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Liebig, Justus von: Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Physiologie und Pathologie. Braunschweig, 1842.

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Der chemische Proceß der
Lebens ist das Weib des Menschen, mit der Ausbildung al-
ler seiner Organe, zu jeder Zeit der Fortpflanzung fähig,
die Empfängniß ist an keine Periode gebunden, und eine wun-
derbare Weisheit hat in seinen Körper die Fähigkeit gelegt,
bis zu einem bestimmten Lebensalter alle Bestandtheile seiner
Organe in größerer Menge zu erzeugen, als sie zur Repro-
duktion der umgesetzten Gebilde erforderlich sind. Dieses
Erzeugniß enthält nachweisbar alle Elemente eines ihm glei-
chen Wesens, es vermehrt sich in jedem Lebensmomente und
wird, bis es Verwendung findet, periodenweise aus dem
Körper abgeschieden. Mit der Befruchtung des Ei's hört
diese Abscheidung auf, jeder Tropfen des mehrerzeugten Blu-
tes formt sich zu einem der Mutter ähnlichen Organismus.

Durch Bewegung und Anstrengung wird die Menge des
abgeschiedenen Blutes geringer, und bei krankhafter Unter-
drückung der Menstruation zeigt sich das vegetative Leben in
einer gesteigerten Fettbildung. Wird das Gleichgewicht des
vegetativen und Nervenlebens bei dem Manne gestört, wird
die Intensität des letztern, wie bei den Castraten, verringert,
so zeigt sich das Uebergewicht des erstern in einer gleichen
Form, in einer Steigerung der Fettbildung.

VIII.

Wenn wir festhalten, daß die Zunahme an Masse in
dem thierischen Körper, daß die Ausbildung seiner Organe
und ihrer Reproduktion aus dem Blute, d. h. aus den Be-

Der chemiſche Proceß der
Lebens iſt das Weib des Menſchen, mit der Ausbildung al-
ler ſeiner Organe, zu jeder Zeit der Fortpflanzung fähig,
die Empfängniß iſt an keine Periode gebunden, und eine wun-
derbare Weisheit hat in ſeinen Körper die Fähigkeit gelegt,
bis zu einem beſtimmten Lebensalter alle Beſtandtheile ſeiner
Organe in größerer Menge zu erzeugen, als ſie zur Repro-
duktion der umgeſetzten Gebilde erforderlich ſind. Dieſes
Erzeugniß enthält nachweisbar alle Elemente eines ihm glei-
chen Weſens, es vermehrt ſich in jedem Lebensmomente und
wird, bis es Verwendung findet, periodenweiſe aus dem
Körper abgeſchieden. Mit der Befruchtung des Ei’s hört
dieſe Abſcheidung auf, jeder Tropfen des mehrerzeugten Blu-
tes formt ſich zu einem der Mutter ähnlichen Organismus.

Durch Bewegung und Anſtrengung wird die Menge des
abgeſchiedenen Blutes geringer, und bei krankhafter Unter-
drückung der Menſtruation zeigt ſich das vegetative Leben in
einer geſteigerten Fettbildung. Wird das Gleichgewicht des
vegetativen und Nervenlebens bei dem Manne geſtört, wird
die Intenſität des letztern, wie bei den Caſtraten, verringert,
ſo zeigt ſich das Uebergewicht des erſtern in einer gleichen
Form, in einer Steigerung der Fettbildung.

VIII.

Wenn wir feſthalten, daß die Zunahme an Maſſe in
dem thieriſchen Körper, daß die Ausbildung ſeiner Organe
und ihrer Reproduktion aus dem Blute, d. h. aus den Be-

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[40/0064] Der chemiſche Proceß der Lebens iſt das Weib des Menſchen, mit der Ausbildung al- ler ſeiner Organe, zu jeder Zeit der Fortpflanzung fähig, die Empfängniß iſt an keine Periode gebunden, und eine wun- derbare Weisheit hat in ſeinen Körper die Fähigkeit gelegt, bis zu einem beſtimmten Lebensalter alle Beſtandtheile ſeiner Organe in größerer Menge zu erzeugen, als ſie zur Repro- duktion der umgeſetzten Gebilde erforderlich ſind. Dieſes Erzeugniß enthält nachweisbar alle Elemente eines ihm glei- chen Weſens, es vermehrt ſich in jedem Lebensmomente und wird, bis es Verwendung findet, periodenweiſe aus dem Körper abgeſchieden. Mit der Befruchtung des Ei’s hört dieſe Abſcheidung auf, jeder Tropfen des mehrerzeugten Blu- tes formt ſich zu einem der Mutter ähnlichen Organismus. Durch Bewegung und Anſtrengung wird die Menge des abgeſchiedenen Blutes geringer, und bei krankhafter Unter- drückung der Menſtruation zeigt ſich das vegetative Leben in einer geſteigerten Fettbildung. Wird das Gleichgewicht des vegetativen und Nervenlebens bei dem Manne geſtört, wird die Intenſität des letztern, wie bei den Caſtraten, verringert, ſo zeigt ſich das Uebergewicht des erſtern in einer gleichen Form, in einer Steigerung der Fettbildung. VIII. Wenn wir feſthalten, daß die Zunahme an Maſſe in dem thieriſchen Körper, daß die Ausbildung ſeiner Organe und ihrer Reproduktion aus dem Blute, d. h. aus den Be-

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Zitationshilfe: Liebig, Justus von: Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Physiologie und Pathologie. Braunschweig, 1842, S. 40. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/liebig_physiologie_1842/64>, abgerufen am 23.03.2019.