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[Lettus, Henricus]: Der Liefländischen Chronik Erster Theil. Halle, 1747.

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Geschichte des dritten Bischof Alberts, acht und zwanzigstes Jahr,
1225pfeilen der grossen Schleudern, daher zogen sie sich in die Häuser ihres Schlosses;
sie liessen aber die Nacht dem Bischof und den übrigen Aeltesten bey der Armee Wor-
te voller Betrug heraus melden, des Jnhalts: sie wolten den Glauben an JE-
sum Christum
annehmen, und mit den Christen Friede machen; doch nur,
damit sie, wenn die Armee weiter fortmarschirte, denen, die hinten nachzögen, Scha-
den und eine gute Schlappe anhängen könten. Es wolte auch schon der Bischof
mit den übrigen Aeltesten den Vergleich eingehen und Friede ertheilen; aber jener
Falschheit und Bosheit stund ihm im Wege, und weil, was wider GOttes Ehre
läuft, keine rechtmäßige Entschliessungen sind. Denn sie wolten ihre gottlosen
Streiche nicht fahren lassen, sondern dursteten noch immer nach Christenblut,
und hatten nur Lust, die übrigen Bubenstücke und Greuel auszuüben: daher wa-
ren diese liederlichen Gemüther der heiligen Taufgabe nicht werth; denn sie setzten
ihre Hofnung auf die Stärke ihres Schlosses und wolten keinen Frieden, führten
allerley schändliche Reden, und verdienten also lieber todtgeschlagen als getauft zu
werden. Vielleicht weil sie keinen Frieden wolten, so flohe der Friede von ihnen,
und die Rache kam allein über sie. Demnach gingen die Deutschen erst auf den
Wal los, und hoften das Schloß zu ersteigen; sie wurden aber von den Oeselern
mit Stein- und Lanzenwerfen abgetrieben, und sahen sich daher gezwungen, sowol
mit List als Gewalt zu fechten. Also baueten sie Maschinen, und warfen mit ih-
ren Patherellen gegen jener ihre Patherellen Steine ins Schloß, und zimmerten
ein Sturmschwein, womit sie das Schloß untergruben, bis sie mitten an Wal ka-
men. Hier brachten sie das Schwein wieder weg, und setzten an dessen Stelle ei-
nen starken hölzernen Thurm hin, auf welchen die, so am besten gerüstet waren,
und die Steinschleuderer aufstiegen, und auf die Oeseler oben auf der Vestung
ihre Pfeile, Spiesse und Lanzen abschossen. Von aussen warf man auch Steine
und Wurfspiesse auf sie los. Nachdem nun der sechste Tag anbrach, der erste nem-
lich nach Mariä Reinigung, damit dieser Reinigungstag nicht selbst durch das
Blut der Erschlagenen unrein würde; so ward mit frühem Morgen das Gefechte
immer hitziger, daß sie auch schon mit einem krummen Eisen, oder einem eisernen
Sturmhaken die Vestung auseinander rissen: sie zogen einen grossen Balken nach
dem andern einzeln heraus, durch welche die Vestung zusammen hielt, daß also ein
Theil der Schanze schon der Erde gleich kam. Die Christliche Armee ward
hierüber froh; sie machte ein Freudengeschrey; sie bat GOtt. Es schrien
aber auch jene, und waren trotzig auf ihren Tharabitha c). Diese riefen ein
Stück Holz; jene JEsum an, in dessen Namen und Lobgesang sie beherzt auf-
kletterten, die Spitze des Wals erstiegen, aber von jenen auch sehr muthig zurück-
geschlagen wurden. Der zuerst aufstieg, ward unter vielen Lanzenwerfen und
Steinquetschen fast zerdrücket; den aber freylich GOtt allein unter so vielen er-
bosten Feinden unbeschädiget erhielt. Denn er stieg noch einmal auf, ward aber
wieder von dem Schwarm der Feinde zurück getrieben, und wiewol er noch ein und
das andere mal aufkletterte, so ward er doch so ofte von den Feinden herunter ge-
schmissen, als er die Höhe zu ersteigen sich bearbeitete; bis endlich dieser Deutsche
mit seinem langen Schwerdte sich durch die feindlichen Spiesse durchhieb, vermuth-
lich, weil ihm der Engel GOttes hinauf geholfen, und er die Spitze der Vestung
erreichte, die über den Köpfen der Feinde war. Damit ihn aber die Lanzen der
Feinde nicht beschädigten, so stelte er seinen Schild unten an die Füsse, stand auf
dem Schilde *), schlug sich mit den Feinden allein herum, bis ihm GOtt den an-
dern und dritten Kamerad zuschickte. Der dritte aber ward, leider! weggestos-
sen, und stürzte von oben herunter. Nichts desto weniger wehrten sich diese zwey

gegen
*) Es ist ziemlich unbegreiflich, wie er auf diese Art vor den Lanzen sey sicher gewesen, ne lanceis hostium
laederetur, desubtus clypeum locauit sub pedibus, stansque super clypeum, solus pugnauit &c.

