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Mommsen, Theodor: Römische Geschichte. Bd. 1: Bis zur Schlacht von Pydna. Leipzig, 1854.

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KAPITEL V.


Roms Hegemonie in Latium.

Mit dem Aufblühen des Landes und der steigenden Cultur
nahmen die Fehden, die der tapfere und leidenschaftliche
italische Stamm unter sich zu führen pflegte, nothwendig
einen andern Charakter an. Die Ueberlieferung schweigt; von
jenen ersten Zügen und Raufereien, in denen der Charakter der
Völker hervorzutreten beginnt, wie in den Spielen und Fahr-
ten des Knaben der Sinn des Mannes, hat uns kein ita-
lischer Homer ein Abbild aufbewahrt, und was wir aus den
spätern Verhältnissen ahnen oder muthmassen, ist dürftig und
farblos. An die Stelle des Raubens trat allmählig die Erobe-
rung, an die Stelle der Fehde der Krieg; politische Mächte
begannen sich zu gestalten, schwächere Staaten mussten den
stärkeren gegenüber sich verstehen zur Ergebung mit Land
und Leuten oder doch zum Eintritt in die Clientel. So ent-
standen einerseits die latinischen Eidgenossenschaften, die auf
dem letzteren Princip beruhend aus einer oder einigen füh-
renden und einer Anzahl minder mächtiger Gemeinden be-
standen, andrerseits der römische Einheitsstaat, der hiezu im
scharfen Gegensatz nicht durch Bündnisse den Staat erwei-
terte, sondern geradezu durch Reunion, indem die Mark der
Eroberten zur römischen geschlagen, sie selbst nach Rom über-
gesiedelt und ihren Göttern in Rom eine neue Heimath ge-
gründet wurde. Wie eng und nothwendig die Gebietserweite-
rung und die Ansiedlung der Bezwungenen in Rom zusammen-
hing, beweist besser als alle einzelne Erzählungen aus der

KAPITEL V.


Roms Hegemonie in Latium.

Mit dem Aufblühen des Landes und der steigenden Cultur
nahmen die Fehden, die der tapfere und leidenschaftliche
italische Stamm unter sich zu führen pflegte, nothwendig
einen andern Charakter an. Die Ueberlieferung schweigt; von
jenen ersten Zügen und Raufereien, in denen der Charakter der
Völker hervorzutreten beginnt, wie in den Spielen und Fahr-
ten des Knaben der Sinn des Mannes, hat uns kein ita-
lischer Homer ein Abbild aufbewahrt, und was wir aus den
spätern Verhältnissen ahnen oder muthmaſsen, ist dürftig und
farblos. An die Stelle des Raubens trat allmählig die Erobe-
rung, an die Stelle der Fehde der Krieg; politische Mächte
begannen sich zu gestalten, schwächere Staaten muſsten den
stärkeren gegenüber sich verstehen zur Ergebung mit Land
und Leuten oder doch zum Eintritt in die Clientel. So ent-
standen einerseits die latinischen Eidgenossenschaften, die auf
dem letzteren Princip beruhend aus einer oder einigen füh-
renden und einer Anzahl minder mächtiger Gemeinden be-
standen, andrerseits der römische Einheitsstaat, der hiezu im
scharfen Gegensatz nicht durch Bündnisse den Staat erwei-
terte, sondern geradezu durch Reunion, indem die Mark der
Eroberten zur römischen geschlagen, sie selbst nach Rom über-
gesiedelt und ihren Göttern in Rom eine neue Heimath ge-
gründet wurde. Wie eng und nothwendig die Gebietserweite-
rung und die Ansiedlung der Bezwungenen in Rom zusammen-
hing, beweist besser als alle einzelne Erzählungen aus der

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[[38]/0052] KAPITEL V. Roms Hegemonie in Latium. Mit dem Aufblühen des Landes und der steigenden Cultur nahmen die Fehden, die der tapfere und leidenschaftliche italische Stamm unter sich zu führen pflegte, nothwendig einen andern Charakter an. Die Ueberlieferung schweigt; von jenen ersten Zügen und Raufereien, in denen der Charakter der Völker hervorzutreten beginnt, wie in den Spielen und Fahr- ten des Knaben der Sinn des Mannes, hat uns kein ita- lischer Homer ein Abbild aufbewahrt, und was wir aus den spätern Verhältnissen ahnen oder muthmaſsen, ist dürftig und farblos. An die Stelle des Raubens trat allmählig die Erobe- rung, an die Stelle der Fehde der Krieg; politische Mächte begannen sich zu gestalten, schwächere Staaten muſsten den stärkeren gegenüber sich verstehen zur Ergebung mit Land und Leuten oder doch zum Eintritt in die Clientel. So ent- standen einerseits die latinischen Eidgenossenschaften, die auf dem letzteren Princip beruhend aus einer oder einigen füh- renden und einer Anzahl minder mächtiger Gemeinden be- standen, andrerseits der römische Einheitsstaat, der hiezu im scharfen Gegensatz nicht durch Bündnisse den Staat erwei- terte, sondern geradezu durch Reunion, indem die Mark der Eroberten zur römischen geschlagen, sie selbst nach Rom über- gesiedelt und ihren Göttern in Rom eine neue Heimath ge- gründet wurde. Wie eng und nothwendig die Gebietserweite- rung und die Ansiedlung der Bezwungenen in Rom zusammen- hing, beweist besser als alle einzelne Erzählungen aus der

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Zitationshilfe: Mommsen, Theodor: Römische Geschichte. Bd. 1: Bis zur Schlacht von Pydna. Leipzig, 1854, S. [38]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/mommsen_roemische01_1854/52>, abgerufen am 20.03.2019.