Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Moritz, Karl Philipp: Götterlehre oder mythologische Dichtungen der Alten. Berlin, 1791.

Bild:
<< vorherige Seite
Grazien.

Die hohen blendenden Reitze der mächtigen
Liebesgöttin, vervielfältigen sich in den Grazien
oder Charitinnen, und wurden wohlthätig, sanft
und milde. Vom Himmel senkten die drei Huld-
göttinnen zu den Sterblichen sich hernieder, um
die schönen Empfindungen der Dankbarkeit und
des wechselseitigen Wohlwollens in jeden Bu-
sen einzuflößen. Auch waren sie es, welche vor
allen andern Göttern, den Menschen die süße
Gabe zu gefallen ertheilten.

Sie hießen mit ihren besondern Nahmen
Aglaia, Thalia, und Euphrosyne, und waren
vom Jupiter mit der Eurynome, der schönen
Tochter des Oceans, erzeugt, die unter den alten
Gottheiten
in den Dichtungen schon mit aufge-
treten ist.

Den Grazien waren allenthalben Tempel und
Altäre errichtet; -- um ihre Gunst flehte jedes
Alter und jeder Stand; -- ihnen huldigten Kün-
ste und Wissenschaften; -- auf ihren Altären zün-
dete man täglich Weihrauch an; -- bei jedem fro-
hen Gastmahl waren sie die Losung, und man
nannte mit Ehrfurcht ihre Nahmen.

Dem Amor und den Musen wurden die Gra-
zien zugesellt; oft hatten sie mit dem Amor, öfter
noch mit den Musen, gemeinschaftlich einen Tem-

Grazien.

Die hohen blendenden Reitze der maͤchtigen
Liebesgoͤttin, vervielfaͤltigen ſich in den Grazien
oder Charitinnen, und wurden wohlthaͤtig, ſanft
und milde. Vom Himmel ſenkten die drei Huld-
goͤttinnen zu den Sterblichen ſich hernieder, um
die ſchoͤnen Empfindungen der Dankbarkeit und
des wechſelſeitigen Wohlwollens in jeden Bu-
ſen einzufloͤßen. Auch waren ſie es, welche vor
allen andern Goͤttern, den Menſchen die ſuͤße
Gabe zu gefallen ertheilten.

Sie hießen mit ihren beſondern Nahmen
Aglaia, Thalia, und Euphroſyne, und waren
vom Jupiter mit der Eurynome, der ſchoͤnen
Tochter des Oceans, erzeugt, die unter den alten
Gottheiten
in den Dichtungen ſchon mit aufge-
treten iſt.

Den Grazien waren allenthalben Tempel und
Altaͤre errichtet; — um ihre Gunſt flehte jedes
Alter und jeder Stand; — ihnen huldigten Kuͤn-
ſte und Wiſſenſchaften; — auf ihren Altaͤren zuͤn-
dete man taͤglich Weihrauch an; — bei jedem fro-
hen Gaſtmahl waren ſie die Loſung, und man
nannte mit Ehrfurcht ihre Nahmen.

