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Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838.

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Um Mitternacht.
Bedächtig stieg die Nacht an's Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Wage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn,
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht, in's Ohr
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.
Das uralt alte Schlummerlied,
Sie achtet's nicht, sie ist es müd';
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
Der flücht'gen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Um Mitternacht.
Bedaͤchtig ſtieg die Nacht an's Land,
Lehnt traͤumend an der Berge Wand,
Ihr Auge ſieht die goldne Wage nun
Der Zeit in gleichen Schalen ſtille ruhn,
Und kecker rauſchen die Quellen hervor,
Sie ſingen der Mutter, der Nacht, in's Ohr
Vom Tage,
Vom heute geweſenen Tage.
Das uralt alte Schlummerlied,
Sie achtet's nicht, ſie iſt es muͤd';
Ihr klingt des Himmels Blaͤue ſuͤßer noch,
Der fluͤcht'gen Stunden gleichgeſchwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
Es ſingen die Waſſer im Schlafe noch fort
Vom Tage,
Vom heute geweſenen Tage.

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[236/0252] Um Mitternacht. Bedaͤchtig ſtieg die Nacht an's Land, Lehnt traͤumend an der Berge Wand, Ihr Auge ſieht die goldne Wage nun Der Zeit in gleichen Schalen ſtille ruhn, Und kecker rauſchen die Quellen hervor, Sie ſingen der Mutter, der Nacht, in's Ohr Vom Tage, Vom heute geweſenen Tage. Das uralt alte Schlummerlied, Sie achtet's nicht, ſie iſt es muͤd'; Ihr klingt des Himmels Blaͤue ſuͤßer noch, Der fluͤcht'gen Stunden gleichgeſchwungnes Joch. Doch immer behalten die Quellen das Wort, Es ſingen die Waſſer im Schlafe noch fort Vom Tage, Vom heute geweſenen Tage.

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Zitationshilfe: Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838, S. 236. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/moerike_gedichte_1838/252>, abgerufen am 25.03.2019.