Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Mörike, Eduard: Mozart auf der Reise nach Prag. Stuttgart u. a., 1856.

Bild:
<< vorherige Seite

blendender Lichter versteckt, doch in jeder Bewegung
ihren eigensten Adel verräth und ein herrliches Pa¬
thos verschwenderisch ausgießt.

Die Gräfin machte für sich die Bemerkung, daß
die meisten Zuhörer, vielleicht Eugenie selbst nicht
ausgenommen, trotz der gespanntesten Aufmerksamkeit
und aller feierlichen Stille während eines bezaubern¬
den Spiels, doch zwischen Auge und Ohr gar sehr
getheilt waren. In unwillkürlicher Beobachtung des
Componisten, seiner schlichten, beinahe steifen Körper¬
haltung, seines gutmüthigen Gesichts, der rundlichen
Bewegung dieser kleinen Hände, war es gewiß auch
nicht leicht möglich, dem Zudrang tausendfacher Kreuz-
und Quergedanken über den Wundermann zu wider¬
stehen.

Zu Madame Mozart gewendet sagte der Graf,
nachdem der Meister aufgestanden war: "Einem be¬
rühmten Künstler gegenüber, wenn es ein Kennerlob
zu spitzen gilt, das halt nicht eines jeden Sache ist,
wie haben es die Könige und Kaiser gut! Es nimmt
sich eben alles einzig und außerordentlich in einem
solchen Munde aus. Was dürfen sie sich nicht er¬
lauben, und wie bequem ist es z. B., dicht hinter'm
Stuhl Ihres Herrn Gemahls, beim Schlußaccord

blendender Lichter verſteckt, doch in jeder Bewegung
ihren eigenſten Adel verräth und ein herrliches Pa¬
thos verſchwenderiſch ausgießt.

Die Gräfin machte für ſich die Bemerkung, daß
die meiſten Zuhörer, vielleicht Eugenie ſelbſt nicht
ausgenommen, trotz der geſpannteſten Aufmerkſamkeit
und aller feierlichen Stille während eines bezaubern¬
den Spiels, doch zwiſchen Auge und Ohr gar ſehr
getheilt waren. In unwillkürlicher Beobachtung des
Componiſten, ſeiner ſchlichten, beinahe ſteifen Körper¬
haltung, ſeines gutmüthigen Geſichts, der rundlichen
Bewegung dieſer kleinen Hände, war es gewiß auch
nicht leicht möglich, dem Zudrang tauſendfacher Kreuz-
und Quergedanken über den Wundermann zu wider¬
ſtehen.

Zu Madame Mozart gewendet ſagte der Graf,
nachdem der Meiſter aufgeſtanden war: „Einem be¬
rühmten Künſtler gegenüber, wenn es ein Kennerlob
zu ſpitzen gilt, das halt nicht eines jeden Sache iſt,
wie haben es die Könige und Kaiſer gut! Es nimmt
ſich eben alles einzig und außerordentlich in einem
ſolchen Munde aus. Was dürfen ſie ſich nicht er¬
lauben, und wie bequem iſt es z. B., dicht hinter'm
Stuhl Ihres Herrn Gemahls, beim Schlußaccord

<TEI>
  <text>
    <body>
      <p><pb facs="#f0054" n="42"/>
blendender Lichter ver&#x017F;teckt, doch in jeder Bewegung<lb/>
ihren eigen&#x017F;ten Adel verräth und ein herrliches Pa¬<lb/>
thos ver&#x017F;chwenderi&#x017F;ch ausgießt.</p><lb/>
      <p>Die Gräfin machte für &#x017F;ich die Bemerkung, daß<lb/>
die mei&#x017F;ten Zuhörer, vielleicht Eugenie &#x017F;elb&#x017F;t nicht<lb/>
ausgenommen, trotz der ge&#x017F;pannte&#x017F;ten Aufmerk&#x017F;amkeit<lb/>
und aller feierlichen Stille während eines bezaubern¬<lb/>
den Spiels, doch zwi&#x017F;chen Auge und Ohr gar &#x017F;ehr<lb/>
getheilt waren. In unwillkürlicher Beobachtung des<lb/>
Componi&#x017F;ten, &#x017F;einer &#x017F;chlichten, beinahe &#x017F;teifen Körper¬<lb/>
haltung, &#x017F;eines gutmüthigen Ge&#x017F;ichts, der rundlichen<lb/>
Bewegung die&#x017F;er kleinen Hände, war es gewiß auch<lb/>
nicht leicht möglich, dem Zudrang tau&#x017F;endfacher Kreuz-<lb/>
und Quergedanken über den Wundermann zu wider¬<lb/>
&#x017F;tehen.</p><lb/>
      <p>Zu Madame Mozart gewendet &#x017F;agte der Graf,<lb/>
nachdem der Mei&#x017F;ter aufge&#x017F;tanden war: &#x201E;Einem be¬<lb/>
rühmten Kün&#x017F;tler gegenüber, wenn es ein Kennerlob<lb/>
zu &#x017F;pitzen gilt, das halt nicht eines jeden Sache i&#x017F;t,<lb/>
wie haben es die Könige und Kai&#x017F;er gut! Es nimmt<lb/>
&#x017F;ich eben alles einzig und außerordentlich in einem<lb/>
&#x017F;olchen Munde aus. Was dürfen &#x017F;ie &#x017F;ich nicht er¬<lb/>
lauben, und wie bequem i&#x017F;t es z. B., dicht hinter'm<lb/>
Stuhl Ihres Herrn Gemahls, beim Schlußaccord<lb/></p>
    </body>
  </text>
</TEI>
[42/0054] blendender Lichter verſteckt, doch in jeder Bewegung ihren eigenſten Adel verräth und ein herrliches Pa¬ thos verſchwenderiſch ausgießt. Die Gräfin machte für ſich die Bemerkung, daß die meiſten Zuhörer, vielleicht Eugenie ſelbſt nicht ausgenommen, trotz der geſpannteſten Aufmerkſamkeit und aller feierlichen Stille während eines bezaubern¬ den Spiels, doch zwiſchen Auge und Ohr gar ſehr getheilt waren. In unwillkürlicher Beobachtung des Componiſten, ſeiner ſchlichten, beinahe ſteifen Körper¬ haltung, ſeines gutmüthigen Geſichts, der rundlichen Bewegung dieſer kleinen Hände, war es gewiß auch nicht leicht möglich, dem Zudrang tauſendfacher Kreuz- und Quergedanken über den Wundermann zu wider¬ ſtehen. Zu Madame Mozart gewendet ſagte der Graf, nachdem der Meiſter aufgeſtanden war: „Einem be¬ rühmten Künſtler gegenüber, wenn es ein Kennerlob zu ſpitzen gilt, das halt nicht eines jeden Sache iſt, wie haben es die Könige und Kaiſer gut! Es nimmt ſich eben alles einzig und außerordentlich in einem ſolchen Munde aus. Was dürfen ſie ſich nicht er¬ lauben, und wie bequem iſt es z. B., dicht hinter'm Stuhl Ihres Herrn Gemahls, beim Schlußaccord

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/moerike_mozart_1856
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/moerike_mozart_1856/54
Zitationshilfe: Mörike, Eduard: Mozart auf der Reise nach Prag. Stuttgart u. a., 1856, S. 42. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/moerike_mozart_1856/54>, abgerufen am 15.08.2020.