Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 2. Berlin, 1776.

Bild:
<< vorherige Seite

Also ist der Diensteyd nicht abzuschaffen.
ret nichts mehr, als daß er die Sandhügel so mühsam anlegen
muß, welche dort die See aufgespület hat. Von Schevelin-
gen gehen wir dann vielleicht nach England, und so weiter
nach China, um die große eiserne Brücke, den porcellainen
Thurm von neun Stockwerken, und die berühmte Mauer in
Augenschein zu nehmen, nach deren Muster mein Mann noch
etwas hinten bey dem Stickbeerenbusche, wo Sie ihre Krau-
semünze stehen hatten, anzulegen gedenket. Wenn Sie aber
kommen: so bringen Sie uns doch etwas weissen Kohl aus
der Stadt mit; denn wir haben hier keinen Platz mehr da-
für. Ich bin in der ungedultigsten Erwartung etc.

Anglomania Domen.


LXXXVII.
Also ist der Diensteyd nicht abzuschaffen.

Wenn ein Zeuge dem Gefangenen unter Augen gestellet,
für den schrecklichen Meineyd gewarnet, und feyerlich
beeydigt wird: so pflegt der Zeuge einen mitleidigen Blick auf
den Missethäter zu werfen, und damit so viel auszudrücken:
Vergieb es mir mein Freund, daß ich die Wahrheit sagen
muß; ich wollte dich gern mit dem Verlust meines Vermögens
retten, aber meine Seele kan ich dir nicht aufopfern. Der
Missethäter fühlet dieses, er verzeiht seinem Freunde, und
trägt ihm keinen Groll nach, wenn er wieder zu seiner Frey-
heit gelangt; eben so geht es auch in bürgerlichen Sachen,
wenn Freund gegen Freund zeugen muß, und dieser einzige
Nutzen des Eydes, wodurch so viel mehr Ruhe und Einigkeit
in der bürgerlichen Gesellschaft erhalten wird, verdient in der
That schon einige Betrachtung.

Noch
G g 2

Alſo iſt der Dienſteyd nicht abzuſchaffen.
ret nichts mehr, als daß er die Sandhuͤgel ſo muͤhſam anlegen
muß, welche dort die See aufgeſpuͤlet hat. Von Schevelin-
gen gehen wir dann vielleicht nach England, und ſo weiter
nach China, um die große eiſerne Bruͤcke, den porcellainen
Thurm von neun Stockwerken, und die beruͤhmte Mauer in
Augenſchein zu nehmen, nach deren Muſter mein Mann noch
etwas hinten bey dem Stickbeerenbuſche, wo Sie ihre Krau-
ſemuͤnze ſtehen hatten, anzulegen gedenket. Wenn Sie aber
kommen: ſo bringen Sie uns doch etwas weiſſen Kohl aus
der Stadt mit; denn wir haben hier keinen Platz mehr da-
fuͤr. Ich bin in der ungedultigſten Erwartung ꝛc.

Anglomania Domen.


LXXXVII.
Alſo iſt der Dienſteyd nicht abzuſchaffen.

Wenn ein Zeuge dem Gefangenen unter Augen geſtellet,
fuͤr den ſchrecklichen Meineyd gewarnet, und feyerlich
beeydigt wird: ſo pflegt der Zeuge einen mitleidigen Blick auf
den Miſſethaͤter zu werfen, und damit ſo viel auszudruͤcken:
Vergieb es mir mein Freund, daß ich die Wahrheit ſagen
muß; ich wollte dich gern mit dem Verluſt meines Vermoͤgens
retten, aber meine Seele kan ich dir nicht aufopfern. Der
Miſſethaͤter fuͤhlet dieſes, er verzeiht ſeinem Freunde, und
traͤgt ihm keinen Groll nach, wenn er wieder zu ſeiner Frey-
heit gelangt; eben ſo geht es auch in buͤrgerlichen Sachen,
wenn Freund gegen Freund zeugen muß, und dieſer einzige
Nutzen des Eydes, wodurch ſo viel mehr Ruhe und Einigkeit
in der buͤrgerlichen Geſellſchaft erhalten wird, verdient in der
That ſchon einige Betrachtung.