Jst doch so zu verstehen, daß er in dem Gebäude ganz zu oberst, unter ihm aber die Feinde gewesen; daß
sie ihn nun nicht von unten hinauf mit ihren Lanzen treffen könten, hat er sein Schild gleichsam zur
Bodendecke gebraucht und sich mit dem Degen übrigens gewehret.

Geſchichte des dritten Biſchof Alberts, acht und zwanzigſtes Jahr,
1225pfeilen der groſſen Schleudern, daher zogen ſie ſich in die Haͤuſer ihres Schloſſes;
ſie lieſſen aber die Nacht dem Biſchof und den uͤbrigen Aelteſten bey der Armee Wor-
te voller Betrug heraus melden, des Jnhalts: ſie wolten den Glauben an JE-
ſum Chriſtum
annehmen, und mit den Chriſten Friede machen; doch nur,
damit ſie, wenn die Armee weiter fortmarſchirte, denen, die hinten nachzoͤgen, Scha-
den und eine gute Schlappe anhaͤngen koͤnten. Es wolte auch ſchon der Biſchof
mit den uͤbrigen Aelteſten den Vergleich eingehen und Friede ertheilen; aber jener
Falſchheit und Bosheit ſtund ihm im Wege, und weil, was wider GOttes Ehre
laͤuft, keine rechtmaͤßige Entſchlieſſungen ſind. Denn ſie wolten ihre gottloſen
Streiche nicht fahren laſſen, ſondern durſteten noch immer nach Chriſtenblut,
und hatten nur Luſt, die uͤbrigen Bubenſtuͤcke und Greuel auszuuͤben: daher wa-
ren dieſe liederlichen Gemuͤther der heiligen Taufgabe nicht werth; denn ſie ſetzten
ihre Hofnung auf die Staͤrke ihres Schloſſes und wolten keinen Frieden, fuͤhrten
allerley ſchaͤndliche Reden, und verdienten alſo lieber todtgeſchlagen als getauft zu
werden. Vielleicht weil ſie keinen Frieden wolten, ſo flohe der Friede von ihnen,
und die Rache kam allein uͤber ſie. Demnach gingen die Deutſchen erſt auf den
Wal los, und hoften das Schloß zu erſteigen; ſie wurden aber von den Oeſelern
mit Stein- und Lanzenwerfen abgetrieben, und ſahen ſich daher gezwungen, ſowol
mit Liſt als Gewalt zu fechten. Alſo baueten ſie Maſchinen, und warfen mit ih-
ren Patherellen gegen jener ihre Patherellen Steine ins Schloß, und zimmerten
ein Sturmſchwein, womit ſie das Schloß untergruben, bis ſie mitten an Wal ka-
men. Hier brachten ſie das Schwein wieder weg, und ſetzten an deſſen Stelle ei-
nen ſtarken hoͤlzernen Thurm hin, auf welchen die, ſo am beſten geruͤſtet waren,
und die Steinſchleuderer aufſtiegen, und auf die Oeſeler oben auf der Veſtung
ihre Pfeile, Spieſſe und Lanzen abſchoſſen. Von auſſen warf man auch Steine
und Wurfſpieſſe auf ſie los. Nachdem nun der ſechſte Tag anbrach, der erſte nem-
lich nach Mariaͤ Reinigung, damit dieſer Reinigungstag nicht ſelbſt durch das
Blut der Erſchlagenen unrein wuͤrde; ſo ward mit fruͤhem Morgen das Gefechte
immer hitziger, daß ſie auch ſchon mit einem krummen Eiſen, oder einem eiſernen
Sturmhaken die Veſtung auseinander riſſen: ſie zogen einen groſſen Balken nach
dem andern einzeln heraus, durch welche die Veſtung zuſammen hielt, daß alſo ein
Theil der Schanze ſchon der Erde gleich kam. Die Chriſtliche Armee ward
hieruͤber froh; ſie machte ein Freudengeſchrey; ſie bat GOtt. Es ſchrien
aber auch jene, und waren trotzig auf ihren Tharabitha c). Dieſe riefen ein
Stuͤck Holz; jene JEſum an, in deſſen Namen und Lobgeſang ſie beherzt auf-
kletterten, die Spitze des Wals erſtiegen, aber von jenen auch ſehr muthig zuruͤck-
geſchlagen wurden. Der zuerſt aufſtieg, ward unter vielen Lanzenwerfen und
Steinquetſchen faſt zerdruͤcket; den aber freylich GOtt allein unter ſo vielen er-
bosten Feinden unbeſchaͤdiget erhielt. Denn er ſtieg noch einmal auf, ward aber
wieder von dem Schwarm der Feinde zuruͤck getrieben, und wiewol er noch ein und
das andere mal aufkletterte, ſo ward er doch ſo ofte von den Feinden herunter ge-
ſchmiſſen, als er die Hoͤhe zu erſteigen ſich bearbeitete; bis endlich dieſer Deutſche
mit ſeinem langen Schwerdte ſich durch die feindlichen Spieſſe durchhieb, vermuth-
lich, weil ihm der Engel GOttes hinauf geholfen, und er die Spitze der Veſtung
erreichte, die uͤber den Koͤpfen der Feinde war. Damit ihn aber die Lanzen der
Feinde nicht beſchaͤdigten, ſo ſtelte er ſeinen Schild unten an die Fuͤſſe, ſtand auf
dem Schilde *), ſchlug ſich mit den Feinden allein herum, bis ihm GOtt den an-
dern und dritten Kamerad zuſchickte. Der dritte aber ward, leider! weggeſtoſ-
ſen, und ſtuͤrzte von oben herunter. Nichts deſto weniger wehrten ſich dieſe zwey

