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Miller, Johann Martin: Siegwart. Bd. 2. Leipzig, 1776.

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seine Mariane in das Grab zu legen. Therese, die
auch hinaussah, erschrack über den Anblick, und
ihr Bruder sank ihr schweigend in den Arm. Man
brachte ihn wieder aufs Bette, wo er ein paar
Stunden lang fast sinnlos lag. Endlich schlug er
die Augen auf. Therese, sagte er, ist ein Kreuz
auf dem Grab? -- Ja lieber Bruder, war die
Antwort, ein kleines schwarzes Kreuz. -- Nun, so
hab ich auch die letzte Bitte an dich. Flicht mir
einen Kranz von Blumen und Cypressen, und gib
ihn mir! Wenn er mit meinen Thränen gnug be-
netzt ist, dann häng ihn du am Kreuz auf, und weine
auch drüber! -- Therese brachte ihm einen Kranz;
er weinte drauf, drückte ihn einigemal ans Herz,
und legte ihn dann für sich aufs Bette hin.

Den andern Tag sprachen Kronhelm und Anton
mit dem Arzt, und fragten ihn, wie lang er glau-
be, daß Siegwart noch leben könne? -- Länger,
als ich anfangs dachte, sagte dieser. Er hat eine
starke Natur. Wenn er nicht zu heftige Bewe-
gungen hat, so kann er noch sechs bis sieben Tage
leben. Eine Veränderung des Aufenthalts wäre
gut, denn hier scheint er zu viele traurige Gegen-
stände um sich zu haben. Die beyden beschlossen, ihn
den folgenden Tag in einer Sänfte nach seinem



ſeine Mariane in das Grab zu legen. Thereſe, die
auch hinausſah, erſchrack uͤber den Anblick, und
ihr Bruder ſank ihr ſchweigend in den Arm. Man
brachte ihn wieder aufs Bette, wo er ein paar
Stunden lang faſt ſinnlos lag. Endlich ſchlug er
die Augen auf. Thereſe, ſagte er, iſt ein Kreuz
auf dem Grab? — Ja lieber Bruder, war die
Antwort, ein kleines ſchwarzes Kreuz. — Nun, ſo
hab ich auch die letzte Bitte an dich. Flicht mir
einen Kranz von Blumen und Cypreſſen, und gib
ihn mir! Wenn er mit meinen Thraͤnen gnug be-
netzt iſt, dann haͤng ihn du am Kreuz auf, und weine
auch druͤber! — Thereſe brachte ihm einen Kranz;
er weinte drauf, druͤckte ihn einigemal ans Herz,
und legte ihn dann fuͤr ſich aufs Bette hin.

Den andern Tag ſprachen Kronhelm und Anton
mit dem Arzt, und fragten ihn, wie lang er glau-
be, daß Siegwart noch leben koͤnne? — Laͤnger,
als ich anfangs dachte, ſagte dieſer. Er hat eine
ſtarke Natur. Wenn er nicht zu heftige Bewe-
gungen hat, ſo kann er noch ſechs bis ſieben Tage
leben. Eine Veraͤnderung des Aufenthalts waͤre
gut, denn hier ſcheint er zu viele traurige Gegen-
ſtaͤnde um ſich zu haben. Die beyden beſchloſſen, ihn
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[1068/0648] ſeine Mariane in das Grab zu legen. Thereſe, die auch hinausſah, erſchrack uͤber den Anblick, und ihr Bruder ſank ihr ſchweigend in den Arm. Man brachte ihn wieder aufs Bette, wo er ein paar Stunden lang faſt ſinnlos lag. Endlich ſchlug er die Augen auf. Thereſe, ſagte er, iſt ein Kreuz auf dem Grab? — Ja lieber Bruder, war die Antwort, ein kleines ſchwarzes Kreuz. — Nun, ſo hab ich auch die letzte Bitte an dich. Flicht mir einen Kranz von Blumen und Cypreſſen, und gib ihn mir! Wenn er mit meinen Thraͤnen gnug be- netzt iſt, dann haͤng ihn du am Kreuz auf, und weine auch druͤber! — Thereſe brachte ihm einen Kranz; er weinte drauf, druͤckte ihn einigemal ans Herz, und legte ihn dann fuͤr ſich aufs Bette hin. Den andern Tag ſprachen Kronhelm und Anton mit dem Arzt, und fragten ihn, wie lang er glau- be, daß Siegwart noch leben koͤnne? — Laͤnger, als ich anfangs dachte, ſagte dieſer. Er hat eine ſtarke Natur. Wenn er nicht zu heftige Bewe- gungen hat, ſo kann er noch ſechs bis ſieben Tage leben. Eine Veraͤnderung des Aufenthalts waͤre gut, denn hier ſcheint er zu viele traurige Gegen- ſtaͤnde um ſich zu haben. Die beyden beſchloſſen, ihn den folgenden Tag in einer Saͤnfte nach ſeinem

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Zitationshilfe: Miller, Johann Martin: Siegwart. Bd. 2. Leipzig, 1776, S. 1068. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/miller_siegwart02_1776/648>, abgerufen am 11.07.2020.