Noch
G g 2
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0485" n="467"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">Al&#x017F;o i&#x017F;t der Dien&#x017F;teyd nicht abzu&#x017F;chaffen.</hi></fw><lb/>
ret nichts mehr, als daß er die Sandhu&#x0364;gel &#x017F;o mu&#x0364;h&#x017F;am anlegen<lb/>
muß, welche dort die See aufge&#x017F;pu&#x0364;let hat. Von Schevelin-<lb/>
gen gehen wir dann vielleicht nach England, und &#x017F;o weiter<lb/>
nach China, um die große ei&#x017F;erne Bru&#x0364;cke, den porcellainen<lb/>
Thurm von neun Stockwerken, und die beru&#x0364;hmte Mauer in<lb/>
Augen&#x017F;chein zu nehmen, nach deren Mu&#x017F;ter mein Mann noch<lb/>
etwas hinten bey dem Stickbeerenbu&#x017F;che, wo Sie ihre Krau-<lb/>
&#x017F;emu&#x0364;nze &#x017F;tehen hatten, anzulegen gedenket. Wenn Sie aber<lb/>
kommen: &#x017F;o bringen Sie uns doch etwas wei&#x017F;&#x017F;en Kohl aus<lb/>
der Stadt mit; denn wir haben hier keinen Platz mehr da-<lb/>
fu&#x0364;r. Ich bin in der ungedultig&#x017F;ten Erwartung &#xA75B;c.</p><lb/>
        <closer>
          <salute> <hi rendition="#et">Anglomania Domen.</hi> </salute>
        </closer>
      </div><lb/>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">LXXXVII.</hi><lb/>
Al&#x017F;o i&#x017F;t der Dien&#x017F;teyd nicht abzu&#x017F;chaffen.</hi> </head><lb/>
        <p>Wenn ein Zeuge dem Gefangenen unter Augen ge&#x017F;tellet,<lb/>
fu&#x0364;r den &#x017F;chrecklichen Meineyd gewarnet, und feyerlich<lb/>
beeydigt wird: &#x017F;o pflegt der Zeuge einen mitleidigen Blick auf<lb/>
den Mi&#x017F;&#x017F;etha&#x0364;ter zu werfen, und damit &#x017F;o viel auszudru&#x0364;cken:<lb/>
Vergieb es mir mein Freund, daß ich die Wahrheit &#x017F;agen<lb/>
muß; ich wollte dich gern mit dem Verlu&#x017F;t meines Vermo&#x0364;gens<lb/>
retten, aber meine Seele kan ich dir nicht aufopfern. Der<lb/>
Mi&#x017F;&#x017F;etha&#x0364;ter fu&#x0364;hlet die&#x017F;es, er verzeiht &#x017F;einem Freunde, und<lb/>
tra&#x0364;gt ihm keinen Groll nach, wenn er wieder zu &#x017F;einer Frey-<lb/>
heit gelangt; eben &#x017F;o geht es auch in bu&#x0364;rgerlichen Sachen,<lb/>
wenn Freund gegen Freund zeugen muß, und die&#x017F;er einzige<lb/>
Nutzen des Eydes, wodurch &#x017F;o viel mehr Ruhe und Einigkeit<lb/>
in der bu&#x0364;rgerlichen Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft erhalten wird, verdient in der<lb/>
That &#x017F;chon einige Betrachtung.</p><lb/>
        <fw place="bottom" type="sig">G g 2</fw>
        <fw place="bottom" type="catch">Noch</fw><lb/>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[467/0485] Alſo iſt der Dienſteyd nicht abzuſchaffen. ret nichts mehr, als daß er die Sandhuͤgel ſo muͤhſam anlegen muß, welche dort die See aufgeſpuͤlet hat. Von Schevelin- gen gehen wir dann vielleicht nach England, und ſo weiter nach China, um die große eiſerne Bruͤcke, den porcellainen Thurm von neun Stockwerken, und die beruͤhmte Mauer in Augenſchein zu nehmen, nach deren Muſter mein Mann noch etwas hinten bey dem Stickbeerenbuſche, wo Sie ihre Krau- ſemuͤnze ſtehen hatten, anzulegen gedenket. Wenn Sie aber kommen: ſo bringen Sie uns doch etwas weiſſen Kohl aus der Stadt mit; denn wir haben hier keinen Platz mehr da- fuͤr. Ich bin in der ungedultigſten Erwartung ꝛc. Anglomania Domen. LXXXVII. Alſo iſt der Dienſteyd nicht abzuſchaffen. Wenn ein Zeuge dem Gefangenen unter Augen geſtellet, fuͤr den ſchrecklichen Meineyd gewarnet, und feyerlich beeydigt wird: ſo pflegt der Zeuge einen mitleidigen Blick auf den Miſſethaͤter zu werfen, und damit ſo viel auszudruͤcken: Vergieb es mir mein Freund, daß ich die Wahrheit ſagen muß; ich wollte dich gern mit dem Verluſt meines Vermoͤgens retten, aber meine Seele kan ich dir nicht aufopfern. Der Miſſethaͤter fuͤhlet dieſes, er verzeiht ſeinem Freunde, und traͤgt ihm keinen Groll nach, wenn er wieder zu ſeiner Frey- heit gelangt; eben ſo geht es auch in buͤrgerlichen Sachen, wenn Freund gegen Freund zeugen muß, und dieſer einzige Nutzen des Eydes, wodurch ſo viel mehr Ruhe und Einigkeit in der buͤrgerlichen Geſellſchaft erhalten wird, verdient in der That ſchon einige Betrachtung. Noch G g 2

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien02_1776
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien02_1776/485
Zitationshilfe: Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 2. Berlin, 1776, S. 467. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien02_1776/485>, abgerufen am 22.08.2018.