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Müller, Karl Otfried: Die Dorier. Vier Bücher. Bd. 2. Breslau, 1824.

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fruchtbaren Ebne; als Ueberrest und Erinnerung des-
selben ist sie im Contraste mit dem auf breiter Basis
aufgerichteten, unabhängigen und sorglosen Dasein der
Dorier in späterer Zeit stehn geblieben; so daß man,
was die gesammte Nation in ihrer frühern Jugend
stählte und erkräftigte, nun auch zur Erziehung der
Individuen desselben Alters geeignet fand. -- Von
dem Triumphe Spartiatischer Abhärtung, der Durch-
peitschung am Altar der Orthia, ist oben schon ge-
zeigt, wle dazu durch eine merkwürdige Umbildung in
ächthellenischem Geiste die düstern Forderungen eines
blutigen Cultus benutzt worden waren 1.

7.

Noch sind als etwas Charakteristisches die
gymnastischen Kriegsspiele hervorzuheben, die unter al-
len Griechen den Kretern und Spartiaten eigenthüm-
lich waren. Bei diesen lieferten sich die Epheben,
nach einem Opfer für Enyalios im Phöbäon zu The-
rapne, auf einer von Gräben gebildeten Insel, bei dem
Platanistas genannten Garten, eine förmliche Schlacht,
nur ohne Waffen, bei der sie alle Kräfte und Mittel
zum Siege aufboten 2; auf Kreta unternahmen die

1 Bd. 2. S. 382. Die dort erwähnte phouaxir kommt wohl her
von phusis, lak. phouis, od. auch phua, phoua, u. askesis zusmgez. in
axis, axir. Ueber die diamastigosis vgl. Plut. Lyk. 18. Inst.
Lac. p.
254. Athen. 8, 350 c. Luklan Ikarom. 16. Musonios
bei Stob. Serm. 92. p. 307. Schol. Platon. Ges. 1. S. 224 R.
p. 450. Bekk. Cic. Qu. Tusc. 5, 27. Seneca de prov. 4. dazu
die Stellen bei Manso 1, 2. S. 183. Creuzer Init. philos. Plat.
2. p.
166. Ein bomonikes kommt noch in der S. 128, 7. citir-
ten Inschr. vor. Daß der bronzene Knabe zu Berlin ein solcher
sei, wie Thiersch vermuthet hat, will mir noch nicht einleuchten;
eher möchte ich ihn für einen Sieger des Pankration en paisi hal-
ten, vorgestellt wie er zu Zeus um Sieg betet.
2 Paus. 3,
14, 8. vgl. 11, 2. Plat. Ges. 1. S. 633. Cie. Qu. Tusc. 5, 27.

fruchtbaren Ebne; als Ueberreſt und Erinnerung des-
ſelben iſt ſie im Contraſte mit dem auf breiter Baſis
aufgerichteten, unabhaͤngigen und ſorgloſen Daſein der
Dorier in ſpaͤterer Zeit ſtehn geblieben; ſo daß man,
was die geſammte Nation in ihrer fruͤhern Jugend
ſtaͤhlte und erkraͤftigte, nun auch zur Erziehung der
Individuen deſſelben Alters geeignet fand. — Von
dem Triumphe Spartiatiſcher Abhaͤrtung, der Durch-
peitſchung am Altar der Orthia, iſt oben ſchon ge-
zeigt, wle dazu durch eine merkwuͤrdige Umbildung in
aͤchthelleniſchem Geiſte die duͤſtern Forderungen eines
blutigen Cultus benutzt worden waren 1.

7.

Noch ſind als etwas Charakteriſtiſches die
gymnaſtiſchen Kriegsſpiele hervorzuheben, die unter al-
len Griechen den Kretern und Spartiaten eigenthuͤm-
lich waren. Bei dieſen lieferten ſich die Epheben,
nach einem Opfer fuͤr Enyalios im Phoͤbaͤon zu The-
rapne, auf einer von Graͤben gebildeten Inſel, bei dem
Plataniſtas genannten Garten, eine foͤrmliche Schlacht,
nur ohne Waffen, bei der ſie alle Kraͤfte und Mittel
zum Siege aufboten 2; auf Kreta unternahmen die

