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Meyer, Conrad Ferdinand: Gedichte. Leipzig, 1882.

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Papst Julius.
Halb vom Hades schon bezwungen,
Von Lemuren schon umschwebt,
Hat er doch sich losgerungen --
Sieh er athmet! Sieh er lebt!
Hinter seinen greisen Brauen
Flammt's! Jetzt langt er nach dem Bart,
Zürnt und schilt den Tod mit rauhen,
Ungestümen Worten hart:
"Weg mir aus dem Angesichte,
Larven, die mir bleich gedroht!
Charon, aus dem Sonnenlichte
Weg ins Schilf mit deinem Boot!
Keine Macht ist dir gegeben,
Bis ich selbst dich rufen mag!
Heute hab' ich noch zu leben
Einen vollgedrängten Tag!
Arzt, statt deiner faden Tropfen
Gieb mir des Falerners Glut!
Lasse meine Pulse klopfen,
Wirf mir Feuer in das Blut!
Auf die Thüren! Weg die Kissen!
Meine Feldherrn, tretet ein!
Meine Meister, laßt sie wissen,
Daß sie dreifach emsig sei'n!
Papſt Julius.
Halb vom Hades ſchon bezwungen,
Von Lemuren ſchon umſchwebt,
Hat er doch ſich losgerungen —
Sieh er athmet! Sieh er lebt!
Hinter ſeinen greiſen Brauen
Flammt's! Jetzt langt er nach dem Bart,
Zürnt und ſchilt den Tod mit rauhen,
Ungeſtümen Worten hart:
„Weg mir aus dem Angeſichte,
Larven, die mir bleich gedroht!
Charon, aus dem Sonnenlichte
Weg ins Schilf mit deinem Boot!
Keine Macht iſt dir gegeben,
Bis ich ſelbſt dich rufen mag!
Heute hab' ich noch zu leben
Einen vollgedrängten Tag!
Arzt, ſtatt deiner faden Tropfen
Gieb mir des Falerners Glut!
Laſſe meine Pulſe klopfen,
Wirf mir Feuer in das Blut!
Auf die Thüren! Weg die Kiſſen!
Meine Feldherrn, tretet ein!
Meine Meiſter, laßt ſie wiſſen,
Daß ſie dreifach emſig ſei'n!
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[295/0309] Papſt Julius. Halb vom Hades ſchon bezwungen, Von Lemuren ſchon umſchwebt, Hat er doch ſich losgerungen — Sieh er athmet! Sieh er lebt! Hinter ſeinen greiſen Brauen Flammt's! Jetzt langt er nach dem Bart, Zürnt und ſchilt den Tod mit rauhen, Ungeſtümen Worten hart: „Weg mir aus dem Angeſichte, Larven, die mir bleich gedroht! Charon, aus dem Sonnenlichte Weg ins Schilf mit deinem Boot! Keine Macht iſt dir gegeben, Bis ich ſelbſt dich rufen mag! Heute hab' ich noch zu leben Einen vollgedrängten Tag! Arzt, ſtatt deiner faden Tropfen Gieb mir des Falerners Glut! Laſſe meine Pulſe klopfen, Wirf mir Feuer in das Blut! Auf die Thüren! Weg die Kiſſen! Meine Feldherrn, tretet ein! Meine Meiſter, laßt ſie wiſſen, Daß ſie dreifach emſig ſei'n!

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Zitationshilfe: Meyer, Conrad Ferdinand: Gedichte. Leipzig, 1882, S. 295. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/meyer_gedichte_1882/309>, abgerufen am 24.03.2019.