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Lohenstein, Daniel Casper von: Anmerckungen über Herrn Daniel Caspers von Lohenstein Arminius. [Bd. 3]. Leipzig, 1690.

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Allgemeine
[Spaltenumbruch]
Das VI. Capitel/
Vom Bebrauch und Miß-
brauch des Arminius.

JCh begehre nicht/ denen Romanen ins-
gemein das Wort zu reden/ von denen
manche mit so ärgerlichen oder doch
gantz unnützen Geschwätze angefüllet
sind/ daß Christlich-gesinnete und tugendhaffte
Leute davor billig Abscheu tragen/ und den Ver-
fasser und Leser höchlich betauren/ die umb einer
Handvoll vergänglicher Belustigung eine so
schwere Verantwortung von dem gerechten
GOtt auf sich laden. Doch giebt es auch sol-
che/ die dem Leser eine Lust/ aber ohne Sünde/ ja
nicht ohne mercklichen Nutzen und Beyhülffe
zur Erkennung der Sitten derer Menschen im
gemeinen Leben/ auch zu Schärffung des Ver-
standes in allerley sinnreichen Erfindungen/ zu-
wege bringen; welche man dahero/ ohne Hind-
ansetzung seiner ordentlichen Verrichtungen/
unter dem Absehen/ das Gemüth durch solchen
unschuldigen/ doch vergnüglichen Zeitvertreib
zu ergetzen und zu instehender ernsthaffterer Ar-
beit desto williger zu machen/ mit ja so guten
Gewissen gebrauchen darf/ als wie etwa z. e.
Jagen/ Music und allerhand Spiele lieben/
weltliche warhaffte Historien lesen/ Verse ma-
chen/ von allen vergönnet wird/ die von Gewis-
sens-Fällen geschrieben haben. Denn alle sol-
che Dinge sind zwar nicht eben schlechter dings
nöthig/ jedoch auch keines Weges schlechter Din-
ge verboten. Daher nicht nur ein Haupt der
[Spaltenumbruch] Druiden
(a) von des Eurialus und Lucretia
Liebes-Händeln ein eigen Buch geschrieben/
sondern auch (welches höher zu verwundern)
ein wohlbekanter Cheruskischer Barde (b)
sich nicht gescheuet/ die Helden-Geschichten des
deutschen Herkules und Herkuliscus zu verfer-
tigen/ welches ihn auch nicht gereuet hat/
nachdem andere seine Glaubens-Genossen je-
nen mit Unverstand eifernden Bischöffen/ die
den Bischof zu Triccä in Thessalien Heliodo-
rus/
weil er seine in der Jugend geschriebene
Liebes-Geschichte nicht verbrennen wollen/ sei-
nes Bisthums entsetzet (c) haben/ nachzueifern
und zu folgen für unnöthig erachtet/ vielmehr
(d) den Verfasser des Herkules dermassen ge-
rühmet haben/ daß er von allen seinen ernsthaff-
ten geistlichen und weltlichen Schrifften nicht
mehrern Ruhm erwarten dürffen.

Allein nichts ist so gut/ das nicht mißbraucht
werden könte; und also steht vielleicht bey dem
unvergleichlichen Werck des Herrn von Lohen-
stein auch zweyerley zu besorgen.

Vor eins möchte ein und anderer die er-
dichteten Umbstände
von denen warhaff-
ten/ in denen unter die Gedichte eingemischten
Geschichten nicht unterscheiden können. Und
erinnere ich mich hierbey/ daß der kluge Herr
Petrus Bayle in seinen Nouvelles de la Repub-
liqve des lettres
sehr übel auf die jenigen zu
sprechen gewesen/ die warhaffte Geschichte zum
Jnhalt ihrer Gedichte erwehleten/ weil hier-
durch mit der Zeit verursachet werden dürffte/
daß man in Historien/ weder was wahr/ noch

