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Ludwig, Carl: Lehrbuch der Physiologie des Menschen. Bd. 1. Heidelberg, 1852.

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Muskulöse Faserzelle.
B. Physiologie der muskulösen Faserzelle.

1. Anatomisches Verhalten *). Die Faserzelle, das ana-
tomische Element der glatten Muskulatur, stellt ein verschiedenartig
gestaltetes Blättchen dar, dessen Ausdehnung nach einer Richtung (der
Länge) diejenige nach der andern überragt; die besonderen Formen
ihrer Umgrenzung gleichen bald mehr Spindeln bald einem Oblong. Das
einzelne Blättchen ist aus einer entweder optisch vollkommen homo-
genen oder einer leicht gestreiften Masse gebildet, in welche eine
kleine Zelle, ein sogenannter Kern, constant, eingebettet ist; Kölli-
ker
. -- Die Anwesenheit einer sogenannten Scheide, d. h. eines ge-
schlossenen Säckchens, in welchem das Muskelgewebe läge, ist nicht
erwiesen. -- Die Faserzellen sind meist mit ihren schmalen Enden
zur Bildung von Fasern aneinander gelegt.

2. Chemisches Verhalten **). Die Grundsubstanz der Fa-
serzellen theilt alle Eigenthümlichkeiten des Inhaltes der quergestreif-
ten Muskelröhre; die Flüssigkeit, welche die Grundsubstanz durch-
tränkt, ist nicht minder der Flüssigkeit des rothen Fleisches ähnlich;
nachweislich enthält sie Hypoxanthin, Kreatin, Jnosit, Butter- Milch- und
Essigsäure, grössere Mengen von Kali und phosphorsauren Salzen,
(Lehmann,) statt des Eiweisses bietet sie jedoch an einzelnen Orten
Käsestoff dar; Schultze. -- Eine besondere Scheidensubstanz ist auf
chemischem Wege nicht nachzuweisen, indem durch Behandlung mit
einer verdünnten Salzsäure (1. p. m. haltende Lösung) die ganze
Masse mit Ausnahme der Kerne in Auflösung kommt. -- Ueber die che-
mische Natur der Kerne ist nichts ermittelt. --

Die abweichenden Angaben über die Reaktionen der Muskelflüssigkeit auf Lack-
muspapier, Schultze fand sie alkalisch (Arterienhaut), Lehmann neutral (tunica
dartos) und sauer (tunica muscularis des Magens), sind begreiflich einander
nicht widersprechend; sie stellen die von du Bois, an der Flüssigkeit des gestreiften
Muskels entdeckte Thatsache am glatten vor.

3. Physiologisches Verhalten. Dieser Muskel besteht in ähn-
lichen Zuständen wie der quergestreifte. Die Eigenschaften derselben
und die Bedingungen ihres Eintritts sind uns aber weit weniger be-
kannt als bei dem quergestreiften.

a. Verlängerter Zustand. Seine besondern elastischen, chemi-
schen und calorischen Eigenschaften sind noch niemals Gegenstand
der Untersuchung gewesen.

Sein elektrisches Verhalten hat du Bois ganz analog dem des
ruhenden quergestreiften Muskels gefunden; der einzige Unterschied,
der sich herauszustellen scheint, liegt darin, dass die Stärke der ab-
geleiteten Ströme weitaus nicht so beträchtlich ist als die von dem
quergestreiften erhaltenen.

*) Henle, Jahresbericht für Fortschritte d. allgem. Anatomie in den Jahren 1847 u. 1850.
**) Lehmann, physiolog. Chemie III. 64.
Muskulöse Faserzelle.
B. Physiologie der muskulösen Faserzelle.

1. Anatomisches Verhalten *). Die Faserzelle, das ana-
tomische Element der glatten Muskulatur, stellt ein verschiedenartig
gestaltetes Blättchen dar, dessen Ausdehnung nach einer Richtung (der
Länge) diejenige nach der andern überragt; die besonderen Formen
ihrer Umgrenzung gleichen bald mehr Spindeln bald einem Oblong. Das
einzelne Blättchen ist aus einer entweder optisch vollkommen homo-
genen oder einer leicht gestreiften Masse gebildet, in welche eine
kleine Zelle, ein sogenannter Kern, constant, eingebettet ist; Kölli-
ker
. — Die Anwesenheit einer sogenannten Scheide, d. h. eines ge-
schlossenen Säckchens, in welchem das Muskelgewebe läge, ist nicht
erwiesen. — Die Faserzellen sind meist mit ihren schmalen Enden
zur Bildung von Fasern aneinander gelegt.

