Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 4. Berlin, 1786.

Bild:
<< vorherige Seite

XXV.
Jch an meinen Freund.

Ey so lassen Sie sich doch nicht irre machen, Edler
Mann! der General fragte den Hauptmann ganz
freundlich, was soll ich thun? dieser erwiederte ohne
langes Bedenken: ich würde das thun; und hierauf er-
folgte von jenem die unerwartete Antwort: ich frage nicht
was sie thun würden, sondern was ich thun soll?
So
liegt die Sache, und das Unrecht ist auf der Seite des
Generals so klar, daß Sie darum nicht nöthig haben,
ihre Ausdrücke künftig noch mehr auf die Wage zu legen.
Es giebt hundert Menschen gegen einen, denen es ge-
wöhnlich ist mit einem: ich würde das thun oder das ge-
than haben,
zu antworten, ohne daß von diesen hunder-
ten auch nur fünf daran denken sollten, sich andern zum
Muster zu setzen.

Zwar giebt es auch Menschen die mit ihrem Jch bis
zum Eckel hervortreten, aber mehr aus einer üblen Ge-
wohnheit als einer zu großen Eigenliebe. Denn oft heißt
es: ich hatte auch einmal Krehenaugen, ich hatte auch
einmal einen hohlen Zahn, und neulich hörte ich so gar
ein junges Mädgen von zehn Jahren sagen: wir hatten
auch einmal Gänse. Hier müßte aber die Eigenliebe sehr
entfernt würken, wenn sie und nicht die Gewohnheit,
oder die Kürze des Ausdrucks ihr Jch zum Helden in der
Geschichte vom hohlen Zahn machte.

Und doch ist mir dieses Jch, wenn es aus Unschuld
oder Unachtsamkeit gebraucht wird, weit erträglicher,
als die Kunst, womit man es zu verbergen pflegt. Aber
leider übertreiben wir alles und unsre heutige Zärtlichkeit

geht
G 3

XXV.
Jch an meinen Freund.

Ey ſo laſſen Sie ſich doch nicht irre machen, Edler
Mann! der General fragte den Hauptmann ganz
freundlich, was ſoll ich thun? dieſer erwiederte ohne
langes Bedenken: ich wuͤrde das thun; und hierauf er-
folgte von jenem die unerwartete Antwort: ich frage nicht
was ſie thun wuͤrden, ſondern was ich thun ſoll?
So
liegt die Sache, und das Unrecht iſt auf der Seite des
Generals ſo klar, daß Sie darum nicht noͤthig haben,
ihre Ausdruͤcke kuͤnftig noch mehr auf die Wage zu legen.
Es giebt hundert Menſchen gegen einen, denen es ge-
woͤhnlich iſt mit einem: ich wuͤrde das thun oder das ge-
than haben,
zu antworten, ohne daß von dieſen hunder-
ten auch nur fuͤnf daran denken ſollten, ſich andern zum
Muſter zu ſetzen.

Zwar giebt es auch Menſchen die mit ihrem Jch bis
zum Eckel hervortreten, aber mehr aus einer uͤblen Ge-
wohnheit als einer zu großen Eigenliebe. Denn oft heißt
es: ich hatte auch einmal Krehenaugen, ich hatte auch
einmal einen hohlen Zahn, und neulich hoͤrte ich ſo gar
ein junges Maͤdgen von zehn Jahren ſagen: wir hatten
auch einmal Gaͤnſe. Hier muͤßte aber die Eigenliebe ſehr
entfernt wuͤrken, wenn ſie und nicht die Gewohnheit,
oder die Kuͤrze des Ausdrucks ihr Jch zum Helden in der
Geſchichte vom hohlen Zahn machte.

Und doch iſt mir dieſes Jch, wenn es aus Unſchuld
oder Unachtſamkeit gebraucht wird, weit ertraͤglicher,
als die Kunſt, womit man es zu verbergen pflegt. Aber
leider uͤbertreiben wir alles und unſre heutige Zaͤrtlichkeit