was
(a) Pabst Pius der andere; Besiehe des Bischoffs zu Soissons,
Petr. Daniel Huet Buch de origine fabularum Roma-
nensium p.
118.
(b) Andreas Henrich Buchholtz/ ehemahls Professor zu Rinteln/
nachmahls Superintendent zu Braunschweig. Besiehe
Memorias Theologorum Henningi a Witten, dec. XIII.
p.
1712. 1714.
(c) [Spaltenumbruch] Daß der Bischoff Heliodorus eine Aethiopische Liebes-Ge-
schichte geschrieben/ ist aus des Socrates Kirchen-Historien
lib. V. c. 22. gewiß genug. Und daß er deßwegen abgesetzt/
[Spaltenumbruch] worden/ sagt Nicephorus aus; welchem aber Valesius in
seinen Anmerckungen über den Socrates keinen Glauben bey-
messen will. Gewiß ists/ daß der grosse Patriarch Photius,
diese Liebes-Geschicht zu lesen in seinem Myriobiblo Cod.
72. einen langen extract daraus zu machen/ auch es sonderbar
zu rühmen/ sich kein Gewissen genommen. Dahingegen er den
leichtfertigen Romun des Achilles Tatius zwar gelesen/ aber
demselben gar ein schlecht Lob ertheilet hat.
(d) Sonderlich hat Johann Rist in der Vorrede über einen Theil
seiner Lieder solches überaus weitläufftig gethan.
Allgemeine
[Spaltenumbruch]
Das VI. Capitel/
Vom Bebrauch und Miß-
brauch des Arminius.

JCh begehre nicht/ denen Romanen ins-
gemein das Wort zu reden/ von denen
manche mit ſo aͤrgerlichen oder doch
gantz unnuͤtzen Geſchwaͤtze angefuͤllet
ſind/ daß Chriſtlich-geſinnete und tugendhaffte
Leute davor billig Abſcheu tragen/ und den Ver-
faſſer und Leſer hoͤchlich betauren/ die umb einer
Handvoll vergaͤnglicher Beluſtigung eine ſo
ſchwere Verantwortung von dem gerechten
GOtt auf ſich laden. Doch giebt es auch ſol-
che/ die dem Leſer eine Luſt/ aber ohne Suͤnde/ ja
nicht ohne mercklichen Nutzen und Beyhuͤlffe
zur Erkennung der Sitten derer Menſchen im
gemeinen Leben/ auch zu Schaͤrffung des Ver-
ſtandes in allerley ſinnreichen Erfindungen/ zu-
wege bringen; welche man dahero/ ohne Hind-
anſetzung ſeiner ordentlichen Verrichtungen/
unter dem Abſehen/ das Gemuͤth durch ſolchen
unſchuldigen/ doch vergnuͤglichen Zeitvertreib
zu ergetzen und zu inſtehender ernſthaffterer Ar-
beit deſto williger zu machen/ mit ja ſo guten
Gewiſſen gebrauchen darf/ als wie etwa z. e.
Jagen/ Muſic und allerhand Spiele lieben/
weltliche warhaffte Hiſtorien leſen/ Verſe ma-
chen/ von allen vergoͤnnet wird/ die von Gewiſ-
ſens-Faͤllen geſchrieben haben. Denn alle ſol-
che Dinge ſind zwar nicht eben ſchlechter dings
noͤthig/ jedoch auch keines Weges ſchlechter Din-
ge verboten. Daher nicht nur ein Haupt der
[Spaltenumbruch] Druiden
(a) von des Eurialus und Lucretia
Liebes-Haͤndeln ein eigen Buch geſchrieben/
ſondern auch (welches hoͤher zu verwundern)
ein wohlbekanter Cheruskiſcher Barde (b)
ſich nicht geſcheuet/ die Helden-Geſchichten des
deutſchen Herkules und Herkuliſcus zu verfer-
tigen/ welches ihn auch nicht gereuet hat/
nachdem andere ſeine Glaubens-Genoſſen je-
nen mit Unverſtand eifernden Biſchoͤffen/ die
den Biſchof zu Triccaͤ in Theſſalien Heliodo-
rus/
weil er ſeine in der Jugend geſchriebene
Liebes-Geſchichte nicht verbrennen wollen/ ſei-
nes Biſthums entſetzet (c) haben/ nachzueifern
und zu folgen fuͤr unnoͤthig erachtet/ vielmehr
(d) den Verfaſſer des Herkules dermaſſen ge-
ruͤhmet haben/ daß er von allen ſeinen ernſthaff-
ten geiſtlichen und weltlichen Schrifften nicht
mehrern Ruhm erwarten duͤrffen.