2. Chemisches Verhalten **). Die Grundsubstanz der Fa-
serzellen theilt alle Eigenthümlichkeiten des Inhaltes der quergestreif-
ten Muskelröhre; die Flüssigkeit, welche die Grundsubstanz durch-
tränkt, ist nicht minder der Flüssigkeit des rothen Fleisches ähnlich;
nachweislich enthält sie Hypoxanthin, Kreatin, Jnosit, Butter- Milch- und
Essigsäure, grössere Mengen von Kali und phosphorsauren Salzen,
(Lehmann,) statt des Eiweisses bietet sie jedoch an einzelnen Orten
Käsestoff dar; Schultze. — Eine besondere Scheidensubstanz ist auf
chemischem Wege nicht nachzuweisen, indem durch Behandlung mit
einer verdünnten Salzsäure (1. p. m. haltende Lösung) die ganze
Masse mit Ausnahme der Kerne in Auflösung kommt. — Ueber die che-
mische Natur der Kerne ist nichts ermittelt. —

Die abweichenden Angaben über die Reaktionen der Muskelflüssigkeit auf Lack-
muspapier, Schultze fand sie alkalisch (Arterienhaut), Lehmann neutral (tunica
dartos) und sauer (tunica muscularis des Magens), sind begreiflich einander
nicht widersprechend; sie stellen die von du Bois, an der Flüssigkeit des gestreiften
Muskels entdeckte Thatsache am glatten vor.

3. Physiologisches Verhalten. Dieser Muskel besteht in ähn-
lichen Zuständen wie der quergestreifte. Die Eigenschaften derselben
und die Bedingungen ihres Eintritts sind uns aber weit weniger be-
kannt als bei dem quergestreiften.

a. Verlängerter Zustand. Seine besondern elastischen, chemi-
schen und calorischen Eigenschaften sind noch niemals Gegenstand
der Untersuchung gewesen.

Sein elektrisches Verhalten hat du Bois ganz analog dem des
ruhenden quergestreiften Muskels gefunden; der einzige Unterschied,
der sich herauszustellen scheint, liegt darin, dass die Stärke der ab-
geleiteten Ströme weitaus nicht so beträchtlich ist als die von dem
quergestreiften erhaltenen.

*) Henle, Jahresbericht für Fortschritte d. allgem. Anatomie in den Jahren 1847 u. 1850.
**) Lehmann, physiolog. Chemie III. 64.
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[349/0363] Muskulöse Faserzelle. B. Physiologie der muskulösen Faserzelle. 1. Anatomisches Verhalten *). Die Faserzelle, das ana- tomische Element der glatten Muskulatur, stellt ein verschiedenartig gestaltetes Blättchen dar, dessen Ausdehnung nach einer Richtung (der Länge) diejenige nach der andern überragt; die besonderen Formen ihrer Umgrenzung gleichen bald mehr Spindeln bald einem Oblong. Das einzelne Blättchen ist aus einer entweder optisch vollkommen homo- genen oder einer leicht gestreiften Masse gebildet, in welche eine kleine Zelle, ein sogenannter Kern, constant, eingebettet ist; Kölli- ker. — Die Anwesenheit einer sogenannten Scheide, d. h. eines ge- schlossenen Säckchens, in welchem das Muskelgewebe läge, ist nicht erwiesen. — Die Faserzellen sind meist mit ihren schmalen Enden zur Bildung von Fasern aneinander gelegt. 2. Chemisches Verhalten **). Die Grundsubstanz der Fa- serzellen theilt alle Eigenthümlichkeiten des Inhaltes der quergestreif- ten Muskelröhre; die Flüssigkeit, welche die Grundsubstanz durch- tränkt, ist nicht minder der Flüssigkeit des rothen Fleisches ähnlich; nachweislich enthält sie Hypoxanthin, Kreatin, Jnosit, Butter- Milch- und Essigsäure, grössere Mengen von Kali und phosphorsauren Salzen, (Lehmann,) statt des Eiweisses bietet sie jedoch an einzelnen Orten Käsestoff dar; Schultze. — Eine besondere Scheidensubstanz ist auf chemischem Wege nicht nachzuweisen, indem durch Behandlung mit einer verdünnten Salzsäure (1. p. m. haltende Lösung) die ganze Masse mit Ausnahme der Kerne in Auflösung kommt. — Ueber die che- mische Natur der Kerne ist nichts ermittelt. — Die abweichenden Angaben über die Reaktionen der Muskelflüssigkeit auf Lack- muspapier, Schultze fand sie alkalisch (Arterienhaut), Lehmann neutral (tunica dartos) und sauer (tunica muscularis des Magens), sind begreiflich einander nicht widersprechend; sie stellen die von du Bois, an der Flüssigkeit des gestreiften Muskels entdeckte Thatsache am glatten vor. 3. Physiologisches Verhalten. Dieser Muskel besteht in ähn- lichen Zuständen wie der quergestreifte. Die Eigenschaften derselben und die Bedingungen ihres Eintritts sind uns aber weit weniger be- kannt als bei dem quergestreiften. a. Verlängerter Zustand. Seine besondern elastischen, chemi- schen und calorischen Eigenschaften sind noch niemals Gegenstand der Untersuchung gewesen. Sein elektrisches Verhalten hat du Bois ganz analog dem des ruhenden quergestreiften Muskels gefunden; der einzige Unterschied, der sich herauszustellen scheint, liegt darin, dass die Stärke der ab- geleiteten Ströme weitaus nicht so beträchtlich ist als die von dem quergestreiften erhaltenen. *) Henle, Jahresbericht für Fortschritte d. allgem. Anatomie in den Jahren 1847 u. 1850. **) Lehmann, physiolog. Chemie III. 64.

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Zitationshilfe: Ludwig, Carl: Lehrbuch der Physiologie des Menschen. Bd. 1. Heidelberg, 1852, S. 349. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/ludwig_physiologie01_1852/363>, abgerufen am 21.04.2019.