Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Ludwig, Carl: Lehrbuch der Physiologie des Menschen. Bd. 2. Heidelberg und Leipzig, 1856.

Bild:
<< vorherige Seite

Chemische Arbeit der Verdauungswerkzeuge; Speichel.
werden müssen, ob und welche Verwandelungen die Bestandtheile der
Verdauungssäfte selbst erfahren bei dem Einflusse, den sie auf die Nah-
rungsmittel üben.

Nach Beendigung dieser Vorversuche würde man dazu übergehen
können, die Veränderungen zu studiren, welche die Nahrungsstoffe in den
einzelnen Abtheilungen des Darmkanales selbst erfahren, und die Gründe
für die Abweichungen und Uebereinstimmungen zwischen natürlicher und
künstlicher Verdauung aufzusuchen.

Dieses casuistische Verfahren findet, wie begreiflich, seine volle Recht-
fertigung darin, dass uns eine chemische Theorie im wahren Wortsinne
abgeht; die Reihe von Versuchen, welche der angegebene Gang vorschreibt,
ist allerdings ungemein gross und jeder einzelne meist mühsam, aber
dennoch ist, wie die Geschichte der Wissenschaft lehrt, der vorgezeich-
nete Weg der kürzeste. Wir gehen nun dazu über, die bis dahin bekannt
gewordenen Beobachtungen aufzuzählen.

1. Speichel*).

Der Speichel der gl. parotis, gl. submaxillaris,
gl. sublingualis und der Mundwanddrüsen kommt darin überein, dass
jeder derselben sich als ein dem Wasser analoges Lösungsmittel verhält,
dass ein jeder derselben im frischen Zustande angewendet sich indifferent
verhält gegen unlösliche Eiweissstoffe und gegen Fette, und endlich dass
ein jeder im Verlaufe von einer bis zu mehreren Stunden geringe Mengen
gekochter Stärke in Traubenzucker umzuwandeln vermag (Leuchs,
Frerichs
).

Um jede einzelne Speichelart gesondert von den übrigen zu gewinnen, fing man
den Saft aus den durchschnittenen Gängen auf; den Speichel aus den Drüsen in der
Mundwandung gewinnt man gesondert, nachdem man die Ausführungsgänge der Paroti-
den und Submaxillaren unterbunden hatte. Statt dieses Verfahrens bedient man sich
auch eines wässerigen Auszuges der einzelnen Drüsen oder der drüsenhaltigen Mund-
schleimhaut. -- Die Vermischung des Speichels mit Amylon geschah ausserhalb der
Mundhöhle entweder bei der gewöhnlichen Zimmer- oder bei der normalen Körper-
wärme. -- Zur Prüfung auf die Umwandelung des Amylons bediente man sich ent-
weder der Trommer'schen Zuckerprobe oder der bekannten Reaktion des Jods auf
Amylon; diese letztere giebt namentlich Aufschluss, ob alle Stärke in Dextrin oder
Zucker verwandelt ist, indem in diesem Falle die blaue Färbung vollkommen ausbleibt.

Die Gemenge der verschiedenen Speichelarten verhalten sich den
Fetten und Eiweissstoffen gegenüber wie jeder einzelne für sich; anders
aber stellen sie sich zu dem Amylon. -- Ein Gemenge von Ohr- und
Unterkieferspeichel (Cl. Bernard) wandelt den Kleister sehr allmählig
um; eine Mischung aus Ohr- und Mundwandungsspeichel verändert
denselben zuweilen rasch (Jacubowitsch), zuweilen aber auch nur sehr
langsam (Bidder, Schmidt), während endlich ein Gemenge von Mund-

*) Frerichs, Handwörterbuch der Physiologie. Verdauung. p. 768. -- Bidder und Schmidt,
Verdauungssäfte. p. 14. -- Donders u. Bauduin, Handleiding. II. D. p. 170. -- Schröder,
Succi gastrici humani vis digestiva. Dorpat 1853.
26*

Chemische Arbeit der Verdauungswerkzeuge; Speichel.
werden müssen, ob und welche Verwandelungen die Bestandtheile der
Verdauungssäfte selbst erfahren bei dem Einflusse, den sie auf die Nah-
rungsmittel üben.