gegen
*) Es iſt ziemlich unbegreiflich, wie er auf dieſe Art vor den Lanzen ſey ſicher geweſen, ne lanceis hoſtium
læderetur, deſubtus clypeum locauit ſub pedibus, ſtansque ſuper clypeum, ſolus pugnauit &c.

Jſt doch ſo zu verſtehen, daß er in dem Gebaͤude ganz zu oberſt, unter ihm aber die Feinde geweſen; daß
ſie ihn nun nicht von unten hinauf mit ihren Lanzen treffen koͤnten, hat er ſein Schild gleichſam zur
Bodendecke gebraucht und ſich mit dem Degen uͤbrigens gewehret.
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[212/0244] Geſchichte des dritten Biſchof Alberts, acht und zwanzigſtes Jahr, pfeilen der groſſen Schleudern, daher zogen ſie ſich in die Haͤuſer ihres Schloſſes; ſie lieſſen aber die Nacht dem Biſchof und den uͤbrigen Aelteſten bey der Armee Wor- te voller Betrug heraus melden, des Jnhalts: ſie wolten den Glauben an JE- ſum Chriſtum annehmen, und mit den Chriſten Friede machen; doch nur, damit ſie, wenn die Armee weiter fortmarſchirte, denen, die hinten nachzoͤgen, Scha- den und eine gute Schlappe anhaͤngen koͤnten. Es wolte auch ſchon der Biſchof mit den uͤbrigen Aelteſten den Vergleich eingehen und Friede ertheilen; aber jener Falſchheit und Bosheit ſtund ihm im Wege, und weil, was wider GOttes Ehre laͤuft, keine rechtmaͤßige Entſchlieſſungen ſind. Denn ſie wolten ihre gottloſen Streiche nicht fahren laſſen, ſondern durſteten noch immer nach Chriſtenblut, und hatten nur Luſt, die uͤbrigen Bubenſtuͤcke und Greuel auszuuͤben: daher wa- ren dieſe liederlichen Gemuͤther der heiligen Taufgabe nicht werth; denn ſie ſetzten ihre Hofnung auf die Staͤrke ihres Schloſſes und wolten keinen Frieden, fuͤhrten allerley ſchaͤndliche Reden, und verdienten alſo lieber todtgeſchlagen als getauft zu werden. Vielleicht weil ſie keinen Frieden wolten, ſo flohe der Friede von ihnen, und die Rache kam allein uͤber ſie. Demnach gingen die Deutſchen erſt auf den Wal los, und hoften das Schloß zu erſteigen; ſie wurden aber von den Oeſelern mit Stein- und Lanzenwerfen abgetrieben, und ſahen ſich daher gezwungen, ſowol mit Liſt als Gewalt zu fechten. Alſo baueten ſie Maſchinen, und warfen mit ih- ren Patherellen gegen jener ihre Patherellen Steine ins Schloß, und zimmerten ein Sturmſchwein, womit ſie das Schloß untergruben, bis ſie mitten an Wal ka- men. Hier brachten ſie das Schwein wieder weg, und ſetzten an deſſen Stelle ei- nen ſtarken hoͤlzernen Thurm hin, auf welchen die, ſo am beſten geruͤſtet waren, und die Steinſchleuderer aufſtiegen, und auf die Oeſeler oben auf der Veſtung ihre Pfeile, Spieſſe und Lanzen abſchoſſen. Von auſſen warf man auch Steine und Wurfſpieſſe auf ſie