Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Moritz, Karl Philipp: Götterlehre oder mythologische Dichtungen der Alten. Berlin, 1791.

Bild:
<< vorherige Seite

Auf der hier beigefügten Kupfertafel ist nach
einer schönen antiken Gemme, die Muse stehend
abgebildet, wie sie die Leyer stimmt. -- Eine
Darstellung, wodurch nicht eine einzelne Muse
ausschließend, sondern die Muse überhaupt be-
zeichnet wird, in so fern die Tonkunst, nach den
ältesten Begriffen, ihr Hauptgeschäft ist. -- Denn
mit der Tonkunst entwickelten sich zuerst die schlum-
mernden Kräfte für die übrigen Künste. -- Musik,
Gesang und Tanz war, wie wir schon bemerkt ha-
ben, das Hauptgeschäft der Musen, und es giebt
keine eigne Muse für die bildenden Künste.

Auf eben dieser Kupfertafel ist auch nach einer
antiken Gemme, ein Liebesgott abgebildet, wel-
cher den Löwen, auf dem er reitet, mit den har-
monischen Tönen seiner Leyer
zähmt, wodurch
der Künstler in einem schönen Sinnbilde die ver-
einte Macht der Liebe und Tonkunst ausdrückt.

Liebesgötter.

Auch die Göttergestalt des Amor vervielfältigte
sich in der Einbildungskraft der Alten; die Liebes-
götter, welche allenthalben in den Dichtungen
unter reitzenden Gestalten erscheinen, sind gleich-
sam Funken seines Wesens; und die Dichtkunst ist
unerschöpflich in schönen sinnbildlichen Darstellun-
gen dieser alles besiegenden Gottheit.

Auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel iſt nach
einer ſchoͤnen antiken Gemme, die Muſe ſtehend
abgebildet, wie ſie die Leyer ſtimmt. — Eine
Darſtellung, wodurch nicht eine einzelne Muſe
ausſchließend, ſondern die Muſe uͤberhaupt be-
zeichnet wird, in ſo fern die Tonkunſt, nach den
aͤlteſten Begriffen, ihr Hauptgeſchaͤft iſt. — Denn
mit der Tonkunſt entwickelten ſich zuerſt die ſchlum-
mernden Kraͤfte fuͤr die uͤbrigen Kuͤnſte. — Muſik,
Geſang und Tanz war, wie wir ſchon bemerkt ha-
ben, das Hauptgeſchaͤft der Muſen, und es giebt
keine eigne Muſe fuͤr die bildenden Kuͤnſte.

Auf eben dieſer Kupfertafel iſt auch nach einer
antiken Gemme, ein Liebesgott abgebildet, wel-
cher den Loͤwen, auf dem er reitet, mit den har-
moniſchen Toͤnen ſeiner Leyer
zaͤhmt, wodurch
der Kuͤnſtler in einem ſchoͤnen Sinnbilde die ver-
einte Macht der Liebe und Tonkunſt ausdruͤckt.

Liebesgoͤtter.

