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Ludwig, Carl: Lehrbuch der Physiologie des Menschen. Bd. 1. Heidelberg, 1852.

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Geschmacksvorstellungen.
genauen Untersuchung unterworfen gewesen; aus den Thatsachen
des gewöhnlichen Lebens scheint aber zu folgen, dass nur der Geruch
als eine Erregung der Geschmacksnerven empfunden wird, dessen
erzeugender Luftstrom von der Mundhöhle ausgeht, während gleich-
zeitig die Tastnerven des Mundes in energischer Weise erregt sind.
Durch die Verknüpfung der Tast- und Geschmacksempfindung scheint
uns die Vorstellung der Oertlichkeit im Geschmackssinn zu entstehen;
denn wir schmecken bekanntlich jedesmal zugleich den Ort der Be-
rührung zwischen Schmeckstoff und Geschmackflächen.

4. In fast noch höherm Grade als an den Geruch knüpfen sich
an den Geschmack leidenschaftliche Vorstellungen, die auch hier sehr
häufig, selbst für Physiologen den Beweggrund abgeben von angeneh-
men, widerlichen, ekelhaften Geschmäcken zu sprechen, obwohl alle
diese Worte keine unmittelbare Geschmackseindrücke bedeuten, son-
dern sich auf Vorstellungen beziehen, die der Geschmack erweckte. --
Zugleich sind die Geschmacksnerven reflektorisch mannigfach verket-
tet, wie z. B. mit Speichelnerven, den Nerven der Schlingorgane zum
Einleiten des Schlingens und Brechens u. dgl. Treten solche reflekto-
rische Wirkungen neben den Geschmäcken ein, so entstehen besondere
weiter combinirte Gefühle, z. B. der Ekel und dgl., die man ebenfalls
häufig mit einfachen Geschmacksempfindungen verwechselt hat.

Binnengeschmäcke, denen eine andere Ursache als eine Verän-
derung in der Zusammensetzung der Mundsäfte zu Grunde liegt
sind nicht bekannt. Geschmacksträume sind ebenfalls nicht beobachtet.

H. Gefühlsinn.

Alle *) Massen und Flächen des menschlichen Körpers, welche
aus den hinteren Spinalwurzeln und den empfindlichen Stücken der
Nn. trigeminus, glossopharyngeus, vagus und accessorius ihre Nerven
erhalten, bringen gewisse Veränderungen ihrer Zustände unter der be-
sondern Empfindung des Gefühls zum Bewusstsein. Die Gefühle
aller dieser Körperregionen zeigen nun unter gewissen Umständen
eine vollkommene Uebereinstimmung; unter andern Bedingungen wei-
chen dagegen die Gefühle einer Reihe von Oertlichkeiten beträchtlich
ab von denen der übrigen. Die Uebereinstimmung liegt darin, dass
alle fühlenden Orte Schmerz empfinden; die Verschiedenheit begrün-
det sich aber dadurch, dass eine beschränkte Zahl von Stellen des
menschlichen Körpers neben dem Schmerze auch noch die Tempera-
tur- und Druckempfindung erzeugt. Die Stellung der Nerven zur Seele,
wenn sie schmerzen, zeichnet sich vor der mit noch andern Gefüh-
len begabten, auch dadurch aus, dass sie weniger deutliche Vorstel-

*) E. H. Weber Artikel Tastsinn in Wagners Handwörterbuch.

Geschmacksvorstellungen.
genauen Untersuchung unterworfen gewesen; aus den Thatsachen
des gewöhnlichen Lebens scheint aber zu folgen, dass nur der Geruch
als eine Erregung der Geschmacksnerven empfunden wird, dessen
erzeugender Luftstrom von der Mundhöhle ausgeht, während gleich-
zeitig die Tastnerven des Mundes in energischer Weise erregt sind.
Durch die Verknüpfung der Tast- und Geschmacksempfindung scheint
uns die Vorstellung der Oertlichkeit im Geschmackssinn zu entstehen;
denn wir schmecken bekanntlich jedesmal zugleich den Ort der Be-
rührung zwischen Schmeckstoff und Geschmackflächen.

4. In fast noch höherm Grade als an den Geruch knüpfen sich
an den Geschmack leidenschaftliche Vorstellungen, die auch hier sehr
häufig, selbst für Physiologen den Beweggrund abgeben von angeneh-
men, widerlichen, ekelhaften Geschmäcken zu sprechen, obwohl alle
diese Worte keine unmittelbare Geschmackseindrücke bedeuten, son-
dern sich auf Vorstellungen beziehen, die der Geschmack erweckte. —
Zugleich sind die Geschmacksnerven reflektorisch mannigfach verket-
tet, wie z. B. mit Speichelnerven, den Nerven der Schlingorgane zum
Einleiten des Schlingens und Brechens u. dgl. Treten solche reflekto-
rische Wirkungen neben den Geschmäcken ein, so entstehen besondere
weiter combinirte Gefühle, z. B. der Ekel und dgl., die man ebenfalls
häufig mit einfachen Geschmacksempfindungen verwechselt hat.