los. Nachdem nun der ſechſte Tag anbrach, der erſte nem- lich nach Mariaͤ Reinigung, damit dieſer Reinigungstag nicht ſelbſt durch das Blut der Erſchlagenen unrein wuͤrde; ſo ward mit fruͤhem Morgen das Gefechte immer hitziger, daß ſie auch ſchon mit einem krummen Eiſen, oder einem eiſernen Sturmhaken die Veſtung auseinander riſſen: ſie zogen einen groſſen Balken nach dem andern einzeln heraus, durch welche die Veſtung zuſammen hielt, daß alſo ein Theil der Schanze ſchon der Erde gleich kam. Die Chriſtliche Armee ward hieruͤber froh; ſie machte ein Freudengeſchrey; ſie bat GOtt. Es ſchrien aber auch jene, und waren trotzig auf ihren Tharabitha c⁾ . Dieſe riefen ein Stuͤck Holz; jene JEſum an, in deſſen Namen und Lobgeſang ſie beherzt auf- kletterten, die Spitze des Wals erſtiegen, aber von jenen auch ſehr muthig zuruͤck- geſchlagen wurden. Der zuerſt aufſtieg, ward unter vielen Lanzenwerfen und Steinquetſchen faſt zerdruͤcket; den aber freylich GOtt allein unter ſo vielen er- bosten Feinden unbeſchaͤdiget erhielt. Denn er ſtieg noch einmal auf, ward aber wieder von dem Schwarm der Feinde zuruͤck getrieben, und wiewol er noch ein und das andere mal aufkletterte, ſo ward er doch ſo ofte von den Feinden herunter ge- ſchmiſſen, als er die Hoͤhe zu erſteigen ſich bearbeitete; bis endlich dieſer Deutſche mit ſeinem langen Schwerdte ſich durch die feindlichen Spieſſe durchhieb, vermuth- lich, weil ihm der Engel GOttes hinauf geholfen, und er die Spitze der Veſtung erreichte, die uͤber den Koͤpfen der Feinde war. Damit ihn aber die Lanzen der Feinde nicht beſchaͤdigten, ſo ſtelte er ſeinen Schild unten an die Fuͤſſe, ſtand auf dem Schilde *), ſchlug ſich mit den Feinden allein herum, bis ihm GOtt den an- dern und dritten Kamerad zuſchickte. Der dritte aber ward, leider! weggeſtoſ- ſen, und ſtuͤrzte von oben herunter. Nichts deſto weniger wehrten ſich dieſe zwey gegen 1225 *) Es iſt ziemlich unbegreiflich, wie er auf dieſe Art vor den Lanzen ſey ſicher geweſen, ne lanceis hoſtium læderetur, deſubtus clypeum locauit ſub pedibus, ſtansque ſuper clypeum, ſolus pugnauit &c. Jſt doch ſo zu verſtehen, daß er in dem Gebaͤude ganz zu oberſt, unter ihm aber die Feinde geweſen; daß ſie ihn nun nicht von unten hinauf mit ihren Lanzen treffen koͤnten, hat er ſein Schild gleichſam zur Bodendecke gebraucht und ſich mit dem Degen uͤbrigens gewehret.

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Zitationshilfe: [Lettus, Henricus]: Der Liefländischen Chronik Erster Theil. Halle, 1747, S. 212. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lettus_chronik01_1747/244>, abgerufen am 24.09.2020.