Dem Amor und den Muſen wurden die Gra-
zien zugeſellt; oft hatten ſie mit dem Amor, oͤfter
noch mit den Muſen, gemeinſchaftlich einen Tem-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0371" n="311"/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b"><hi rendition="#g">Grazien</hi>.</hi> </head><lb/>
          <p>Die hohen blendenden Reitze der ma&#x0364;chtigen<lb/>
Liebesgo&#x0364;ttin, vervielfa&#x0364;ltigen &#x017F;ich in den <hi rendition="#fr">Grazien</hi><lb/>
oder <hi rendition="#fr">Charitinnen,</hi> und wurden wohltha&#x0364;tig, &#x017F;anft<lb/>
und milde. Vom Himmel &#x017F;enkten die drei Huld-<lb/>
go&#x0364;ttinnen zu den Sterblichen &#x017F;ich hernieder, um<lb/>
die &#x017F;cho&#x0364;nen Empfindungen der <hi rendition="#fr">Dankbarkeit</hi> und<lb/>
des <hi rendition="#fr">wech&#x017F;el&#x017F;eitigen Wohlwollens</hi> in jeden Bu-<lb/>
&#x017F;en einzuflo&#x0364;ßen. Auch waren &#x017F;ie es, welche vor<lb/>
allen andern Go&#x0364;ttern, den Men&#x017F;chen die &#x017F;u&#x0364;ße<lb/><hi rendition="#fr">Gabe zu gefallen</hi> ertheilten.</p><lb/>
          <p>Sie hießen mit ihren be&#x017F;ondern Nahmen<lb/><hi rendition="#fr">Aglaia, Thalia,</hi> und <hi rendition="#fr">Euphro&#x017F;yne,</hi> und waren<lb/>
vom Jupiter mit der <hi rendition="#fr">Eurynome,</hi> der &#x017F;cho&#x0364;nen<lb/>
Tochter des Oceans, erzeugt, die unter den <hi rendition="#fr">alten<lb/>
Gottheiten</hi> in den Dichtungen &#x017F;chon mit aufge-<lb/>
treten i&#x017F;t.</p><lb/>
          <p>Den Grazien waren allenthalben Tempel und<lb/>
Alta&#x0364;re errichtet; &#x2014; um ihre Gun&#x017F;t flehte jedes<lb/>
Alter und jeder Stand; &#x2014; ihnen huldigten Ku&#x0364;n-<lb/>
&#x017F;te und Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaften; &#x2014; auf ihren Alta&#x0364;ren zu&#x0364;n-<lb/>
dete man ta&#x0364;glich Weihrauch an; &#x2014; bei jedem fro-<lb/>
hen Ga&#x017F;tmahl waren &#x017F;ie die Lo&#x017F;ung, und man<lb/>
nannte mit Ehrfurcht ihre Nahmen.</p><lb/>
          <p>Dem Amor und den Mu&#x017F;en wurden die Gra-<lb/>
zien zuge&#x017F;ellt; oft hatten &#x017F;ie mit dem Amor, o&#x0364;fter<lb/>
noch mit den Mu&#x017F;en, gemein&#x017F;chaftlich einen Tem-<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[311/0371] Grazien. Die hohen blendenden Reitze der maͤchtigen Liebesgoͤttin, vervielfaͤltigen ſich in den Grazien oder Charitinnen, und wurden wohlthaͤtig, ſanft und milde. Vom Himmel ſenkten die drei Huld- goͤttinnen zu den Sterblichen ſich hernieder, um die ſchoͤnen Empfindungen der Dankbarkeit und des wechſelſeitigen Wohlwollens in jeden Bu- ſen einzufloͤßen. Auch waren ſie es, welche vor allen andern Goͤttern, den Menſchen die ſuͤße Gabe zu gefallen ertheilten. Sie hießen mit ihren beſondern Nahmen Aglaia, Thalia, und Euphroſyne, und waren vom Jupiter mit der Eurynome, der ſchoͤnen Tochter des Oceans, erzeugt, die unter den alten Gottheiten in den Dichtungen ſchon mit aufge- treten iſt. Den Grazien waren allenthalben Tempel und Altaͤre errichtet; — um ihre Gunſt flehte jedes Alter und jeder Stand; — ihnen huldigten Kuͤn- ſte und Wiſſenſchaften; — auf ihren Altaͤren zuͤn- dete man taͤglich Weihrauch an; — bei jedem fro- hen Gaſtmahl waren ſie die Loſung, und man nannte mit Ehrfurcht ihre Nahmen. Dem Amor und den Muſen wurden die Gra- zien zugeſellt; oft hatten ſie mit dem Amor, oͤfter noch mit den Muſen, gemeinſchaftlich einen Tem-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_goetterlehre_1791
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_goetterlehre_1791/371
Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp: Götterlehre oder mythologische Dichtungen der Alten. Berlin, 1791, S. 311. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_goetterlehre_1791/371>, abgerufen am 28.09.2020.