x017F;innig leugnen, daß hier<lb/><hi rendition="#aq">Stuurmann no&#x017F;ter</hi> (un&#x017F;er Steurmann) ge&#x017F;chrieben gewe&#x017F;en; welches Wort der Ab-<lb/>
&#x017F;chreiber, als ein ihm wider Vermuthen vorgekommenes, lieber hat mo&#x0364;gen verpfu&#x017F;chen,<lb/>
als beybehalten wollen <note place="foot" n="*)">Mein Manu&#x017F;cript hat auch Stucuanta; Herr <hi rendition="#fr">Hia&#x0364;rne</hi> &#x017F;chreibt die&#x017F;e Errettung dem Steurmann zu; und<lb/>
gibt al&#x017F;o der Muthma&#x017F;&#x017F;ung des Herrn Hofraths Beyfal. [Die&#x017F;e Muthma&#x017F;&#x017F;ung, die dem Jnhalt<lb/>
nach richtig i&#x017F;t, mo&#x0364;chte wol manchem zu &#x017F;ehr vom ge&#x017F;chriebenen abzugehen &#x017F;cheinen; welches weniger<lb/>
ge&#x017F;chiehet, wenn <hi rendition="#aq">Iminauta, priminauta</hi> dafu&#x0364;r gele&#x017F;en wird, da der Ab&#x017F;chreiber gar leicht &#x017F;ich hat ir-<lb/>
ren ko&#x0364;nnen.]</note>.</note>
            </div><lb/>
            <div n="4">
              <head>§. 6.</head><lb/>
              <p>Nachdem uns der Herr von den <hi rendition="#fr">Oe&#x017F;elern</hi> errettet, lagen wir eine Zeit von<lb/>
drey vo&#x0364;lligen Wochen im &#x017F;elben Hafen &#x017F;tille, und hatten ta&#x0364;gliches Unwetter, &#x017F;tar-<lb/>
ken Sturm und Gegenwind. Es ent&#x017F;tand auch ein gro&#x017F;&#x017F;er Hunger und Mangel<lb/>
an Proviant. Der Bi&#x017F;chof theilte alles aus in Liebe, was er hatte, und wir<lb/>
thaten ta&#x0364;gliche Gelu&#x0364;bde und beteten, daß uns der Herr von die&#x017F;em Orte mo&#x0364;chte<lb/>
weghelfen. Und es ge&#x017F;chahe am heiligen Abend vor <hi rendition="#fr">Marien Magdalenen,</hi> da<lb/>
wir gleich&#x017F;am nur mit halbem Leben das Re&#x017F;pon&#x017F;orium <note place="foot" n="**)"><hi rendition="#fr">Re&#x017F;pon&#x017F;orium</hi> i&#x017F;t der Kirchenge&#x017F;ang, wenn nach verle&#x017F;enen Fru&#x0364;hlectionen der Prie&#x017F;ter gewi&#x017F;&#x017F;e Worte<lb/>
vor&#x017F;inget, und das Chor eben &#x017F;o antwortet. Wenn der Meßprie&#x017F;ter lang&#x017F;am &#x017F;ung, und die Worte<lb/>
nach der Mu&#x017F;ik zog und ausdehnete; das Chor aber nichts antwortete, &#x017F;o hieß es <hi rendition="#aq">tractus.</hi> Bey-<lb/>
des muß von <hi rendition="#aq">antiphona</hi> unter&#x017F;chieden werden, wo der Prie&#x017F;ter und das Chor wech&#x017F;elswei&#x017F;e &#x017F;ungen.</note> &#x017F;ungen; &#x017F;o bließ ein Su&#x0364;d-<lb/>
wind, alle andre Gegenwinde legten &#x017F;ich, und der HErr gab uns guten Wind,<lb/>
daß wir die Segel aufzogen und den Morgen darauf nach <hi rendition="#fr">Gothland</hi> kamen.<lb/>
Der Bi&#x017F;chof &#x017F;telte &#x017F;ich da auf einen Stein des Altars, brachte GOTT Dank und<lb/>
&#x017F;prach: <hi rendition="#fr">HErr, wir &#x017F;ind in Feuer und Wa&#x017F;&#x017F;er gekommen; aber du ha&#x017F;t<note place="right">P&#x017F;. 66,<lb/>
12.<lb/>
v. 10. 11.</note><lb/>
uns ausgefu&#x0364;hret und erquicket. Denn GOtt, du ha&#x017F;t uns ver&#x017F;ucht und ge-<lb/>
la&#x0364;utert, wie das Silber gela&#x0364;utert wird; du ha&#x017F;t uns la&#x017F;&#x017F;en in den Thurm<lb/>
werfen; du ha&#x017F;t auf un&#x017F;ere Lenden eine La&#x017F;t geleget; du ha&#x017F;t Men&#x017F;chen<lb/>
la&#x017F;&#x017F;en u&#x0364;ber un&#x017F;er Haupt fahren. Du ha&#x017F;t uns errettet, o HErr! aus al-<note place="right">v. 12.</note><lb/>
