Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Mommsen, Theodor: Römische Geschichte. Bd. 2: Von der Schlacht bei Pydna bis auf Sullas Tod. Leipzig, 1855.

Bild:
<< vorherige Seite
KAPITEL X.
Die sullanische Verfassung.

Um die Zeit, als die erste Feldschlacht zwischen Römern und
Römern geschlagen ward, in der Nacht des 6. Juli 671 war der
ehrwürdige Tempel, den die Könige errichtet, die junge Freiheit
geweiht, die Stürme eines halben Jahrtausend verschont hatten,
der Tempel des römischen Jupiter auf dem Capitol in Flammen
aufgegangen. Es war kein Anzeichen, aber wohl ein Abbild des
Zustandes der römischen Verfassung. Auch diese bedurfte eines
Neubaues. Die Revolution zwar war besiegt, aber es fehlte doch
viel, dass damit von selber das alte Regiment wieder sich herge-
stellt hätte. Allerdings meinte die Masse der Aristokratie, dass
jetzt nach dem Tode der beiden revolutionären Consuln es ge-
nügen werde die gewöhnliche Ergänzungswahl zu veranstalten
und es den neuen Consuln zu überlassen, was ihnen zur Beloh-
nung der siegreichen Armee, zur Bestrafung der schuldigsten
Revolutionäre, etwa auch zur Verhütung ähnlicher Ausbrüche
weiter erforderlich erscheinen werde. Allein Sulla, in dessen
Händen der Sieg für den Augenblick alle Macht vereinigt hatte,
täuschte sich weder über die Oligarchie noch über die Oligar-
chen. Die Aristokratie Roms war in ihrer besten Epoche nicht
hinausgekommen über ein halb grossartiges halb bornirtes Fest-
halten an den überlieferten Formen; wie sollte das schwerfällige
collegialische Regiment dieser Zeit eine umfassende Staatsreform
energisch und consequent durchzuführen vermögen? Und eben
jetzt, nachdem die letzte Krise fast alle Spitzen des Senats weg-
gerafft hatte, war die zu einem solchen Beginnen erforderliche

KAPITEL X.
Die sullanische Verfassung.

Um die Zeit, als die erste Feldschlacht zwischen Römern und
Römern geschlagen ward, in der Nacht des 6. Juli 671 war der
ehrwürdige Tempel, den die Könige errichtet, die junge Freiheit
geweiht, die Stürme eines halben Jahrtausend verschont hatten,
der Tempel des römischen Jupiter auf dem Capitol in Flammen
aufgegangen. Es war kein Anzeichen, aber wohl ein Abbild des
Zustandes der römischen Verfassung. Auch diese bedurfte eines
Neubaues. Die Revolution zwar war besiegt, aber es fehlte doch
viel, daſs damit von selber das alte Regiment wieder sich herge-
stellt hätte. Allerdings meinte die Masse der Aristokratie, daſs
jetzt nach dem Tode der beiden revolutionären Consuln es ge-
nügen werde die gewöhnliche Ergänzungswahl zu veranstalten
und es den neuen Consuln zu überlassen, was ihnen zur Beloh-
nung der siegreichen Armee, zur Bestrafung der schuldigsten
Revolutionäre, etwa auch zur Verhütung ähnlicher Ausbrüche
weiter erforderlich erscheinen werde. Allein Sulla, in dessen
Händen der Sieg für den Augenblick alle Macht vereinigt hatte,
täuschte sich weder über die Oligarchie noch über die Oligar-
chen. Die Aristokratie Roms war in ihrer besten Epoche nicht
hinausgekommen über ein halb groſsartiges halb bornirtes Fest-
halten an den überlieferten Formen; wie sollte das schwerfällige
collegialische Regiment dieser Zeit eine umfassende Staatsreform
energisch und consequent durchzuführen vermögen? Und eben
jetzt, nachdem die letzte Krise fast alle Spitzen des Senats weg-
gerafft hatte, war die zu einem solchen Beginnen erforderliche

