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Müller, Karl Otfried: Die Dorier. Vier Bücher. Bd. 2. Breslau, 1824.

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drittens ein leider sehr geringes Fragment eines Ca-
pitäls; weiter eine Tafel von weißem Marmor mit
einer Art muschelförmigen Verzierung. Das Brittische
Museum bewahrt zwei Tafeln von glänzend grüner
und dunkelrother Steinart auf, beide von dem genann-
ten Schatzhause genommen, die besonders jene Schnek-
kenlinien zeigen, und sich durch sehr fleißige Ausfüh-
rung -- jedoch ganz ohne mathematische Präcision --
auszeichnen 1. Doch dies nur, um vorläufig auf diese
merkwürdigsten Fragmente uralter Griechenkunst auf-
merksam zu machen. Mir genügen diese Ueberreste,
um daraus das Gebäude, dem sie angehören, in seiner
seltsamen Pracht bunter Steinarten mit reichem und
mannigfaltigem Schmucke, inwendig wahrscheinlich mit
Platten von Bronze bekleidet, als ein Denkmal der im
Geiste noch halb barbarischen Kunst des ältesten Grie-
chenlands aufsteigen zu sehn.

3.

Dagegen stelle man nun die Einfachheit,
Schmucklosigkeit und ruhige Größe der Baukunst, die
das Alterthum mit Uebereinstimmung die Dorische
nannte 2. So gesichert es scheint, daß diese sich mit
großer Consequenz aus dem Holzbau entwickelt habe:
so wenig kann ich damit die Annahme eines fremden

1 Synopsis of the Br. Mus. (19. Edit.) R. 13, 220. 221.
2 S. bes. Vitruv 4, 1., dessen Erzählung freilich ungeschichtlich.
In Athen nannte man fortwährend die Triglyphen Dorikas tri-
gluphous, Eurip. Orest. 1378., in welcher Stelle auch noch die
ursprünglichen von Holz sehr deutlich durch die Zusammen-
stellung mit kedrotois teremnois bezeichnet sind. Auch das Do-
rikon kumation, d. i. die Kehle, hat ihren Namen von der An-
wendung in dieser Baukunst, z. B. unter dem Kranze; und das
Lesbion kumation, die Welle, muß erst später unter den Aeolern
daraus hervorgegangen sein, bei denen auch die Lesbia oikodome
einheimisch, die einen sehr beweglichen kanon erforderte. Aristot-
Eth. Nik. 5, 10, 7. und Michael Ephes. zur Stelle.
III 17

drittens ein leider ſehr geringes Fragment eines Ca-
pitaͤls; weiter eine Tafel von weißem Marmor mit
einer Art muſchelfoͤrmigen Verzierung. Das Brittiſche
Muſeum bewahrt zwei Tafeln von glaͤnzend gruͤner
und dunkelrother Steinart auf, beide von dem genann-
ten Schatzhauſe genommen, die beſonders jene Schnek-
kenlinien zeigen, und ſich durch ſehr fleißige Ausfuͤh-
rung — jedoch ganz ohne mathematiſche Praͤciſion —
auszeichnen 1. Doch dies nur, um vorlaͤufig auf dieſe
merkwuͤrdigſten Fragmente uralter Griechenkunſt auf-
merkſam zu machen. Mir genuͤgen dieſe Ueberreſte,
um daraus das Gebaͤude, dem ſie angehoͤren, in ſeiner
ſeltſamen Pracht bunter Steinarten mit reichem und
mannigfaltigem Schmucke, inwendig wahrſcheinlich mit
Platten von Bronze bekleidet, als ein Denkmal der im
Geiſte noch halb barbariſchen Kunſt des aͤlteſten Grie-
chenlands aufſteigen zu ſehn.

3.