1 Bd. 2. S. 382. Die dort erwaͤhnte φούαξιϱ kommt wohl her
von φύσις, lak. φοῦἱς, od. auch φύα, φούα, u. ἄσκησις zuſmgez. in
ἄξις, ἄξιϱ. Ueber die διαμαστίγωσις vgl. Plut. Lyk. 18. Inst.
Lac. p.
254. Athen. 8, 350 c. Luklan Ikarom. 16. Muſonios
bei Stob. Serm. 92. p. 307. Schol. Platon. Geſ. 1. S. 224 R.
p. 450. Bekk. Cic. Qu. Tusc. 5, 27. Seneca de prov. 4. dazu
die Stellen bei Manſo 1, 2. S. 183. Creuzer Init. philos. Plat.
2. p.
166. Ein βωμονὶκης kommt noch in der S. 128, 7. citir-
ten Inſchr. vor. Daß der bronzene Knabe zu Berlin ein ſolcher
ſei, wie Thierſch vermuthet hat, will mir noch nicht einleuchten;
eher moͤchte ich ihn fuͤr einen Sieger des Pankration ἐν παισὶ hal-
ten, vorgeſtellt wie er zu Zeus um Sieg betet.
2 Pauſ. 3,
14, 8. vgl. 11, 2. Plat. Geſ. 1. S. 633. Cie. Qu. Tusc. 5, 27.
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[312/0318] fruchtbaren Ebne; als Ueberreſt und Erinnerung des- ſelben iſt ſie im Contraſte mit dem auf breiter Baſis aufgerichteten, unabhaͤngigen und ſorgloſen Daſein der Dorier in ſpaͤterer Zeit ſtehn geblieben; ſo daß man, was die geſammte Nation in ihrer fruͤhern Jugend ſtaͤhlte und erkraͤftigte, nun auch zur Erziehung der Individuen deſſelben Alters geeignet fand. — Von dem Triumphe Spartiatiſcher Abhaͤrtung, der Durch- peitſchung am Altar der Orthia, iſt oben ſchon ge- zeigt, wle dazu durch eine merkwuͤrdige Umbildung in aͤchthelleniſchem Geiſte die duͤſtern Forderungen eines blutigen Cultus benutzt worden waren 1. 7. Noch ſind als etwas Charakteriſtiſches die gymnaſtiſchen Kriegsſpiele hervorzuheben, die unter al- len Griechen den Kretern und Spartiaten eigenthuͤm- lich waren. Bei dieſen lieferten ſich die Epheben, nach einem Opfer fuͤr Enyalios im Phoͤbaͤon zu The- rapne, auf einer von Graͤben gebildeten Inſel, bei dem Plataniſtas genannten Garten, eine foͤrmliche Schlacht, nur ohne Waffen, bei der ſie alle Kraͤfte und Mittel zum Siege aufboten 2; auf Kreta unternahmen die 1 Bd. 2. S. 382. Die dort erwaͤhnte φούαξιϱ kommt wohl her von φύσις, lak. φοῦἱς, od. auch φύα, φούα, u. ἄσκησις zuſmgez. in ἄξις, ἄξιϱ. Ueber die διαμαστίγωσις vgl. Plut. Lyk. 18. Inst. Lac. p. 254. Athen. 8, 350 c. Luklan Ikarom. 16. Muſonios bei Stob. Serm. 92. p. 307. Schol. Platon. Geſ. 1. S. 224 R. p. 450. Bekk. Cic. Qu. Tusc. 5, 27. Seneca de prov. 4. dazu die Stellen bei Manſo 1, 2. S. 183. Creuzer Init. philos. Plat. 2. p. 166. Ein βωμονὶκης kommt noch in der S. 128, 7. citir- ten Inſchr. vor. Daß der bronzene Knabe zu Berlin ein ſolcher ſei, wie Thierſch vermuthet hat, will mir noch nicht einleuchten; eher moͤchte ich ihn fuͤr einen Sieger des Pankration ἐν παισὶ hal- ten, vorgeſtellt wie er zu Zeus um Sieg betet. 2 Pauſ. 3, 14, 8. vgl. 11, 2. Plat. Geſ. 1. S. 633. Cie. Qu. Tusc. 5, 27.

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Zitationshilfe: Müller, Karl Otfried: Die Dorier. Vier Bücher. Bd. 2. Breslau, 1824, S. 312. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/mueller_hellenische03_1824/318>, abgerufen am 19.02.2019.