Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Müller, Karl Otfried: Die Dorier. Vier Bücher. Bd. 2. Breslau, 1824.

Bild:
<< vorherige Seite

die im Gange der Pheiditien eine Ausnahme machten 1.
-- Die Art und Weise des Trinkens war wiederum
die althellenische, die auch, so viel ich finde, bei Ho-
mer allein vorkommt. Es stand nämlich vor jedem
Tischgenossen sein Becher, der ihm von dem Mund-
schenken immer mit gemischtem Weine vollgegossen wur-
de, wenn er daraus getrunken; dagegen wurde nie in
der Reihe herumgetrunken, und Niemand trank dem
Andern zu: alles eigentlich Lydische und durch die Jo-
nier herübergekommene Sitten 2. Bis zur Trunkenheit
zu trinken, war in Sparta wie in Kreta gesetzlich ver-
boten 3; nur Greisen über sechzig Jahre wurde nach
Hause geleuchtet 4.

3.

Aber ein noch schönerer Zug als Nüchternheit
ist die freundliche Gemeinschaft der Dorischen Mahle,
begründet durch die Geschlossenheit der Tischgesellschaf-
ten (etairia in Kreta) 5, welche nur durch einstimmi-
ge freie Wahl (durch Ballottement) neue Mitglieder zu-
ließen 6. Ob dabei Verwandtschaft Ansprüche zum

1 apheditoi emerai nach Hesych. vgl. diaphoigoimor.
2 S. Kritias den Athener bei Athen. 10, 432 d sq. vgl. 11, 463
e. Xen. Staat 5, 4. 5. Plut. Lak. Ap. p. 172. In Kreta
trank dagegen der ganze Tisch aus einem großen Pokale, Dosiadas
bei Ath. 4, 143. Eust. Od. 1860, 45.
3 Ps. Platon Mi-
nos 320. vgl. Gesetze 1, 637 a. aus welcher Stelle man zugleich
sieht, daß allen Bewohnern von Lakonika sumposia untersagt waren.
Auch die Dionysla Sparta's waren nüchterner als sonst. Plat. a.
O. Athen. 4, 155 d.
4 Xen. Staat 5, 7. Plut. Lyk. 12.
5 Oben S. 203. In Sp. hießen die Tischgenossen, wie bei Ho-
mer, daitumones, Alkman bei Str. 10, 482. Frgm. 37. Welck.
Herod. 6, 57., und der Mahlzeit stand ein kreodaites vor, oben
S. 240, 5. vgl. Qu. Symp. 2, 10, 2. p. 102. Pollux 6, 7, 34.;
wie ehemals ein daitros; weil in Sp. nach alter Sitte Jeder sei-
ne abgetheilte Portion bekam.
6 S. außer Plut. Lyk. 12.
besonders Schol. Plat. Ges. 1. p. 229. Ruhnk. p. 449. Bekk.

die im Gange der Pheiditien eine Ausnahme machten 1.
— Die Art und Weiſe des Trinkens war wiederum
die althelleniſche, die auch, ſo viel ich finde, bei Ho-
mer allein vorkommt. Es ſtand naͤmlich vor jedem
Tiſchgenoſſen ſein Becher, der ihm von dem Mund-
ſchenken immer mit gemiſchtem Weine vollgegoſſen wur-
de, wenn er daraus getrunken; dagegen wurde nie in
der Reihe herumgetrunken, und Niemand trank dem
Andern zu: alles eigentlich Lydiſche und durch die Jo-
nier heruͤbergekommene Sitten 2. Bis zur Trunkenheit
zu trinken, war in Sparta wie in Kreta geſetzlich ver-
boten 3; nur Greiſen uͤber ſechzig Jahre wurde nach
Hauſe geleuchtet 4.

3.

Aber ein noch ſchoͤnerer Zug als Nuͤchternheit
iſt die freundliche Gemeinſchaft der Doriſchen Mahle,
begruͤndet durch die Geſchloſſenheit der Tiſchgeſellſchaf-
ten (ἑταιϱία in Kreta) 5, welche nur durch einſtimmi-
ge freie Wahl (durch Ballottement) neue Mitglieder zu-
ließen 6. Ob dabei Verwandtſchaft Anſpruͤche zum