Allein nichts iſt ſo gut/ das nicht mißbraucht
werden koͤnte; und alſo ſteht vielleicht bey dem
unvergleichlichen Werck des Herrn von Lohen-
ſtein auch zweyerley zu beſorgen.

Vor eins moͤchte ein und anderer die er-
dichteten Umbſtaͤnde
von denen warhaff-
ten/ in denen unter die Gedichte eingemiſchten
Geſchichten nicht unterſcheiden koͤnnen. Und
erinnere ich mich hierbey/ daß der kluge Herr
Petrus Bayle in ſeinen Nouvelles de la Repub-
liqve des lettres
ſehr uͤbel auf die jenigen zu
ſprechen geweſen/ die warhaffte Geſchichte zum
Jnhalt ihrer Gedichte erwehleten/ weil hier-
durch mit der Zeit verurſachet werden duͤrffte/
daß man in Hiſtorien/ weder was wahr/ noch

was
(a) Pabſt Pius der andere; Beſiehe des Biſchoffs zu Soiſſons,
Petr. Daniel Huët Buch de origine fabularum Roma-
nenſium p.
118.
(b) Andreas Henrich Buchholtz/ ehemahls Profeſſor zu Rinteln/
nachmahls Superintendent zu Braunſchweig. Beſiehe
Memorias Theologorum Henningi à Witten, dec. XIII.
p.
1712. 1714.
(c) [Spaltenumbruch] Daß der Biſchoff Heliodorus eine Aethiopiſche Liebes-Ge-
ſchichte geſchrieben/ iſt aus des Socrates Kirchen-Hiſtorien
lib. V. c. 22. gewiß genug. Und daß er deßwegen abgeſetzt/
[Spaltenumbruch] worden/ ſagt Nicephorus aus; welchem aber Valeſius in
ſeinen Anmerckungen uͤber den Socrates keinen Glauben bey-
meſſen will. Gewiß iſts/ daß der groſſe Patriarch Photius,
dieſe Liebes-Geſchicht zu leſen in ſeinem Myriobiblo Cod.
72. einen langen extract daraus zu machen/ auch es ſonderbar
zu ruͤhmen/ ſich kein Gewiſſen genommen. Dahingegen er den
leichtfertigen Romun des Achilles Tatius zwar geleſen/ aber
demſelben gar ein ſchlecht Lob ertheilet hat.
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[20/0020] Allgemeine Das VI. Capitel/ Vom Bebrauch und Miß- brauch des Arminius. JCh begehre nicht/ denen Romanen ins- gemein das Wort zu reden/ von denen manche mit ſo aͤrgerlichen oder doch gantz unnuͤtzen Geſchwaͤtze angefuͤllet ſind/ daß Chriſtlich-geſinnete und tugendhaffte Leute davor billig Abſcheu tragen/ und den Ver- faſſer und Leſer hoͤchlich betauren/ die umb einer Handvoll vergaͤnglicher Beluſtigung eine ſo ſchwere Verantwortung von dem gerechten GOtt auf ſich laden. Doch giebt es auch ſol- che/ die dem Leſer eine Luſt/ aber ohne Suͤnde/ ja nicht ohne mercklichen Nutzen und Beyhuͤlffe zur Erkennung der Sitten derer Menſchen im gemeinen Leben/ auch zu Schaͤrffung des Ver- ſtandes in allerley ſinnreichen Erfindungen/ zu- wege bringen; welche man dahero/ ohne Hind- anſetzung ſeiner ordentlichen Verrichtungen/ unter dem Abſehen/ das Gemuͤth durch ſolchen unſchuldigen/ doch vergnuͤglichen Zeitvertreib zu ergetzen und zu inſtehender ernſthaffterer Ar- beit deſto williger zu machen/ mit ja ſo guten Gewiſſen gebrauchen darf/ als wie etwa z. e. Jagen/ Muſic und allerhand Spiele lieben/ weltliche warhaffte Hiſtorien leſen/ Verſe ma- chen/ von allen vergoͤnnet wird/ die von Gewiſ- ſens-Faͤllen geſchrieben haben. Denn alle ſol- che Dinge ſind