Binnengeschmäcke, denen eine andere Ursache als eine Verän-
derung in der Zusammensetzung der Mundsäfte zu Grunde liegt
sind nicht bekannt. Geschmacksträume sind ebenfalls nicht beobachtet.

H. Gefühlsinn.

Alle *) Massen und Flächen des menschlichen Körpers, welche
aus den hinteren Spinalwurzeln und den empfindlichen Stücken der
Nn. trigeminus, glossopharyngeus, vagus und accessorius ihre Nerven
erhalten, bringen gewisse Veränderungen ihrer Zustände unter der be-
sondern Empfindung des Gefühls zum Bewusstsein. Die Gefühle
aller dieser Körperregionen zeigen nun unter gewissen Umständen
eine vollkommene Uebereinstimmung; unter andern Bedingungen wei-
chen dagegen die Gefühle einer Reihe von Oertlichkeiten beträchtlich
ab von denen der übrigen. Die Uebereinstimmung liegt darin, dass
alle fühlenden Orte Schmerz empfinden; die Verschiedenheit begrün-
det sich aber dadurch, dass eine beschränkte Zahl von Stellen des
menschlichen Körpers neben dem Schmerze auch noch die Tempera-
tur- und Druckempfindung erzeugt. Die Stellung der Nerven zur Seele,
wenn sie schmerzen, zeichnet sich vor der mit noch andern Gefüh-
len begabten, auch dadurch aus, dass sie weniger deutliche Vorstel-

*) E. H. Weber Artikel Tastsinn in Wagners Handwörterbuch.
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[297/0311] Geschmacksvorstellungen. genauen Untersuchung unterworfen gewesen; aus den Thatsachen des gewöhnlichen Lebens scheint aber zu folgen, dass nur der Geruch als eine Erregung der Geschmacksnerven empfunden wird, dessen erzeugender Luftstrom von der Mundhöhle ausgeht, während gleich- zeitig die Tastnerven des Mundes in energischer Weise erregt sind. Durch die Verknüpfung der Tast- und Geschmacksempfindung scheint uns die Vorstellung der Oertlichkeit im Geschmackssinn zu entstehen; denn wir schmecken bekanntlich jedesmal zugleich den Ort der Be- rührung zwischen Schmeckstoff und Geschmackflächen. 4. In fast noch höherm Grade als an den Geruch knüpfen sich an den Geschmack leidenschaftliche Vorstellungen, die auch hier sehr häufig, selbst für Physiologen den Beweggrund abgeben von angeneh- men, widerlichen, ekelhaften Geschmäcken zu sprechen, obwohl alle diese Worte keine unmittelbare Geschmackseindrücke bedeuten, son- dern sich auf Vorstellungen beziehen, die der Geschmack erweckte. — Zugleich sind die Geschmacksnerven reflektorisch mannigfach verket- tet, wie z. B. mit Speichelnerven, den Nerven der Schlingorgane zum Einleiten des Schlingens und Brechens u. dgl. Treten solche reflekto- rische Wirkungen neben den Geschmäcken ein, so entstehen besondere weiter combinirte Gefühle, z. B. der Ekel und dgl., die man ebenfalls häufig mit einfachen Geschmacksempfindungen verwechselt hat. Binnengeschmäcke, denen eine andere Ursache als eine Verän- derung in der Zusammensetzung der Mundsäfte zu Grunde liegt sind nicht bekannt. Geschmacksträume sind ebenfalls nicht beobachtet. H. Gefühlsinn. Alle *) Massen und Flächen des menschlichen Körpers, welche aus den hinteren Spinalwurzeln und den empfindlichen Stücken der Nn. trigeminus, glossopharyngeus, vagus und accessorius ihre Nerven erhalten, bringen gewisse Veränderungen ihrer Zustände unter der be- sondern Empfindung des Gefühls zum Bewusstsein. Die Gefühle aller dieser Körperregionen zeigen nun unter gewissen Umständen eine vollkommene Uebereinstimmung; unter andern Bedingungen wei- chen dagegen die Gefühle einer Reihe von Oertlichkeiten beträchtlich ab von denen der übrigen. Die Uebereinstimmung liegt darin, dass alle fühlenden Orte Schmerz empfinden; die Verschiedenheit begrün- det sich aber dadurch, dass eine beschränkte Zahl von Stellen des menschlichen Körpers neben dem Schmerze auch noch die Tempera- tur- und Druckempfindung erzeugt. Die Stellung der Nerven zur Seele, wenn sie schmerzen, zeichnet sich vor der mit noch andern Gefüh- len begabten, auch dadurch aus, dass sie weniger deutliche Vorstel- *) E. H. Weber Artikel Tastsinn in Wagners Handwörterbuch.

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Zitationshilfe: Ludwig, Carl: Lehrbuch der Physiologie des Menschen. Bd. 1. Heidelberg, 1852, S. 297. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/ludwig_physiologie01_1852/311>, abgerufen am 18.04.2019.