Nach Beendigung dieser Vorversuche würde man dazu übergehen
können, die Veränderungen zu studiren, welche die Nahrungsstoffe in den
einzelnen Abtheilungen des Darmkanales selbst erfahren, und die Gründe
für die Abweichungen und Uebereinstimmungen zwischen natürlicher und
künstlicher Verdauung aufzusuchen.

Dieses casuistische Verfahren findet, wie begreiflich, seine volle Recht-
fertigung darin, dass uns eine chemische Theorie im wahren Wortsinne
abgeht; die Reihe von Versuchen, welche der angegebene Gang vorschreibt,
ist allerdings ungemein gross und jeder einzelne meist mühsam, aber
dennoch ist, wie die Geschichte der Wissenschaft lehrt, der vorgezeich-
nete Weg der kürzeste. Wir gehen nun dazu über, die bis dahin bekannt
gewordenen Beobachtungen aufzuzählen.

1. Speichel*).

Der Speichel der gl. parotis, gl. submaxillaris,
gl. sublingualis und der Mundwanddrüsen kommt darin überein, dass
jeder derselben sich als ein dem Wasser analoges Lösungsmittel verhält,
dass ein jeder derselben im frischen Zustande angewendet sich indifferent
verhält gegen unlösliche Eiweissstoffe und gegen Fette, und endlich dass
ein jeder im Verlaufe von einer bis zu mehreren Stunden geringe Mengen
gekochter Stärke in Traubenzucker umzuwandeln vermag (Leuchs,
Frerichs
).

Um jede einzelne Speichelart gesondert von den übrigen zu gewinnen, fing man
den Saft aus den durchschnittenen Gängen auf; den Speichel aus den Drüsen in der
Mundwandung gewinnt man gesondert, nachdem man die Ausführungsgänge der Paroti-
den und Submaxillaren unterbunden hatte. Statt dieses Verfahrens bedient man sich
auch eines wässerigen Auszuges der einzelnen Drüsen oder der drüsenhaltigen Mund-
schleimhaut. — Die Vermischung des Speichels mit Amylon geschah ausserhalb der
Mundhöhle entweder bei der gewöhnlichen Zimmer- oder bei der normalen Körper-
wärme. — Zur Prüfung auf die Umwandelung des Amylons bediente man sich ent-
weder der Trommer’schen Zuckerprobe oder der bekannten Reaktion des Jods auf
Amylon; diese letztere giebt namentlich Aufschluss, ob alle Stärke in Dextrin oder
Zucker verwandelt ist, indem in diesem Falle die blaue Färbung vollkommen ausbleibt.

Die Gemenge der verschiedenen Speichelarten verhalten sich den
Fetten und Eiweissstoffen gegenüber wie jeder einzelne für sich; anders
aber stellen sie sich zu dem Amylon. — Ein Gemenge von Ohr- und
Unterkieferspeichel (Cl. Bernard) wandelt den Kleister sehr allmählig
um; eine Mischung aus Ohr- und Mundwandungsspeichel verändert
denselben zuweilen rasch (Jacubowitsch), zuweilen aber auch nur sehr
langsam (Bidder, Schmidt), während endlich ein Gemenge von Mund-