len Gefa&#x0364;hrlichkeiten und ha&#x017F;t uns gefu&#x0364;hret auf die&#x017F;en ve&#x017F;ten Fel&#x017F;en.</hi> Denn<lb/>
er hatte ein groß Verlangen zum <hi rendition="#fr">Fel&#x017F;en,</hi> der <hi rendition="#fr">Chri&#x017F;tus</hi> i&#x017F;t, zu kommen, und es<lb/>
ko&#x017F;tete ihm viele Seufzer, daß er nicht auf der See die hohe Me&#x017F;&#x017F;e le&#x017F;en konte,<lb/>
ob er gleich auch zwey Tage vor dem Sontag Me&#x017F;&#x017F;e hielte <note place="foot" n="***)">[So i&#x017F;t wol das unver&#x017F;ta&#x0364;ndliche Latein zu u&#x0364;ber&#x017F;etzen, <hi rendition="#aq">lieet tamen alternis diebus infra dominicum,<lb/>
officium communicaret.</hi>]</note>. GOtt erfu&#x0364;lte<lb/>
endlich &#x017F;ein Verlangen, und fu&#x0364;hrte ihn auf die&#x017F;er Rei&#x017F;e nach <hi rendition="#fr">Verona</hi> <note place="foot" n="****)">Weil Herr <hi rendition="#fr">Gruber</hi> hier <hi rendition="#fr">Neronia,</hi> und gleich darauf <hi rendition="#fr">Neronien&#x017F;is</hi> li&#x017F;t, da es doch <hi rendition="#fr">Veronia</hi> und<lb/><hi rendition="#fr">Veronien&#x017F;is</hi> hei&#x017F;&#x017F;en muß: &#x017F;o hat ihm &#x017F;olches Gelegenheit zu einer zwar vergeblichen, aber an &#x017F;ich<lb/>
doch gelehrten und bele&#x017F;enen Anmerkung gegeben, welche wir un&#x017F;ern Le&#x017F;ern hier unter <hi rendition="#aq"><hi rendition="#i">e</hi></hi>) mitthei-<lb/>
len wollen.</note>, wo<lb/>
ihn eine kleine Schwachheit u&#x0364;berfiel, und er dem HErrn &#x017F;einen Gei&#x017F;t empfal. Sein<lb/>
Leichnam ward beyge&#x017F;etzt in das marmor&#x017F;teinerne Grab eines ehmaligen Cardinals,<lb/>
in einem Klo&#x017F;ter <hi rendition="#fr">Augu&#x017F;tiner</hi>ordens, &#x017F;o oberhalb dem Flu&#x017F;&#x017F;e lag<note place="end" n="e)"/>. Es &#x017F;ahe<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">G g</fw><fw place="bottom" type="catch">ein</fw><lb/></p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[117/0149] von 1214 bis 1215. jeglicher fuhr ſeinen Weg. Die Unſrigen ſetzten hinter ihnen her mit Booten, und jag- ten ihnen ein groſſes Raubſchif ab, das ſie mit ſich nach Gothland fuͤhrten. Al- ſo befreyete uns die heilige Jungfrau an dieſem Tage, wie ſie allen Lieflaͤndern bisher aus allen ihren Noͤthen geholfen, bis auf den heutigen Tag. 1214 c⁾ Ventilogium, eine Flagge, iſt zwar kein gut lateiniſch Wort, aber doch net nachgemacht und nicht uneben getroffen. Denn wie wir horologium (eine Uhr) eine Maſchine heiſ- ſen, welche die Stunden anzeiget, alſo konte das Faͤhnchen, das auf den Giebeln der Haͤuſer, auf den Spitzen der Thuͤrme und Maſtbaͤume ſich nach jeder Veraͤnderung des Windes herumdrehet, und deſſen Strich zeiget, kaum geſchickter benennet werden. d⁾ Stucuanta iſt ein Ungeheuer von einem Worte, deſſen Urſprung und Bedeutung mir nicht bekant iſt. Doch deucht mir es ein Amtsname zu ſeyn, und entweder einen, der die Maſchinen zum Wurf richtet, oder beſſer einen Steuermann zu bedeuten, der am Ruder ſitzet. Ja, well der Verfertiger dieſer Chronik nicht allezeit deutſche Worte verachtet, wenn ihm die lateiniſchen nicht eingefallen, und er de plancis et erkeriis (von Planken und Erkern) ſpricht: ſo wolte ich wol nicht eigenſinnig leugnen, daß hier Stuurmann noſter (unſer Steurmann) geſchrieben geweſen; welches Wort der Ab- ſchreiber, als ein ihm wider Vermuthen vorgekommenes, lieber hat moͤgen verpfuſchen, als beybehalten wollen *). §. 