1 ἀφέδιτοι ἡμέϱαι nach Heſych. vgl. διαφοιγοιμόϱ.
2 S. Kritias den Athener bei Athen. 10, 432 d sq. vgl. 11, 463
e. Xen. Staat 5, 4. 5. Plut. Lak. Ap. p. 172. In Kreta
trank dagegen der ganze Tiſch aus einem großen Pokale, Doſiadas
bei Ath. 4, 143. Euſt. Od. 1860, 45.
3 Pſ. Platon Mi-
nos 320. vgl. Geſetze 1, 637 a. aus welcher Stelle man zugleich
ſieht, daß allen Bewohnern von Lakonika συμπόσια unterſagt waren.
Auch die Dionyſla Sparta’s waren nuͤchterner als ſonſt. Plat. a.
O. Athen. 4, 155 d.
4 Xen. Staat 5, 7. Plut. Lyk. 12.
5 Oben S. 203. In Sp. hießen die Tiſchgenoſſen, wie bei Ho-
mer, δαιτὑμονες, Alkman bei Str. 10, 482. Frgm. 37. Welck.
Herod. 6, 57., und der Mahlzeit ſtand ein κϱεωδαίτης vor, oben
S. 240, 5. vgl. Qu. Symp. 2, 10, 2. p. 102. Pollux 6, 7, 34.;
wie ehemals ein δαιτϱός; weil in Sp. nach alter Sitte Jeder ſei-
ne abgetheilte Portion bekam.
6 S. außer Plut. Lyk. 12.
beſonders Schol. Plat. Geſ. 1. p. 229. Ruhnk. p. 449. Bekk.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0282" n="276"/>
die im Gange der Pheiditien eine Ausnahme machten <note place="foot" n="1">&#x1F00;&#x03C6;&#x03AD;&#x03B4;&#x03B9;&#x03C4;&#x03BF;&#x03B9; &#x1F21;&#x03BC;&#x03AD;&#x03F1;&#x03B1;&#x03B9; nach He&#x017F;ych. vgl. &#x03B4;&#x03B9;&#x03B1;&#x03C6;&#x03BF;&#x03B9;&#x03B3;&#x03BF;&#x03B9;&#x03BC;&#x03CC;&#x03F1;.</note>.<lb/>
&#x2014; Die Art und Wei&#x017F;e des <hi rendition="#g">Trinkens</hi> war wiederum<lb/>
die althelleni&#x017F;che, die auch, &#x017F;o viel ich finde, bei Ho-<lb/>
mer allein vorkommt. Es &#x017F;tand na&#x0364;mlich vor jedem<lb/>
Ti&#x017F;chgeno&#x017F;&#x017F;en &#x017F;ein Becher, der ihm von dem Mund-<lb/>
&#x017F;chenken immer mit gemi&#x017F;chtem Weine vollgego&#x017F;&#x017F;en wur-<lb/>
de, wenn er daraus getrunken; dagegen wurde nie in<lb/>
der Reihe herumgetrunken, und Niemand trank dem<lb/>
Andern zu: alles eigentlich Lydi&#x017F;che und durch die Jo-<lb/>
nier heru&#x0364;bergekommene Sitten <note place="foot" n="2">S. Kritias den Athener bei Athen. 10, 432 <hi rendition="#aq">d sq.</hi> vgl. 11, 463<lb/><hi rendition="#aq">e.</hi> Xen. Staat 5, 4. 5. Plut. Lak. Ap. <hi rendition="#aq">p.</hi> 172. In <hi rendition="#g">Kreta</hi><lb/>
trank dagegen der ganze Ti&#x017F;ch aus <hi rendition="#g">einem</hi> großen Pokale, Do&#x017F;iadas<lb/>
bei Ath. 4, 143. Eu&#x017F;t. Od. 1860, 45.</note>. Bis zur Trunkenheit<lb/>
zu trinken, war in Sparta wie in Kreta ge&#x017F;etzlich ver-<lb/>
boten <note place="foot" n="3">P&#x017F;. Platon Mi-<lb/>
nos 320. vgl. Ge&#x017F;etze 1, 637 <hi rendition="#aq">a.</hi> aus welcher Stelle man zugleich<lb/>
&#x017F;ieht, daß allen Bewohnern von Lakonika &#x03C3;&#x03C5;&#x03BC;&#x03C0;&#x03CC;&#x03C3;&#x03B9;&#x03B1; unter&#x017F;agt waren.<lb/>
Auch die Diony&#x017F;la Sparta&#x2019;s waren nu&#x0364;chterner als &#x017F;on&#x017F;t. Plat. a.<lb/>
O. Athen. 4, 155 <hi rendition="#aq">d.</hi></note>; nur Grei&#x017F;en u&#x0364;ber &#x017F;echzig Jahre wurde nach<lb/>
Hau&#x017F;e geleuchtet <note place="foot" n="4">Xen. Staat 5, 7. Plut. Lyk. 12.</note>.</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head>3.</head><lb/>
            <p>Aber ein noch &#x017F;cho&#x0364;nerer Zug als Nu&#x0364;chternheit<lb/>
i&#x017F;t die freundliche Gemein&#x017F;chaft der Dori&#x017F;chen Mahle,<lb/>
begru&#x0364;ndet durch die Ge&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;enheit der Ti&#x017F;chge&#x017F;ell&#x017F;chaf-<lb/>
