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Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 4. Berlin, 1786.

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V.
Also soll der handelnde Theil der Menschen,
nicht wie der speculirende erzogen werden.

Sie glauben, liebster Freund, ich habe in dem Schrei-
ben an den Fürsten .... den Tänzer mit dem Tanz-
meister, oder den Gelehrten mit dem Lehrer verwechselt?
Wohlan, ich will mich deutlicher erklären, warum ich
den praktischen Unterricht dem wissenschaftlichen vorzie-
he, und warum ich glaube, daß der praktisch erzogne
Mensch, wenn es zur That kömmt, sein Ebentheuer bes-
ser bestehe als der andre.

Laßt uns nur gleich bey dem Landmanne anfangen;
wie viel Standhaftigkeit zeigt derselbe nicht in seinem Un-
glücke? Brennt ihm sein Haus ab, oder raubt ihm ein
Hagelschlag seine ganze Hofnung im Felde; Gott hat es
gegeben, Gott hat es genommen. Stirbt ihm sein gu-
tes Weib, oder sein liebstes Kind, im ewigen Leben sieht
er sie wieder. Unterdrückt ihn der Mächtige, nach die-
ser Zeit kömmt eine andre. Raubt ihm der Krieg alles,
Gott weis was ihm nützlich ist; und allezeit ist der Na-
me des Herrn muthig gelobet. So finde ich fast durch-
gehnds den Landmann, und auf dem Sterbebette sieht
er, des Lebens satt und müde, seiner Abspannung vom
Joche mit einer beneidenswerthen Ruhe entgegen, ohne
aller der Tröstungen zu bedürfen, die sich der Gelehrte
gesammelt hat, und blos mit den Hausmitteln versorgt,
die ihm der praktische Religions-Unterricht gewährt.
Wo ist aber der Gelehrte, der aufrichtig sagen kann, so
viel mehr Muth und Standhaftigkeit zu besitzen, als er
wissenschaftlicher unterrichtet ist?

Eben
B 4

V.
Alſo ſoll der handelnde Theil der Menſchen,
nicht wie der ſpeculirende erzogen werden.

Sie glauben, liebſter Freund, ich habe in dem Schrei-
ben an den Fuͤrſten .... den Taͤnzer mit dem Tanz-
meiſter, oder den Gelehrten mit dem Lehrer verwechſelt?
Wohlan, ich will mich deutlicher erklaͤren, warum ich
den praktiſchen Unterricht dem wiſſenſchaftlichen vorzie-
he, und warum ich glaube, daß der praktiſch erzogne
Menſch, wenn es zur That koͤmmt, ſein Ebentheuer beſ-
ſer beſtehe als der andre.

Laßt uns nur gleich bey dem Landmanne anfangen;
wie viel Standhaftigkeit zeigt derſelbe nicht in ſeinem Un-
gluͤcke? Brennt ihm ſein Haus ab, oder raubt ihm ein
Hagelſchlag ſeine ganze Hofnung im Felde; Gott hat es
gegeben, Gott hat es genommen. Stirbt ihm ſein gu-
tes Weib, oder ſein liebſtes Kind, im ewigen Leben ſieht
er ſie wieder. Unterdruͤckt ihn der Maͤchtige, nach die-
ſer Zeit koͤmmt eine andre. Raubt ihm der Krieg alles,
Gott weis was ihm nuͤtzlich iſt; und allezeit iſt der Na-
me des Herrn muthig gelobet. So finde ich faſt durch-
gehnds den Landmann, und auf dem Sterbebette ſieht
er, des Lebens ſatt und muͤde, ſeiner Abſpannung vom
Joche mit einer beneidenswerthen Ruhe entgegen, ohne
aller der Troͤſtungen zu beduͤrfen, die ſich der Gelehrte
geſammelt hat, und blos mit den Hausmitteln verſorgt,
die ihm der praktiſche Religions-Unterricht gewaͤhrt.
Wo iſt aber der Gelehrte, der aufrichtig ſagen kann, ſo
viel mehr Muth und Standhaftigkeit zu beſitzen, als er
wiſſenſchaftlicher unterrichtet iſt?

Eben
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[23/0035] V. Alſo ſoll der handelnde Theil der Menſchen, nicht wie der ſpeculirende erzogen werden. Sie glauben, liebſter Freund, ich habe in dem Schrei- ben an den Fuͤrſten .... den Taͤnzer mit dem Tanz- meiſter, oder den Gelehrten mit dem Lehrer verwechſelt? Wohlan, ich will mich deutlicher erklaͤren, warum ich den praktiſchen Unterricht dem wiſſenſchaftlichen vorzie- he, und warum ich glaube, daß der praktiſch erzogne Menſch, wenn es zur That koͤmmt, ſein Ebentheuer beſ- ſer beſtehe als der andre. Laßt uns nur gleich bey dem Landmanne anfangen; wie viel Standhaftigkeit zeigt derſelbe nicht in ſeinem Un- gluͤcke? Brennt ihm ſein Haus ab, oder raubt ihm ein Hagelſchlag ſeine ganze Hofnung im Felde; Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen. Stirbt ihm ſein gu- tes Weib, oder ſein liebſtes Kind, im ewigen Leben ſieht er ſie wieder. Unterdruͤckt ihn der Maͤchtige, nach die- ſer Zeit koͤmmt eine andre. Raubt ihm der Krieg alles, Gott weis was ihm nuͤtzlich iſt; und allezeit iſt der Na- me des Herrn muthig gelobet. So finde ich faſt durch- gehnds den Landmann, und auf dem Sterbebette ſieht er, des Lebens ſatt und muͤde, ſeiner Abſpannung vom Joche mit einer beneidenswerthen Ruhe entgegen, ohne aller der Troͤſtungen zu beduͤrfen, die ſich der Gelehrte geſammelt hat, und blos mit den Hausmitteln verſorgt, die ihm der praktiſche Religions-Unterricht gewaͤhrt. Wo iſt aber der Gelehrte, der aufrichtig ſagen kann, ſo viel mehr Muth und Standhaftigkeit zu beſitzen, als er wiſſenſchaftlicher unterrichtet iſt? Eben B 4

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Zitationshilfe: Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 4. Berlin, 1786, S. 23. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien04_1786/35>, abgerufen am 20.10.2019.