Dagegen ſtelle man nun die Einfachheit,
Schmuckloſigkeit und ruhige Groͤße der Baukunſt, die
das Alterthum mit Uebereinſtimmung die Doriſche
nannte 2. So geſichert es ſcheint, daß dieſe ſich mit
großer Conſequenz aus dem Holzbau entwickelt habe:
ſo wenig kann ich damit die Annahme eines fremden

1 Synopsis of the Br. Mus. (19. Edit.) R. 13, 220. 221.
2 S. beſ. Vitruv 4, 1., deſſen Erzaͤhlung freilich ungeſchichtlich.
In Athen nannte man fortwaͤhrend die Triglyphen Δωϱικὰς τϱι-
γλύφους, Eurip. Oreſt. 1378., in welcher Stelle auch noch die
urſpruͤnglichen von Holz ſehr deutlich durch die Zuſammen-
ſtellung mit κεδϱωτοῖς τεϱέμνοις bezeichnet ſind. Auch das Δω-
ϱικὸν κυμάτιον, d. i. die Kehle, hat ihren Namen von der An-
wendung in dieſer Baukunſt, z. B. unter dem Kranze; und das
Λέσβιον κυμἀτιον, die Welle, muß erſt ſpaͤter unter den Aeolern
daraus hervorgegangen ſein, bei denen auch die Λεσβία οἰκοδομὴ
einheimiſch, die einen ſehr beweglichen κανὼν erforderte. Ariſtot-
Eth. Nik. 5, 10, 7. und Michael Epheſ. zur Stelle.
III 17
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[257/0263] drittens ein leider ſehr geringes Fragment eines Ca- pitaͤls; weiter eine Tafel von weißem Marmor mit einer Art muſchelfoͤrmigen Verzierung. Das Brittiſche Muſeum bewahrt zwei Tafeln von glaͤnzend gruͤner und dunkelrother Steinart auf, beide von dem genann- ten Schatzhauſe genommen, die beſonders jene Schnek- kenlinien zeigen, und ſich durch ſehr fleißige Ausfuͤh- rung — jedoch ganz ohne mathematiſche Praͤciſion — auszeichnen 1. Doch dies nur, um vorlaͤufig auf dieſe merkwuͤrdigſten Fragmente uralter Griechenkunſt auf- merkſam zu machen. Mir genuͤgen dieſe Ueberreſte, um daraus das Gebaͤude, dem ſie angehoͤren, in ſeiner ſeltſamen Pracht bunter Steinarten mit reichem und mannigfaltigem Schmucke, inwendig wahrſcheinlich mit Platten von Bronze bekleidet, als ein Denkmal der im Geiſte noch halb barbariſchen Kunſt des aͤlteſten Grie- chenlands aufſteigen zu ſehn. 3. Dagegen ſtelle man nun die Einfachheit, Schmuckloſigkeit und ruhige Groͤße der Baukunſt, die das Alterthum mit Uebereinſtimmung die Doriſche nannte 2. So geſichert es ſcheint, daß dieſe ſich mit großer Conſequenz aus dem Holzbau entwickelt habe: ſo wenig kann ich damit die Annahme eines fremden 1 Synopsis of the Br. Mus. (19. Edit.) R. 13, 220. 221. 2 S. beſ. Vitruv 4, 1., deſſen Erzaͤhlung freilich ungeſchichtlich. In Athen nannte man fortwaͤhrend die Triglyphen Δωϱικὰς τϱι- γλύφους, Eurip. Oreſt. 1378., in welcher Stelle auch noch die urſpruͤnglichen von Holz ſehr deutlich durch die Zuſammen- ſtellung mit κεδϱωτοῖς τεϱέμνοις bezeichnet ſind. Auch das Δω- ϱικὸν κυμάτιον, d. i. die Kehle, hat ihren Namen von der An- wendung in dieſer Baukunſt, z. B. unter dem Kranze; und das Λέσβιον κυμἀτιον, die Welle, muß erſt ſpaͤter unter den Aeolern daraus hervorgegangen ſein, bei denen auch die Λεσβία οἰκοδομὴ einheimiſch, die einen ſehr beweglichen κανὼν erforderte. Ariſtot- Eth. Nik. 5, 10, 7. und Michael Epheſ. zur Stelle. III 17

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Zitationshilfe: Müller, Karl Otfried: Die Dorier. Vier Bücher. Bd. 2. Breslau, 1824, S. 257. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/mueller_hellenische03_1824/263>, abgerufen am 19.02.2019.