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Moritz, Karl Philipp: Götterlehre oder mythologische Dichtungen der Alten. Berlin, 1791.

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In der Gestalt des Adlers, welcher den Don-
ner trug, entführte Jupiter seinen Liebling, von
dem Gipfel des Ida, und trug ihn sanft in den
gekrümmten Klauen, schwebend, von der Erd'
empor.

In diese schöne Dichtung hüllte die tröstende
Phantasie den frühen Verlust des Jünglings ein,
dessen Jugend und Schönheit man sich unmöglich
als sterblich denken konnte, und daher sein Ver-
schwinden,
als eine Hinwegrückung von der Erde
zum Sitz der unsterblichen Götter sich erklärte.

In diese Sehnsucht nach dem Genuß eines
höhern Daseyns, lößt, nach der erhabnen Dar-
stellung eines neuern Dichters, die schöne Fabel
vom Ganymed sich auf:

Ganymed.

Wie im Morgenglanze
Du rings mich anglühst,
Frühling, Geliebter!
Mit tausendfacher Liebeswonne
Sich an mein Herz drängt
Deiner ewigen Wärme
Heilig Gefühl,
Unendliche Schöne!
Daß ich dich fassen möcht'
In diesen Arm!

In der Geſtalt des Adlers, welcher den Don-
ner trug, entfuͤhrte Jupiter ſeinen Liebling, von
dem Gipfel des Ida, und trug ihn ſanft in den
gekruͤmmten Klauen, ſchwebend, von der Erd’
empor.

In dieſe ſchoͤne Dichtung huͤllte die troͤſtende
Phantaſie den fruͤhen Verluſt des Juͤnglings ein,
deſſen Jugend und Schoͤnheit man ſich unmoͤglich
als ſterblich denken konnte, und daher ſein Ver-
ſchwinden,
als eine Hinwegruͤckung von der Erde
zum Sitz der unſterblichen Goͤtter ſich erklaͤrte.

In dieſe Sehnſucht nach dem Genuß eines
hoͤhern Daſeyns, loͤßt, nach der erhabnen Dar-
ſtellung eines neuern Dichters, die ſchoͤne Fabel
vom Ganymed ſich auf:

Ganymed.

Wie im Morgenglanze
Du rings mich angluͤhſt,
Fruͤhling, Geliebter!
Mit tauſendfacher Liebeswonne
Sich an mein Herz draͤngt
Deiner ewigen Waͤrme
Heilig Gefuͤhl,
Unendliche Schoͤne!
Daß ich dich faſſen moͤcht’
In dieſen Arm!
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[331/0399] In der Geſtalt des Adlers, welcher den Don- ner trug, entfuͤhrte Jupiter ſeinen Liebling, von dem Gipfel des Ida, und trug ihn ſanft in den gekruͤmmten Klauen, ſchwebend, von der Erd’ empor. In dieſe ſchoͤne Dichtung huͤllte die troͤſtende Phantaſie den fruͤhen Verluſt des Juͤnglings ein, deſſen Jugend und Schoͤnheit man ſich unmoͤglich als ſterblich denken konnte, und daher ſein Ver- ſchwinden, als eine Hinwegruͤckung von der Erde zum Sitz der unſterblichen Goͤtter ſich erklaͤrte. In dieſe Sehnſucht nach dem Genuß eines hoͤhern Daſeyns, loͤßt, nach der erhabnen Dar- ſtellung eines neuern Dichters, die ſchoͤne Fabel vom Ganymed ſich auf: Ganymed. Wie im Morgenglanze Du rings mich angluͤhſt, Fruͤhling, Geliebter! Mit tauſendfacher Liebeswonne Sich an mein Herz draͤngt Deiner ewigen Waͤrme Heilig Gefuͤhl, Unendliche Schoͤne! Daß ich dich faſſen moͤcht’ In dieſen Arm!

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Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp: Götterlehre oder mythologische Dichtungen der Alten. Berlin, 1791, S. 331. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_goetterlehre_1791/399>, abgerufen am 28.09.2020.