*) Frerichs, Handwörterbuch der Physiologie. Verdauung. p. 768. — Bidder und Schmidt,
Verdauungssäfte. p. 14. — Donders u. Bauduin, Handleiding. II. D. p. 170. — Schröder,
Succi gastrici humani vis digestiva. Dorpat 1853.
26*
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0419" n="403"/><fw place="top" type="header">Chemische Arbeit der Verdauungswerkzeuge; Speichel.</fw><lb/>
werden müssen, ob und welche Verwandelungen die Bestandtheile der<lb/>
Verdauungssäfte selbst erfahren bei dem Einflusse, den sie auf die Nah-<lb/>
rungsmittel üben.</p><lb/>
            <p>Nach Beendigung dieser Vorversuche würde man dazu übergehen<lb/>
können, die Veränderungen zu studiren, welche die Nahrungsstoffe in den<lb/>
einzelnen Abtheilungen des Darmkanales selbst erfahren, und die Gründe<lb/>
für die Abweichungen und Uebereinstimmungen zwischen natürlicher und<lb/>
künstlicher Verdauung aufzusuchen.</p><lb/>
            <p>Dieses casuistische Verfahren findet, wie begreiflich, seine volle Recht-<lb/>
fertigung darin, dass uns eine chemische Theorie im wahren Wortsinne<lb/>
abgeht; die Reihe von Versuchen, welche der angegebene Gang vorschreibt,<lb/>
ist allerdings ungemein gross und jeder einzelne meist mühsam, aber<lb/>
dennoch ist, wie die Geschichte der Wissenschaft lehrt, der vorgezeich-<lb/>
nete Weg der kürzeste. Wir gehen nun dazu über, die bis dahin bekannt<lb/>
gewordenen Beobachtungen aufzuzählen.</p><lb/>
            <div n="4">
              <head>1. <hi rendition="#g">Speichel</hi><note place="foot" n="*)"><hi rendition="#g">Frerichs</hi>, Handwörterbuch der Physiologie. Verdauung. p. 768. &#x2014; <hi rendition="#g">Bidder</hi> und <hi rendition="#g">Schmidt</hi>,<lb/>
Verdauungssäfte. p. 14. &#x2014; <hi rendition="#g">Donders u. Bauduin</hi>, Handleiding. II. D. p. 170. &#x2014; <hi rendition="#g">Schröder</hi>,<lb/>
Succi gastrici humani vis digestiva. Dorpat 1853.</note>.</head><lb/>
              <p>Der Speichel der gl. parotis, gl. submaxillaris,<lb/>
gl. sublingualis und der Mundwanddrüsen kommt darin überein, dass<lb/>
jeder derselben sich als ein dem Wasser analoges Lösungsmittel verhält,<lb/>
dass ein jeder derselben im frischen Zustande angewendet sich indifferent<lb/>
verhält gegen unlösliche Eiweissstoffe und gegen Fette, und endlich dass<lb/>
ein jeder im Verlaufe von einer bis zu mehreren Stunden geringe Mengen<lb/>
gekochter Stärke in Traubenzucker umzuwandeln vermag (<hi rendition="#g">Leuchs,<lb/>
Frerichs</hi>).</p><lb/>
              <p>Um jede einzelne Speichelart gesondert von den übrigen zu gewinnen, fing man<lb/>
den Saft aus den durchschnittenen Gängen auf; den Speichel aus den Drüsen in der<lb/>
Mundwandung gewinnt man gesondert, nachdem man die Ausführungsgänge der Paroti-<lb/>
den und Submaxillaren unterbunden hatte. Statt dieses Verfahrens bedient man sich<lb/>
auch eines wässerigen Auszuges der einzelnen Drüsen oder der drüsenhaltigen Mund-<lb/>
schleimhaut. &#x2014; Die Vermischung des Speichels mit Amylon geschah ausserhalb der<lb/>
Mundhöhle entweder bei der gewöhnlichen Zimmer- oder bei der normalen Körper-<lb/>
wärme. &#x2014; Zur Prüfung auf die Umwandelung des Amylons bediente man sich ent-<lb/>
weder der Trommer&#x2019;schen Zuckerprobe oder der bekannten Reaktion des Jods auf<lb/>
Amylon; diese letztere giebt namentlich Aufschluss, ob alle Stärke in Dextrin oder<lb/>
Zucker verwandelt ist, indem in diesem Falle die blaue Färbung vollkommen ausbleibt.</p><lb/>
              <p>Die Gemenge der verschiedenen Speichelarten verhalten sich den<lb/>
Fetten und Eiweissstoffen gegenüber wie jeder einzelne für sich; anders<lb/>
aber stellen sie sich zu dem Amylon. &#x2014; Ein Gemenge von Ohr- und<lb/>
Unterkieferspeichel (<hi rendition="#g">Cl. Bernard</hi>) wandelt den Kleister sehr allmählig<lb/>