Auch die Goͤttergeſtalt des Amor vervielfaͤltigte
ſich in der Einbildungskraft der Alten; die Liebes-
goͤtter, welche allenthalben in den Dichtungen
unter reitzenden Geſtalten erſcheinen, ſind gleich-
ſam Funken ſeines Weſens; und die Dichtkunſt iſt
unerſchoͤpflich in ſchoͤnen ſinnbildlichen Darſtellun-
gen dieſer alles beſiegenden Gottheit.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0369" n="309"/>
          <p>Auf der hier beigefu&#x0364;gten Kupfertafel i&#x017F;t nach<lb/>
einer &#x017F;cho&#x0364;nen antiken Gemme, die Mu&#x017F;e &#x017F;tehend<lb/>
abgebildet, wie &#x017F;ie die Leyer &#x017F;timmt. &#x2014; Eine<lb/>
Dar&#x017F;tellung, wodurch nicht eine einzelne Mu&#x017F;e<lb/>
aus&#x017F;chließend, &#x017F;ondern <hi rendition="#fr">die Mu&#x017F;e</hi> u&#x0364;berhaupt be-<lb/>
zeichnet wird, in &#x017F;o fern die Tonkun&#x017F;t, nach den<lb/>
a&#x0364;lte&#x017F;ten Begriffen, ihr Hauptge&#x017F;cha&#x0364;ft i&#x017F;t. &#x2014; Denn<lb/>
mit der Tonkun&#x017F;t entwickelten &#x017F;ich zuer&#x017F;t die &#x017F;chlum-<lb/>
mernden Kra&#x0364;fte fu&#x0364;r die u&#x0364;brigen Ku&#x0364;n&#x017F;te. &#x2014; Mu&#x017F;ik,<lb/>
Ge&#x017F;ang und Tanz war, wie wir &#x017F;chon bemerkt ha-<lb/>
ben, das Hauptge&#x017F;cha&#x0364;ft der Mu&#x017F;en, und es giebt<lb/>
keine eigne Mu&#x017F;e fu&#x0364;r die <hi rendition="#fr">bildenden Ku&#x0364;n&#x017F;te.</hi></p><lb/>
          <p>Auf eben die&#x017F;er Kupfertafel i&#x017F;t auch nach einer<lb/>
antiken Gemme, ein <hi rendition="#fr">Liebesgott</hi> abgebildet, wel-<lb/>
cher den Lo&#x0364;wen, auf dem er reitet, mit den <hi rendition="#fr">har-<lb/>
moni&#x017F;chen To&#x0364;nen &#x017F;einer Leyer</hi> za&#x0364;hmt, wodurch<lb/>
der Ku&#x0364;n&#x017F;tler in einem &#x017F;cho&#x0364;nen Sinnbilde die ver-<lb/>
einte Macht der Liebe und Tonkun&#x017F;t ausdru&#x0364;ckt.</p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b"><hi rendition="#g">Liebesgo&#x0364;tter</hi>.</hi> </head><lb/>
          <p>Auch die Go&#x0364;tterge&#x017F;talt des Amor vervielfa&#x0364;ltigte<lb/>
&#x017F;ich in der Einbildungskraft der Alten; die Liebes-<lb/>
go&#x0364;tter, welche allenthalben in den Dichtungen<lb/>
unter reitzenden Ge&#x017F;talten er&#x017F;cheinen, &#x017F;ind gleich-<lb/>
&#x017F;am Funken &#x017F;eines We&#x017F;ens; und die Dichtkun&#x017F;t i&#x017F;t<lb/>
uner&#x017F;cho&#x0364;pflich in &#x017F;cho&#x0364;nen &#x017F;innbildlichen Dar&#x017F;tellun-<lb/>
gen die&#x017F;er alles be&#x017F;iegenden Gottheit.</p><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[309/0369] Auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel iſt nach einer ſchoͤnen antiken Gemme, die Muſe ſtehend abgebildet, wie ſie die Leyer ſtimmt. — Eine Darſtellung, wodurch nicht eine einzelne Muſe ausſchließend, ſondern die Muſe uͤberhaupt be- zeichnet wird, in ſo fern die Tonkunſt, nach den aͤlteſten Begriffen, ihr Hauptgeſchaͤft iſt. — Denn mit der Tonkunſt entwickelten ſich zuerſt die ſchlum- mernden Kraͤfte fuͤr die uͤbrigen Kuͤnſte. — Muſik, Geſang und Tanz war, wie wir ſchon bemerkt ha- ben, das Hauptgeſchaͤft der Muſen, und es giebt keine eigne Muſe fuͤr die bildenden Kuͤnſte. Auf eben dieſer Kupfertafel iſt auch nach einer antiken Gemme, ein Liebesgott abgebildet, wel- cher den Loͤwen, auf dem er reitet, mit den har- moniſchen Toͤnen ſeiner Leyer zaͤhmt, wodurch der Kuͤnſtler in einem ſchoͤnen Sinnbilde die ver- einte Macht der Liebe und Tonkunſt ausdruͤckt. Liebesgoͤtter. Auch die Goͤttergeſtalt des Amor vervielfaͤltigte ſich in der Einbildungskraft der Alten; die Liebes- goͤtter, welche allenthalben in den Dichtungen unter reitzenden Geſtalten erſcheinen, ſind gleich- ſam Funken ſeines Weſens; und die Dichtkunſt iſt unerſchoͤpflich in ſchoͤnen ſinnbildlichen Darſtellun- gen dieſer alles beſiegenden Gottheit.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_goetterlehre_1791
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_goetterlehre_1791/369
Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp: Götterlehre oder mythologische Dichtungen der Alten. Berlin, 1791, S. 309. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_goetterlehre_1791/369>, abgerufen am 09.08.2020.