ten (&#x1F11;&#x03C4;&#x03B1;&#x03B9;&#x03F1;&#x03AF;&#x03B1; in Kreta) <note place="foot" n="5">Oben S. 203. In Sp. hießen die Ti&#x017F;chgeno&#x017F;&#x017F;en, wie bei Ho-<lb/>
mer, &#x03B4;&#x03B1;&#x03B9;&#x03C4;&#x1F51;&#x03BC;&#x03BF;&#x03BD;&#x03B5;&#x03C2;, Alkman bei Str. 10, 482. Frgm. 37. Welck.<lb/>
Herod. 6, 57., und der Mahlzeit &#x017F;tand ein &#x03BA;&#x03F1;&#x03B5;&#x03C9;&#x03B4;&#x03B1;&#x03AF;&#x03C4;&#x03B7;&#x03C2; vor, oben<lb/>
S. 240, 5. vgl. <hi rendition="#aq">Qu. Symp. 2, 10, 2. p.</hi> 102. Pollux 6, 7, 34.;<lb/>
wie ehemals ein &#x03B4;&#x03B1;&#x03B9;&#x03C4;&#x03F1;&#x03CC;&#x03C2;; weil in Sp. nach alter Sitte Jeder &#x017F;ei-<lb/>
ne abgetheilte <hi rendition="#g">Portion</hi> bekam.</note>, welche nur durch ein&#x017F;timmi-<lb/>
ge freie Wahl (durch Ballottement) neue Mitglieder zu-<lb/>
ließen <note place="foot" n="6">S. außer Plut. Lyk. 12.<lb/>
be&#x017F;onders Schol. Plat. Ge&#x017F;. 1. <hi rendition="#aq">p.</hi> 229. Ruhnk. <hi rendition="#aq">p.</hi> 449. Bekk.</note>. Ob dabei Verwandt&#x017F;chaft An&#x017F;pru&#x0364;che zum<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[276/0282] die im Gange der Pheiditien eine Ausnahme machten 1. — Die Art und Weiſe des Trinkens war wiederum die althelleniſche, die auch, ſo viel ich finde, bei Ho- mer allein vorkommt. Es ſtand naͤmlich vor jedem Tiſchgenoſſen ſein Becher, der ihm von dem Mund- ſchenken immer mit gemiſchtem Weine vollgegoſſen wur- de, wenn er daraus getrunken; dagegen wurde nie in der Reihe herumgetrunken, und Niemand trank dem Andern zu: alles eigentlich Lydiſche und durch die Jo- nier heruͤbergekommene Sitten 2. Bis zur Trunkenheit zu trinken, war in Sparta wie in Kreta geſetzlich ver- boten 3; nur Greiſen uͤber ſechzig Jahre wurde nach Hauſe geleuchtet 4. 3. Aber ein noch ſchoͤnerer Zug als Nuͤchternheit iſt die freundliche Gemeinſchaft der Doriſchen Mahle, begruͤndet durch die Geſchloſſenheit der Tiſchgeſellſchaf- ten (ἑταιϱία in Kreta) 5, welche nur durch einſtimmi- ge freie Wahl (durch Ballottement) neue Mitglieder zu- ließen 6. Ob dabei Verwandtſchaft Anſpruͤche zum 1 ἀφέδιτοι ἡμέϱαι nach Heſych. vgl. διαφοιγοιμόϱ. 2 S. Kritias den Athener bei Athen. 10, 432 d sq. vgl. 11, 463 e. Xen. Staat 5, 4. 5. Plut. Lak. Ap. p. 172. In Kreta trank dagegen der ganze Tiſch aus einem großen Pokale, Doſiadas bei Ath. 4, 143. Euſt. Od. 1860, 45. 3 Pſ. Platon Mi- nos 320. vgl. Geſetze 1, 637 a. aus welcher Stelle man zugleich ſieht, daß allen Bewohnern von Lakonika συμπόσια unterſagt waren. Auch die Dionyſla Sparta’s waren nuͤchterner als ſonſt. Plat. a. O. Athen. 4, 155 d. 4 Xen. Staat 5, 7. Plut. Lyk. 12. 5 Oben S. 203. In Sp. hießen die Tiſchgenoſſen, wie bei Ho- mer, δαιτὑμονες, Alkman bei Str. 10, 482. Frgm. 37. Welck. Herod. 6, 57., und der Mahlzeit ſtand ein κϱεωδαίτης vor, oben S. 240, 5. vgl. Qu. Symp. 2, 10, 2. p. 102. Pollux 6, 7, 34.; wie ehemals ein δαιτϱός; weil in Sp. nach alter Sitte Jeder ſei- ne abgetheilte Portion bekam. 6 S. außer Plut. Lyk. 12. beſonders Schol. Plat. Geſ. 1. p. 229. Ruhnk. p. 449. Bekk.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/mueller_hellenische03_1824
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/mueller_hellenische03_1824/282
Zitationshilfe: Müller, Karl Otfried: Die Dorier. Vier Bücher. Bd. 2. Breslau, 1824, S. 276. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/mueller_hellenische03_1824/282>, abgerufen am 19.02.2019.