um; eine Mischung aus Ohr- und Mundwandungsspeichel verändert<lb/>
denselben zuweilen rasch (<hi rendition="#g">Jacubowitsch</hi>), zuweilen aber auch nur sehr<lb/>
langsam (<hi rendition="#g">Bidder, Schmidt</hi>), während endlich ein Gemenge von Mund-<lb/>
<fw place="bottom" type="sig"><hi rendition="#b">26*</hi></fw><lb/></p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[403/0419] Chemische Arbeit der Verdauungswerkzeuge; Speichel. werden müssen, ob und welche Verwandelungen die Bestandtheile der Verdauungssäfte selbst erfahren bei dem Einflusse, den sie auf die Nah- rungsmittel üben. Nach Beendigung dieser Vorversuche würde man dazu übergehen können, die Veränderungen zu studiren, welche die Nahrungsstoffe in den einzelnen Abtheilungen des Darmkanales selbst erfahren, und die Gründe für die Abweichungen und Uebereinstimmungen zwischen natürlicher und künstlicher Verdauung aufzusuchen. Dieses casuistische Verfahren findet, wie begreiflich, seine volle Recht- fertigung darin, dass uns eine chemische Theorie im wahren Wortsinne abgeht; die Reihe von Versuchen, welche der angegebene Gang vorschreibt, ist allerdings ungemein gross und jeder einzelne meist mühsam, aber dennoch ist, wie die Geschichte der Wissenschaft lehrt, der vorgezeich- nete Weg der kürzeste. Wir gehen nun dazu über, die bis dahin bekannt gewordenen Beobachtungen aufzuzählen. 1. Speichel *). Der Speichel der gl. parotis, gl. submaxillaris, gl. sublingualis und der Mundwanddrüsen kommt darin überein, dass jeder derselben sich als ein dem Wasser analoges Lösungsmittel verhält, dass ein jeder derselben im frischen Zustande angewendet sich indifferent verhält gegen unlösliche Eiweissstoffe und gegen Fette, und endlich dass ein jeder im Verlaufe von einer bis zu mehreren Stunden geringe Mengen gekochter Stärke in Traubenzucker umzuwandeln vermag (Leuchs, Frerichs). Um jede einzelne Speichelart gesondert von den übrigen zu gewinnen, fing man den Saft aus den durchschnittenen Gängen auf; den Speichel aus den Drüsen in der Mundwandung gewinnt man gesondert, nachdem man die Ausführungsgänge der Paroti- den und Submaxillaren unterbunden hatte. Statt dieses Verfahrens bedient man sich auch eines wässerigen Auszuges der einzelnen Drüsen oder der drüsenhaltigen Mund- schleimhaut. — Die Vermischung des Speichels mit Amylon geschah ausserhalb der Mundhöhle entweder bei der gewöhnlichen Zimmer- oder bei der normalen Körper- wärme. — Zur Prüfung auf die Umwandelung des Amylons bediente man sich ent- weder der Trommer’schen Zuckerprobe oder der bekannten Reaktion des Jods auf Amylon; diese letztere giebt namentlich Aufschluss, ob alle Stärke in Dextrin oder Zucker verwandelt ist, indem in diesem Falle die blaue Färbung vollkommen ausbleibt. Die Gemenge der verschiedenen Speichelarten verhalten sich den Fetten und Eiweissstoffen gegenüber wie jeder einzelne für sich; anders aber stellen sie sich zu dem Amylon. — Ein Gemenge von Ohr- und Unterkieferspeichel (Cl. Bernard) wandelt den Kleister sehr allmählig um; eine Mischung aus Ohr- und Mundwandungsspeichel verändert denselben zuweilen rasch (Jacubowitsch), zuweilen aber auch nur sehr langsam (Bidder, Schmidt), während endlich ein Gemenge von Mund- *) Frerichs, Handwörterbuch der Physiologie. Verdauung. p. 768. — Bidder und Schmidt, Verdauungssäfte. p. 14. — Donders u. Bauduin, Handleiding. II. D. p. 170. — Schröder, Succi gastrici humani vis digestiva. Dorpat 1853. 26*

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/ludwig_physiologie02_1856
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/ludwig_physiologie02_1856/419
Zitationshilfe: Ludwig, Carl: Lehrbuch der Physiologie des Menschen. Bd. 2. Heidelberg und Leipzig, 1856, S. 403. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/ludwig_physiologie02_1856/419>, abgerufen am 21.04.2019.