geht
G 3
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0113" n="101"/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">XXV.</hi><lb/>
Jch an meinen Freund.</hi> </head><lb/>
          <p><hi rendition="#in">E</hi>y &#x017F;o la&#x017F;&#x017F;en Sie &#x017F;ich doch nicht irre machen, Edler<lb/>
Mann! der General fragte den Hauptmann ganz<lb/>
freundlich, <hi rendition="#fr">was &#x017F;oll ich thun?</hi> die&#x017F;er erwiederte ohne<lb/>
langes Bedenken: <hi rendition="#fr">ich wu&#x0364;rde das thun;</hi> und hierauf er-<lb/>
folgte von jenem die unerwartete Antwort: <hi rendition="#fr">ich frage nicht<lb/>
was &#x017F;ie thun wu&#x0364;rden, &#x017F;ondern was ich thun &#x017F;oll?</hi> So<lb/>
liegt die Sache, und das Unrecht i&#x017F;t auf der Seite des<lb/>
Generals &#x017F;o klar, daß Sie darum nicht no&#x0364;thig haben,<lb/>
ihre Ausdru&#x0364;cke ku&#x0364;nftig noch mehr auf die Wage zu legen.<lb/>
Es giebt hundert Men&#x017F;chen gegen einen, denen es ge-<lb/>
wo&#x0364;hnlich i&#x017F;t mit einem: <hi rendition="#fr">ich wu&#x0364;rde das thun oder das ge-<lb/>
than haben,</hi> zu antworten, ohne daß von die&#x017F;en hunder-<lb/>
ten auch nur fu&#x0364;nf daran denken &#x017F;ollten, &#x017F;ich andern zum<lb/>
Mu&#x017F;ter zu &#x017F;etzen.</p><lb/>
          <p>Zwar giebt es auch Men&#x017F;chen die mit ihrem <hi rendition="#fr">Jch</hi> bis<lb/>
zum Eckel hervortreten, aber mehr aus einer u&#x0364;blen Ge-<lb/>
wohnheit als einer zu großen Eigenliebe. Denn oft heißt<lb/>
es: ich hatte auch einmal Krehenaugen, ich hatte auch<lb/>
einmal einen hohlen Zahn, und neulich ho&#x0364;rte ich &#x017F;o gar<lb/>
ein junges Ma&#x0364;dgen von zehn Jahren &#x017F;agen: wir hatten<lb/>
auch einmal Ga&#x0364;n&#x017F;e. Hier mu&#x0364;ßte aber die Eigenliebe &#x017F;ehr<lb/>
entfernt wu&#x0364;rken, wenn &#x017F;ie und nicht die Gewohnheit,<lb/>
oder die Ku&#x0364;rze des Ausdrucks ihr <hi rendition="#fr">Jch</hi> zum Helden in der<lb/>
Ge&#x017F;chichte vom hohlen Zahn machte.</p><lb/>
          <p>Und doch i&#x017F;t mir die&#x017F;es <hi rendition="#fr">Jch,</hi> wenn es aus Un&#x017F;chuld<lb/>
oder Unacht&#x017F;amkeit gebraucht wird, weit ertra&#x0364;glicher,<lb/>
als die Kun&#x017F;t, womit man es zu verbergen pflegt. Aber<lb/>
leider u&#x0364;bertreiben wir alles und un&#x017F;re heutige Za&#x0364;rtlichkeit<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">G 3</fw><fw place="bottom" type="catch">geht</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[101/0113] XXV. Jch an meinen Freund. Ey ſo laſſen Sie ſich doch nicht irre machen, Edler Mann! der General fragte den Hauptmann ganz freundlich, was ſoll ich thun? dieſer erwiederte ohne langes Bedenken: ich wuͤrde das thun; und hierauf er- folgte von jenem die unerwartete Antwort: ich frage nicht was ſie thun wuͤrden, ſondern was ich thun ſoll? So liegt die Sache, und das Unrecht iſt auf der Seite des Generals ſo klar, daß Sie darum nicht noͤthig haben, ihre Ausdruͤcke kuͤnftig noch mehr auf die Wage zu legen. Es giebt hundert Menſchen gegen einen, denen es ge- woͤhnlich iſt mit einem: ich wuͤrde das thun oder das ge- than haben, zu antworten, ohne daß von dieſen hunder- ten auch nur fuͤnf daran denken ſollten, ſich andern zum Muſter zu ſetzen. Zwar giebt es auch Menſchen die mit ihrem Jch bis zum Eckel hervortreten, aber mehr aus einer uͤblen Ge- wohnheit als einer zu großen Eigenliebe. Denn oft heißt es: ich hatte auch einmal Krehenaugen, ich hatte auch einmal einen hohlen Zahn, und neulich hoͤrte ich ſo gar ein junges Maͤdgen von zehn Jahren ſagen: wir hatten auch einmal Gaͤnſe. Hier muͤßte aber die Eigenliebe ſehr entfernt wuͤrken, wenn ſie und nicht die Gewohnheit, oder die Kuͤrze des Ausdrucks ihr Jch zum Helden in der Geſchichte vom hohlen Zahn machte. Und doch iſt mir dieſes Jch, wenn es aus Unſchuld oder Unachtſamkeit gebraucht wird, weit ertraͤglicher, als die Kunſt, womit man es zu verbergen pflegt. Aber leider uͤbertreiben wir alles und unſre heutige Zaͤrtlichkeit geht G 3

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien04_1786
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien04_1786/113
Zitationshilfe: Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 4. Berlin, 1786, S. 101. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien04_1786/113>, abgerufen am 18.10.2019.