6. Nachdem uns der Herr von den Oeſelern errettet, lagen wir eine Zeit von drey voͤlligen Wochen im ſelben Hafen ſtille, und hatten taͤgliches Unwetter, ſtar- ken Sturm und Gegenwind. Es entſtand auch ein groſſer Hunger und Mangel an Proviant. Der Biſchof theilte alles aus in Liebe, was er hatte, und wir thaten taͤgliche Geluͤbde und beteten, daß uns der Herr von dieſem Orte moͤchte weghelfen. Und es geſchahe am heiligen Abend vor Marien Magdalenen, da wir gleichſam nur mit halbem Leben das Reſponſorium **) ſungen; ſo bließ ein Suͤd- wind, alle andre Gegenwinde legten ſich, und der HErr gab uns guten Wind, daß wir die Segel aufzogen und den Morgen darauf nach Gothland kamen. Der Biſchof ſtelte ſich da auf einen Stein des Altars, brachte GOTT Dank und ſprach: HErr, wir ſind in Feuer und Waſſer gekommen; aber du haſt uns ausgefuͤhret und erquicket. Denn GOtt, du haſt uns verſucht und ge- laͤutert, wie das Silber gelaͤutert wird; du haſt uns laſſen in den Thurm werfen; du haſt auf unſere Lenden eine Laſt geleget; du haſt Menſchen laſſen uͤber unſer Haupt fahren. Du haſt uns errettet, o HErr! aus al- len Gefaͤhrlichkeiten und haſt uns gefuͤhret auf dieſen veſten Felſen. Denn er hatte ein groß Verlangen zum Felſen, der Chriſtus iſt, zu kommen, und es koſtete ihm viele Seufzer, daß er nicht auf der See die hohe Meſſe leſen konte, ob er gleich auch zwey Tage vor dem Sontag Meſſe hielte ***). GOtt erfuͤlte endlich ſein Verlangen, und fuͤhrte ihn auf dieſer Reiſe nach Verona ****), wo ihn eine kleine Schwachheit uͤberfiel, und er dem HErrn ſeinen Geiſt empfal. Sein Leichnam ward beygeſetzt in das marmorſteinerne Grab eines ehmaligen Cardinals, in einem Kloſter Auguſtinerordens, ſo oberhalb dem Fluſſe lag e⁾ . Es ſahe ein *) Mein Manuſcript hat auch Stucuanta; Herr Hiaͤrne ſchreibt dieſe Errettung dem Steurmann zu; und gibt alſo der Muthmaſſung des Herrn Hofraths Beyfal. [Dieſe Muthmaſſung, die dem Jnhalt nach richtig iſt, moͤchte wol manchem zu ſehr vom geſchriebenen abzugehen ſcheinen; welches weniger geſchiehet, wenn Iminauta, priminauta dafuͤr geleſen wird, da der Abſchreiber gar leicht ſich hat ir- ren koͤnnen.] **) Reſponſorium iſt der Kirchengeſang, wenn nach verleſenen Fruͤhlectionen der Prieſter gewiſſe Worte vorſinget, und das Chor eben ſo antwortet. Wenn der Meßprieſter langſam ſung, und die Worte nach der Muſik zog und ausdehnete; das Chor aber nichts antwortete, ſo hieß es tractus. Bey- des muß von antiphona unterſchieden werden, wo der Prieſter und das Chor wechſelsweiſe ſungen. ***) [So iſt wol das unverſtaͤndliche Latein zu uͤberſetzen, lieet tamen alternis diebus infra dominicum, officium communicaret.] ****) Weil Herr Gruber hier Neronia, und gleich darauf Neronienſis liſt, da es doch Veronia und Veronienſis heiſſen muß: ſo hat ihm ſolches Gelegenheit zu einer zwar vergeblichen, aber an ſich doch gelehrten und beleſenen Anmerkung gegeben, welche wir unſern Leſern hier unter e) mitthei- len wollen. G g

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/lettus_chronik01_1747
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/lettus_chronik01_1747/149
Zitationshilfe: [Lettus, Henricus]: Der Liefländischen Chronik Erster Theil. Halle, 1747, S. 117. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lettus_chronik01_1747/149>, abgerufen am 09.08.2020.