zwar nicht eben ſchlechter dings noͤthig/ jedoch auch keines Weges ſchlechter Din- ge verboten. Daher nicht nur ein Haupt der Druiden (a) von des Eurialus und Lucretia Liebes-Haͤndeln ein eigen Buch geſchrieben/ ſondern auch (welches hoͤher zu verwundern) ein wohlbekanter Cheruskiſcher Barde (b) ſich nicht geſcheuet/ die Helden-Geſchichten des deutſchen Herkules und Herkuliſcus zu verfer- tigen/ welches ihn auch nicht gereuet hat/ nachdem andere ſeine Glaubens-Genoſſen je- nen mit Unverſtand eifernden Biſchoͤffen/ die den Biſchof zu Triccaͤ in Theſſalien Heliodo- rus/ weil er ſeine in der Jugend geſchriebene Liebes-Geſchichte nicht verbrennen wollen/ ſei- nes Biſthums entſetzet (c) haben/ nachzueifern und zu folgen fuͤr unnoͤthig erachtet/ vielmehr (d) den Verfaſſer des Herkules dermaſſen ge- ruͤhmet haben/ daß er von allen ſeinen ernſthaff- ten geiſtlichen und weltlichen Schrifften nicht mehrern Ruhm erwarten duͤrffen. Allein nichts iſt ſo gut/ das nicht mißbraucht werden koͤnte; und alſo ſteht vielleicht bey dem unvergleichlichen Werck des Herrn von Lohen- ſtein auch zweyerley zu beſorgen. Vor eins moͤchte ein und anderer die er- dichteten Umbſtaͤnde von denen warhaff- ten/ in denen unter die Gedichte eingemiſchten Geſchichten nicht unterſcheiden koͤnnen. Und erinnere ich mich hierbey/ daß der kluge Herr Petrus Bayle in ſeinen Nouvelles de la Repub- liqve des lettres ſehr uͤbel auf die jenigen zu ſprechen geweſen/ die warhaffte Geſchichte zum Jnhalt ihrer Gedichte erwehleten/ weil hier- durch mit der Zeit verurſachet werden duͤrffte/ daß man in Hiſtorien/ weder was wahr/ noch was (a) Pabſt Pius der andere; Beſiehe des Biſchoffs zu Soiſſons, Petr. Daniel Huët Buch de origine fabularum Roma- nenſium p. 118. (b) Andreas Henrich Buchholtz/ ehemahls Profeſſor zu Rinteln/ nachmahls Superintendent zu Braunſchweig. Beſiehe Memorias Theologorum Henningi à Witten, dec. XIII. p. 1712. 1714. (c) Daß der Biſchoff Heliodorus eine Aethiopiſche Liebes-Ge- ſchichte geſchrieben/ iſt aus des Socrates Kirchen-Hiſtorien lib. V. c. 22. gewiß genug. Und daß er deßwegen abgeſetzt/ worden/ ſagt Nicephorus aus; welchem aber Valeſius in ſeinen Anmerckungen uͤber den Socrates keinen Glauben bey- meſſen will. Gewiß iſts/ daß der groſſe Patriarch Photius, dieſe Liebes-Geſchicht zu leſen in ſeinem Myriobiblo Cod. 72. einen langen extract daraus zu machen/ auch es ſonderbar zu ruͤhmen/ ſich kein Gewiſſen genommen. Dahingegen er den leichtfertigen Romun des Achilles Tatius zwar geleſen/ aber demſelben gar ein ſchlecht Lob ertheilet hat. (d) Sonderlich hat Johann Riſt in der Vorrede uͤber einen Theil ſeiner Lieder ſolches uͤberaus weitlaͤufftig gethan.

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Zitationshilfe: Lohenstein, Daniel Casper von: Anmerckungen über Herrn Daniel Caspers von Lohenstein Arminius. [Bd. 3]. Leipzig, 1690. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lohenstein_feldherr03_1690/20>, S. 20, abgerufen am 11.12.2017.