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0332" n="[322]"/>
        <div n="2">
          <head>KAPITEL X.<lb/><hi rendition="#g">Die sullanische Verfassung</hi>.</head><lb/>
          <p><hi rendition="#in">U</hi>m die Zeit, als die erste Feldschlacht zwischen Römern und<lb/>
Römern geschlagen ward, in der Nacht des 6. Juli 671 war der<lb/>
ehrwürdige Tempel, den die Könige errichtet, die junge Freiheit<lb/>
geweiht, die Stürme eines halben Jahrtausend verschont hatten,<lb/>
der Tempel des römischen Jupiter auf dem Capitol in Flammen<lb/>
aufgegangen. Es war kein Anzeichen, aber wohl ein Abbild des<lb/>
Zustandes der römischen Verfassung. Auch diese bedurfte eines<lb/>
Neubaues. Die Revolution zwar war besiegt, aber es fehlte doch<lb/>
viel, da&#x017F;s damit von selber das alte Regiment wieder sich herge-<lb/>
stellt hätte. Allerdings meinte die Masse der Aristokratie, da&#x017F;s<lb/>
jetzt nach dem Tode der beiden revolutionären Consuln es ge-<lb/>
nügen werde die gewöhnliche Ergänzungswahl zu veranstalten<lb/>
und es den neuen Consuln zu überlassen, was ihnen zur Beloh-<lb/>
nung der siegreichen Armee, zur Bestrafung der schuldigsten<lb/>
Revolutionäre, etwa auch zur Verhütung ähnlicher Ausbrüche<lb/>
weiter erforderlich erscheinen werde. Allein Sulla, in dessen<lb/>
Händen der Sieg für den Augenblick alle Macht vereinigt hatte,<lb/>
täuschte sich weder über die Oligarchie noch über die Oligar-<lb/>
chen. Die Aristokratie Roms war in ihrer besten Epoche nicht<lb/>
hinausgekommen über ein halb gro&#x017F;sartiges halb bornirtes Fest-<lb/>
halten an den überlieferten Formen; wie sollte das schwerfällige<lb/>
collegialische Regiment dieser Zeit eine umfassende Staatsreform<lb/>
energisch und consequent durchzuführen vermögen? Und eben<lb/>
jetzt, nachdem die letzte Krise fast alle Spitzen des Senats weg-<lb/>
gerafft hatte, war die zu einem solchen Beginnen erforderliche<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[322]/0332] KAPITEL X. Die sullanische Verfassung. Um die Zeit, als die erste Feldschlacht zwischen Römern und Römern geschlagen ward, in der Nacht des 6. Juli 671 war der ehrwürdige Tempel, den die Könige errichtet, die junge Freiheit geweiht, die Stürme eines halben Jahrtausend verschont hatten, der Tempel des römischen Jupiter auf dem Capitol in Flammen aufgegangen. Es war kein Anzeichen, aber wohl ein Abbild des Zustandes der römischen Verfassung. Auch diese bedurfte eines Neubaues. Die Revolution zwar war besiegt, aber es fehlte doch viel, daſs damit von selber das alte Regiment wieder sich herge- stellt hätte. Allerdings meinte die Masse der Aristokratie, daſs jetzt nach dem Tode der beiden revolutionären Consuln es ge- nügen werde die gewöhnliche Ergänzungswahl zu veranstalten und es den neuen Consuln zu überlassen, was ihnen zur Beloh- nung der siegreichen Armee, zur Bestrafung der schuldigsten Revolutionäre, etwa auch zur Verhütung ähnlicher Ausbrüche weiter erforderlich erscheinen werde. Allein Sulla, in dessen Händen der Sieg für den Augenblick alle Macht vereinigt hatte, täuschte sich weder über die Oligarchie noch über die Oligar- chen. Die Aristokratie Roms war in ihrer besten Epoche nicht hinausgekommen über ein halb groſsartiges halb bornirtes Fest- halten an den überlieferten Formen; wie sollte das schwerfällige collegialische Regiment dieser Zeit eine umfassende Staatsreform energisch und consequent durchzuführen vermögen? Und eben jetzt, nachdem die letzte Krise fast alle Spitzen des Senats weg- gerafft hatte, war die zu einem solchen Beginnen erforderliche

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/mommsen_roemische02_1855
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/mommsen_roemische02_1855/332
Zitationshilfe: Mommsen, Theodor: Römische Geschichte. Bd. 2: Von der Schlacht bei Pydna bis auf Sullas Tod. Leipzig, 1855, S. [322]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/mommsen_roemische02_1855/332>, abgerufen am 19.02.2020.